Fehlercode: %{errorCode}

"Da blutet mir das Herz": Wie Grifos Auswechslung Freiburgs Spiel veränderte

kicker

Aus Bologna berichtet Carsten Schröter-Lorenz

"Ich habe ein ausgezeichnetes Verhältnis zu Vincenzo, auch wenn er etwas deutscher ist und ja schon lange in Freiburg spielt", antwortete Riccardo Orsolini mit einem Schmunzeln auf die kicker-Frage nach seinem italienischen Kollegen auf Seiten des Gegners. "Wir haben mit der Nationalmannschaft gegen Estland gespielt und beide getroffen", erinnerte sich auch Bolognas Rechtsaußen an die vor allem für Grifo besondere Partie am 11. November 2020: "Er ist ein sehr netter Mensch und wir werden gleich die Trikots tauschen", verriet Orsolino noch, da stand Grifo schon wartend hinter der nächsten Ecke mit seinem Jersey in der Hand.

Das 1:1 zwischen Bologna und Freiburg war für den freundschaftlichen Austausch zwischen Kontrahenten das nahezu ideale Ergebnis. Grifo selbst sprach allerdings nicht in der Mixed Zone. Und das hatte seine Gründe. Schon zur Halbzeit war er ausgewechselt worden. Wie schon in den beiden Achtelfinal-Duellen mit Juventus Turin in der Europa-League-Saison 2022/23 konnte der alljährliche Freiburger Top-Scorer auch im dritten Pflichtspielduell mit einem Klub aus seinem Heimatland nicht glänzen. Persönlich sicher eine Enttäuschung für den ehrgeizigen Offensivspieler, wenngleich sich dieser immer auch als Teamplayer versteht und verhält.

Der Freiburger Stil gegen Hoffenheim und Bologna kommt Grifo nicht entgegen

Grifo blieb offensiv komplett wirkungslos als Teil einer insgesamt sehr ungefährlichen Freiburger Offensivabteilung in der ersten Hälfte. Auch über Standards konnte der Spezialist mit dem starken rechten Fuß keine Gefahr erzeugen. Nach einem Halbfeldfreistoß und einer Ecke übernahm Linksfüßer Niklas Beste bei den ruhenden Bällen und leitete mit einem Eckstoß prompt die einzige Freiburger Torchance vor der Pause ein. Johan Manzambi brachte den Ball freistehend aus elf Metern aber nicht am auf der Linie rettenden Stürmer Santiago Castro vorbei.

Vorausgegangen war ein langer Ginter-Ball in Richtung Philipp Treu, den Martin Vitik unglücklich zur Ecke klärte. Lange Bälle über das Pressing des recht hoch stehenden Gegners und der anschließende Kampf um zweite Bälle - das war wie schon beim intensiven Abnutzungskampf gegen Hoffenheim (1:1) meist das Mittel der Wahl beim SC. Ein Stil, der dem mit dem Ball am Fuß starken, aber wenig dynamischen Grifo naturgemäß nicht entgegenkommt. In der Defensive war er bei einem Schnittstellenpass seines Kumpels Orsolini auf Castro obendrein nicht optimal positioniert.

Grifo war keineswegs der Alleinverantwortliche für Freiburgs offensive Harmlosigkeit. Auch Beste und der sonst durch seine erfrischende Stärke im Eins-gegen-eins so wirkungsvolle Johan Manzambi kamen nicht durch, Junior Adamu war bei allem Engagement in der Spitze meist von der starken Bologna-Innenverteidigung abgemeldet. Dennoch war Grifos Auswechslung zur Pause nachvollziehbar. Der SC brauchte ein anderes Element, um das Spiel zu seinen Gunsten verändern zu können.

Schuster: "Genau die Momente, die du als Trainer nicht berücksichtigen kannst"

"Natürlich blutet mir auf der einen Seite das Herz, wenn ich den Vince hier auswechseln muss, aber das sind genau die Momente, die du als Trainer eben nicht berücksichtigen kannst, sondern es geht um die Mannschaft", erklärte Trainer Julian Schuster: "Das weiß auch der Vince. Deshalb hat auch er die Mannschaft dann von draußen unterstützt. Das sind Signale, die für uns wichtig sind."

Mit seiner Maßnahme, den schnellen Derry Scherhant für Grifo auf links außen zu bringen, lagen Schuster und sein Trainerstab goldrichtig. Fortan konnte der SC das Spiel breiter anlegen, den Gegner auseinanderziehen, weil Scherhant mit seinem Speed aus einer solchen Breite heraus eine ernst zu nehmende Gefahr bei Tiefenläufen darstellt. Gleich die erste Chance nach der Pause leitete Scherhant in der eigenen Hälfte ein: Über Maximilian Eggestein und Adamu kam der Ball zu Patrick Osterhage, der den durchstartenden Scherhant steil in den Strafraum schickte. Sein Linksschuss war jedoch keine allzu große Herausforderung für Bologna-Keeper Lukasz Skorupski.

"Gegen solche Mannschaften hilft es, wenn du Spieler hast, die Eins-gegen-eins-Situationen auflösen können. Deshalb hat es zu Derry gut gepasst", sagte Schuster, der in der Pause seinen Spielern einen klaren Auftrag mitgegeben hatte: "Nach Ballgewinnen mutig sein, nicht nur einen Kontakt nehmen, weil du diesen Stress hast, sondern auch den zweiten, dritten nehmen und dann ziehst du halt ein Foul. Das war wichtig und der Unterschied in der zweiten Halbzeit, warum wir mehr Aktionen hatten, die Richtung gegnerisches Tor gingen."

Atubolus Patzer am Ende einer Fehlerkette

Den Ausgleich brachte die von Beste servierte Ecke unmittelbar nach Skorupskis Parade gegen Scherhant auf den Weg. Castro beging ein klares Handspiel auf Kopfhöhe, das der wechselhafte und vor allem bei Bolognas Spielverzögerungen verblüffend inkonsequente serbische Schiedsrichter Nenad Minakovic immerhin nach VAR-Hinweis in der Review Area erkannte. Adamu - laut Schuster in Abwesenheit von Grifo einer der möglichen Schützen - schnappte sich den Ball und verwandelte ins freie Eck, obwohl er den Ball nicht satt getroffen hatte.

Der Stürmer, der bei der Ballbehauptung immer mal wieder unglücklich aussieht, im Spiel gegen Bologna diesmal aber 73 Prozent der Pässe erfolgreich anbrachte sowie satte 20 Zweikämpfe bestritt und davon respektable 45 Prozent gewann, glich damit die große defensive Fehlerkette aus der ersten Hälfte aus.

Der ansonsten präsente Ginter hatte mit einem Querschläger zunächst einen unnötigen Einwurf verursacht und dann Flankengeber Jens Ödgaard zu viel Platz gelassen. In der Mitte war dem nach Krankheit zurückgekehrten Philipp Lienhart der Befreiungsschlag misslungen und der vor allem anfangs sehr auffällige Nicolo Cambiaghi an Philipp Treu vorbei zum Schuss gekommen. Den Abschluss schien Noah Atubolu schon gesichert zu haben, ehe er ihn aus den Armen wieder nach vorne zu Torschütze Orsolini herausrollen ließ. Ein dicker Patzer des zuletzt so konstant starken Torwarts, ohne den die kleineren Unzulänglichkeiten der Mitspieler nicht ins Gewicht gefallen wären.

Dass der SC diesen frühen Nackenschlag gegen eine, wie von Schuster prophezeit, äußerst unangenehm zu bespielende Mannschaft verkraftete und sich in der zweiten Hälfte so deutlich steigerte, ist hoch einzuschätzen. Am Ende stand sogar ein Chancenplus von 6:4 zugunsten der Gäste, bei denen Scherhant und Beste bei einer großen Doppelchance zum möglichen Siegtreffer jeweils an Skorupski scheiterten. Im Rahmen von Bolognas Schlussoffensive nur noch zwei Ödgaard-Fernschüsse zuzulassen, spricht ebenso für die Schuster-Elf.

Beginnt in Gladbach Scherhant für Grifo?

Dementsprechend zufrieden war am Ende auch der Trainer. "Es war eine tolle Leistung in einem wirklich nicht einfachen Spiel. Die Jungs haben die Herausforderung sehr gut angenommen und leidenschaftlich verteidigt. Am Ende hätten wir auch mit drei Punkten nach Hause reisen können. In Bologna einen Punkt mitzunehmen, vor allem nach Rückstand, ist aber bemerkenswert", sagte Schuster.

Mit Blick auf die offensive Herangehensweise vor der Pause und den Auftritt mit verändertem Personal danach, stellt sich allerdings die Frage, ob der SC nicht auch mal mit dieser Ausrichtung starten sollte. Auch, wenn er die Krönung bei seinen beiden Torchancen verpasste, warb Scherhant erneut für sich. Und auch Stoßstürmer Igor Matanovic zeigte in seinem Kurzauftritt mit zwei guten Ballbehauptungen auf engem Raum, dass er für die Mannschaft offensiv einen Mehrwert darstellen kann.

Während bei ihm das Momentum für Angriffskollege Adamu spricht, hat sich Scherhant nachhaltig dafür beworben, erstmals ein Startelfmandat zu erhalten. Am Sonntagabend in Mönchengladbach bietet sich die nächste Chance dafür. Für Grifo würde es dann wohl im neunten Pflichtspiel der Saison erstmals einen Bankplatz zu Spielbeginn bedeuten. Aber auch das würde der neunmalige italienische Nationalspieler verkraften, der auch diese Saison Top-Scorer ist und sicher wieder wichtig für seine Mannschaft sein wird.

Auch in persönlich nicht besonders erfreulichen Momenten bewahrt sich Grifo seine positive Grundeinstellung zum Leben. Am Mittwochabend wird er sich mindestens über den vierten Punkt im zweiten Europa-League-Spiel gefreut haben. Und natürlich über den Trikottausch und das Wiedersehen mit Orsolini.