Die modernen Tage des FC Bologna beginnen ganz eindeutig mit Sinisa Mihajlovic. Der frühere Top-Verteidiger hatte sich 2019 den Rossoblu angeschlossen und den erst 2013/14 in die Serie B abgestiegenen sowie nach der Rückkehr ins Oberhaus umher schlingernden Klub stabilisiert.
Und das alles zum Ende seines Lebens hin - der einstige Standardexperte leitete die Geschichte des FCB schließlich trotz seiner Leukämieerkrankung, wegen der sich der Klub schweren Herzens im September 2022 vom serbischen Coach trennte und wegen der Mihajlovic im Dezember 2022 verstarb.
Sein Erbe trat ein gewisser Thiago Motta an - und der frühere Barcelona-, Inter- und langjährige PSG-Mittelfeldlenker formte aus Bologna ein Überraschungsteam. Unter anderem mit Ex-Münchner Joshua Zirkzee oder dem schottischen Anker Lewis Ferguson ging es hoch hinaus: Rang 5 und die damit verbundene Champions-League-Qualifikation.
Im Oktober 2025 ist viel davon aber passé: Zirkzee ist zu Manchester United weitergezogen, hat nicht an seine famosen Serie-A-Leistungen anknüpfen können und kommt in dieser Saison erst auf drei Joker-Einsätze für die Red Devils. Und Erfolgstrainer Thiago Motta ist momentan arbeitslos, nachdem sein Wechsel zu Juventus nicht von Erfolg gekrönt war - harsche Kritik inklusive. So soll Turins Sportdirektor Cristiano Giuntoli laut Gazzetta dello Sport bei der Entlassung Thiago Motta gesagt haben: "Ich schäme mich, dich ausgewählt zu haben."
Italiano bringt den langersehnten Titel
Und Bologna? Der norditalienische Traditionsverein aus der Region Emilia-Romagna installierte mit Vincenzo Italiano im Jahr 2024 den richtigen Nachfolger, wie sich noch herausstellen sollte. Zwar konnte der langjährige Taktiker der Fiorentina nicht wie Thiago Motta das CL-Ticket buchen, dafür die Serie-A-Saison auf einem noch akzeptablen neunten Platz abschließen und obendrein die Coppa Italia gewinnen - mit einem knappen wie verdienten 1:0-Erfolg über Favorit Milan. Das war zugleich der erste große Titel für den FCB seit 1974.
Erst damit hatte sich Bologna dann auch für die diesjährige Europa-League-Saison qualifiziert - und trifft hier nach dem knappen 0:1 zum Auftakt bei Aston Villa nun im heimischen Renato Dall'Ara auf den SC Freiburg an diesem frühen Donnerstagabend (18.45 Uhr, LIVE! bei kicker).
Im Gepäck haben die Rossoblu ein spät kassiertes 2:2 bei der US Lecce und einen durchschnittlichen Ligastart mit zwei Dreiern und einem Remis bei zwei Niederlagen (Rang 9).
Schlüsselspieler Bernardeschi?
Der Trainer, der wie einst Ikone Arrigo Sacchi jeden Spieler fürs Angriffsspiel fähig sieht, erkennt trotz des halben Umbruchs auch schon Fortschritte und verlangt allgemein: "Ich möchte, dass mein Team weniger ängstlich ist als letzte Saison."
Hier hätten seine Schützlinge, die gewohnt hoch pressen und Gegner entnerven sollen (das hat auch Freiburgs Trainer Julian Schuster erkannt), oft zu viel Respekt gezeigt und viel über sich ergehen lassen. Nun solle verstärkt selbst die Initiative ergriffen werden.
Dabei helfen sollen langfristig auch Neuzugänge wie der teure englische Linksaußen Jonathan Rowe (17 Millionen Euro Ablöse gen Olympique Marseille geflossen), der für über zehn Millionen Euro von Sparta Prag gekommene Innenverteidiger Martin Vitik, die bislang noch nicht die größte Spielzeit erhalten haben.
Dahingehend bringt es der aus der MLS vom Toronto FC nach Italien zurückgekehrte Ex-Nationalspieler Federico Bernardeschi auf die meiste Einsatzzeit (fünf Pflichtspiele). Der 31-jährige Offensivantreiber sieht sich auch in der Lage, großen Einfluss zu nehmen - und sich so auch in den Dunstkreis der WM-Kandidaten für den Azzurri-Kader von Gennaro Gattuso 2026 zu spielen.
„Es ist ehrlich gesagt schwierig, in ganz Europa eine taktisch anspruchsvollere Liga als die Serie A zu finden.“ (Serie-A-Rückkehrer Federico Bernardeschi)
"Ich habe die Serie A zwar vermisst, würde diese Entscheidung aber jederzeit wieder treffen. Es war eine Erfahrung, die ich weder für mich noch für meine Familie bereue", sagte der Europameister 2021 über seine Zeit in Kanada jüngst.
Er ergänzte aber auch mit großem Lob für den italienischen Fußball: "Physisch gesehen gibt es zwischen der MLS und der Serie A keinen Unterschied, aber auf technischer und taktischer Ebene schon. Es ist ehrlich gesagt schwierig, in ganz Europa eine taktisch anspruchsvollere Liga als die Serie A zu finden. Die MLS mit der Serie A zu vergleichen, ist wie die EuroLeague im Basketball mit der NBA zu vergleichen."
Nun gelte es für den früheren Fiorentina- und Juventus-Akteur, wieder voll auf höchstem Niveau und im besten Fall eben wieder für die Squadra Azzurra zu agieren: "Ich war fünf Jahre lang nicht mehr bei der Nationalmannschaft. Ich habe die EM gewonnen, aber noch nie bei der WM gespielt. Ich möchte alles tun, um dabei zu sein."
"Wir sind dieses Jahr auf einer Wellenlänge"
So wie Bologna mit ihm möglichst lange auf drei Hochzeiten tanzen möchte. Was es dazu braucht neben einem hocherfahrenen Kern um Bernardeschi (31), Torwart Lukasz Skorupski (34), Lorenzo de Silvestri (37), Ferguson (26), den Schweizer Dauerbrenner Remo Freuler (33), dem aus der Türkei nach Italien zurückgekommenen Ciro Immobile (35) sowie natürlich Aushängeschild Riccardo Orsolini (28, seit 2018 im Verein und schon wieder mit drei Ligatoren unterwegs)?
Einerseits das schnelle Auffangen im FCB-Mannschaftsgefüge von weiteren verlorenen Ankern wie Dan Ndoye (Nottingham Forest) und Sam Beukema (SSC Neapel) im Transferssommer und die notwendige Gewinnermentalität von Trainer Italiano, dem in seiner Vergangenheit auch immer mal Kritik zwecks "in Schönheit sterben" und "zu wenig Punch in wichtigen Spielen" zuteilwurde - die drei verlorenen Endspiele mit der AC Florenz lassen hier grüßen.
Der im richtigen Moment auch auf robusten Fußball samt knallharter Verteidigung setzende Italiano glaubt aber wie bereits beschrieben an seine Marschroute und meint zu wissen, was es braucht: "Ich möchte Mut und Charakter sehen und das wiederholen, was wir stets während der Trainingswoche machen."
Die Europa League bezeichnete er dabei als interessanten Wettbewerb, in dem sein Team weiter wachsen und lernen kann - und kam vor dem Freiburg-Spiel auch nochmals auf die verlorenen Größen Ndoye und Beukema zu sprechen: "Es ist kein kleiner Eingriff, einem organisierten Schachbrett wie unserem, das über Ausgewogenheit und Chemie verfügt hat, zwei Schlüsselspieler wegzunehmen."
Abschließend erklärte der Coach Bolognas: "Wir sind dieses Jahr auf einer Wellenlänge und ich bin überzeugt, dass wir die richtigen Grundlagen haben. Mit etwas Zeit, Geduld, Vertrauen und Begeisterung auf dem Platz werden die neuen Jungs es sicher auch schaffen."