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Der beste Harry Kane der Welt

kicker

Einfach ist es allemal, Harry Kane als selbstverständlich zu betrachten. Nicht mal er selbst wirkte sonderlich überrascht, als er den Eckball von Joshua Kimmich am Samstagabend ins Tor köpfte. Das sind halt Dinge, die inzwischen dazu gehören zu einem Fußballspiel mit Bayern-Beteiligung: Ein Tor von Harry Kane, gelegentlich auch eine Vorlage und etliche Aktionen, bei denen man eigentlich sagen müsste: So richtig normal ist das für einen Stürmer alles nicht.

Aber dann ergibt es eben doch wieder Sinn, weil Kane ja zweifelsohne ein Weltklasse-Stürmer ist, aber eben auch kein normaler Stürmer. Und das inzwischen sogar ganz offiziell, er durfte gegen den BVB schließlich wie schon auf Zypern wieder offiziell als Zehner hinter Nicolas Jackson auflaufen. Und diese Rolle dann als Teilzeit-Sechser, Achter oder Linksverteidiger interpretieren.

Was dabei herauskam, war eine ziemlich perfekte Leistung. Das "ziemlich" könnte man im Grunde auch weglassen, aber ehrlicherweise sollte man diesem Harry Kane gerade noch etwas Raum zur Verbesserung lassen. Weil er sich in dieser Saison von Woche zu Woche tatsächlich zu steigern scheint. "Wenn uns einer gesagt hätte, dass Harry von Saison zu Saison besser wird, dann hätten wir wahrscheinlich noch mehr bezahlt", sagte Jan-Christian Dreesen am späten Samstag und lachte.

Ein Scherz war es womöglich gar nicht. Selten (also wirklich ganz selten) ist ein 100-Millionen-Transfer im Weltfußball so aufgegangen wie Kanes Wechsel von Tottenham zu Bayern, auch wenn dabei erst eine Meisterschaft und ein Supercup herausgesprungen ist.

"Das freut uns alle, weil er immer wieder hervorragend spielt", findet nicht nur CEO Dreesen. "Also was er der Mannschaft alles gibt, ist herausragend", ergänzt Kimmich. "Ich habe das in den letzten Wochen schon gesagt, das ist jetzt nicht nur wegen seiner Tore, sondern die Art und Weise, wie er auch unsere Prinzipien und das, was wir machen wollen, vorlebt."

Denn das Spannende ist ja, dass nach dem 2:1-Sieg der Münchner gegen Dortmund kaum einer über das gar nicht so einfache Kopfballtor des Engländers sprach, sondern viel mehr über das, was er abseits seines zwölften (zwölften!) Ligatreffers in dieser Saison veranstaltete. Wie Kane den Spielaufbau gestaltete, unnachahmliche Bälle nach links auf Luis Diaz und nach rechts auf Michael Olise verteilte. Wie er zu gegebener Zeit auch einfach mal ein Foul im Mittelfeld zog, um eine immer unruhigere Bayern-Mannschaft wieder zu beruhigen. Und wie er in der Nachspielzeit am eigenen Sechzehner per Grätsche einen Dortmunder Abschluss abblockte. "Das ist einfach ein Leader", erklärt Sportvorstand Max Eberl. "Das ist ein Kopf dieser Mannschaft mit Jo zusammen, mit Manu zusammen."

Mittlerweile muss die Frage erlaubt sein, ob Kane nicht nur zu den besten Stürmern der Welt zählt, sondern auch zu den besten Spielern. In England waren sie vergangene Woche ganz empört darüber, dass Bayerns Tor- und Grätschengarant nur Dreizehnter wurde bei der Vergabe des Ballon d'Or. "What on earth", warf ein Journalist dem Nationaltrainer Thomas Tuchel auf einer Pressekonferenz entgegen. Der einstige Bayern-Trainer gab sich dann auch recht überrascht, obwohl er grundsätzlich sowieso nicht so viel hält von individuellen Auszeichnungen im Mannschaftssport.

Sei es drum, aktuell würden sich wohl kaum zwölf bessere Spieler finden lassen. Oder zwölf Spieler in einer besseren Verfassung. "Ich glaube, das war sogar eines der besten Spiele meiner Karriere", urteilte Kane nach seiner nächsten Gala selbst, was durchaus überraschend zu hören war, für forsche Töne ist der vierfache Familienvater nicht unbedingt bekannt. Aber er hatte ja recht.

„Er ist wahrscheinlich in Europa gerade der kompletteste Stürmer.“ (Nico Schlotterbeck über Harry Kane)

Elf angekommene lange Pässe waren es, was ihm in seiner Karriere zuvor noch nicht in der Vielzahl gelungen war. Insgesamt hatte er 47-mal den Ball verteilt, bei einer aufgrund der Variation der Pässe sehr guten Erfolgsquote von 79 Prozent. Hinzu kamen 11,6 gelaufene Kilometer, sieben Sprints, zehn von dreizehn gewonnen Zweikämpfen. Und ganz nebenbei auch der 100. Scorerpunkt im 70. Bundesligaspiel. Oder das 22. Saisontor im 14. Einsatz für Klub und Land. "Man muss sagen: Er ist wahrscheinlich in Europa gerade der kompletteste Stürmer", gab Gegenspieler Nico Schlotterbeck gerne zu. "Der erste Kontakt ist extrem gut. Er hat den Ball immer auf dem richtigen Fuß." Und immer eine Idee, was als nächstes passiert.

Die Bayern eilen von Sieg zu Sieg, und Kane geht voran. Mit cleveren Entscheidungen, Pässen, Toren und Tacklings. Und er findet offensichtlich immer mehr Gefallen daran, nicht nur im gegnerischen Sechzehner aufzufallen. "Manchmal freue ich mich mehr darauf, mir diese Szenen wieder anzuschauen, als die Tore", sagt er. "Das ist einfach die Mentalität, die wir als Team gerade haben. Völlig egal, wo du bist, du arbeitest und verteidigst fürs Team."

Und klar, das kommt dann am Ende alles relativ normal rüber. Aber selbstverständlich ist es sicher nicht.