Serie "Was für eine Zeit": Mythos und Magie Mönchengladbach, Teil 3
Allan Simonsen war nicht nur ein wunderbarer Fußballer, er erzählt auch herrliche Geschichten. Vor Jahren hatte ihn der kicker in seiner Heimat Dänemark getroffen. Simonsen erinnerte sich an seinen ersten Tag bei der Borussia, im Sommer 1972, und die Begegnung mit dem großen Günter Netzer.
"Ich kam als junger Spieler viel zu früh und habe mich in der leeren Kabine ganz hinten in die Ecke gesetzt. Nach und nach trafen die anderen ein. Auf einmal ging die Tür auf, Günter Netzer kam rein. Er blickt mich nur stumm an und wedelte ein bisschen mit der Hand, als wollte er eine Fliege verscheuchen", erzählte Simonsen und grinste. "Ich hatte mich aus Versehen auf seinen Platz gesetzt."
„Du kannst gleich zurück nach Dänemark fahren.“ (Hennes Weisweiler zu Allan Simonsen)
Das Gespräch drehte sich auch um Simonsens Startschwierigkeiten in der Liga. Wie ihn Trainer Hennes Weisweiler aufgebaut und unterstützt habe, fragte der kicker. "Aufgebaut?", erwiderte Simonsen lachend: "Es gab eine Spielerkritik beim Training in der Radrennbahn. Alle saßen da, ich als Vorletzter. Weisweiler ging zu Jupp Heynckes: 'Du hast schlecht gespielt.' Zu Berti Vogts: 'Schwach.' Dann kam er zu mir. 'Und du', sagt er - dreimal: ‚und du kannst gleich zurück nach Dänemark fahren."
Nein, einfach war es für Simonsen nicht, in der Bundesliga Fuß zu fassen. Der körperlich viel anspruchsvollere Fußball in Deutschland stellte den Floh aus Vejle vor riesengroße Herausforderungen. Klar, ein klasse Kicker zeigte sich da im Training, trickreich, wendig, geschickt im Zweikampf und mit einer besonderen Spielintelligenz gesegnet. Aber wie sollte sich denn dieses nur 1,65 Meter große Leichtgewicht, das nicht mal 60 Kilogramm auf die Waage bringt, gegen die wenig zimperlichen Verteidiger in der Bundesliga behaupten?
Das Trainingspensum war Simonsen aus Dänemark nicht gewohnt
Das weckte selbst bei den Teamkollegen Zweifel. "Schon nach einer Woche" wollte Simonsen die Heimreise antreten, verriet er, vieles sei "ein Schock" gewesen. Etwa die "manchmal sogar zwei Trainingseinheiten am Tag", wo er in Dänemark allenfalls zwei- oder dreimal in der Woche trainiert hatte. Oder die "riesigen Hanteln" von Konditionstrainer Karl-Heinz Drygalski. "Das kannte ich alles gar nicht. Ich war völlig kaputt und bin nach dem Training immer tot ins Bett gefallen."
Simonsen biss sich durch. Es dauerte etwas, aber er spürte, wie sich Weisweilers Strenge und die harte Arbeit an der Fitness auszahlten. Weisweiler setzte im Training bewusst den knüppelharten Vogts auf ihn an. Zweikampfschulung. "Der Berti", so Simonsen, "hat nie jemanden geschont, auch die eigenen Leute nicht. Ich hatte zwar manchmal lauter blaue Flecken an den Beinen, aber danach konnte mich nichts mehr schocken."
Der Youngster legte an Muskelmasse zu, das Plus an Physis wirkte sich aus. Hatte Simonsen bei seinen ersten Waldläufen mit den Kollegen "fast ein Fahrrad gebraucht, um dranzubleiben", lief er einige Monate später "plötzlich vorneweg". Nach eineinhalb komplizierten Jahren mit nur zwei Toren in 17 Bundesligaeinsätzen gelang der Durchbruch 1974/75.
Hinter Heynckes, der in der Double-Saison in der Liga und im UEFA-Cup Torschützenkönig wurde, etablierte sich Simonsen als weiterer Top-Torschütze. 18-mal traf der damals 22-Jährige in der Liga, zehnmal im UEFA-Cup. Im Final-Rückspiel in Enschede, als die Borussia mit einem 5:1-Sieg ihren ersten internationalen Titel einfuhr, netzte Simonsen zum 1:0 und 5:1 ein. "Es war für mich der erste Titelgewinn mit der Borussia, entsprechend groß war die Freude", erinnerte er sich. "Und dieser Cupsieg war absolut verdient, weil wir eine der besten Mannschaften in Europa hatten".
Wenige Wochen danach feierte er seine erste Deutsche Meisterschaft. Inmitten des Sturm- und Drang-Fußballs stieg Simonsen zum Weltklasse-Stürmer auf. Er war kein klassischer Goalgetter, vielmehr ein eher aus der Tiefe kommender, für die Gegner kaum zu fassender Wirbelwind mit sicherem Instinkt für die Spielsituationen. 1977 folgte die Wahl zu "Europas Fußballer des Jahres", der Ballon d’Or - als erster und bis heute einziger Däne und erster Borusse.
1979 endete mit dem Wechsel zum FC Barcelona seine titelreiche Zeit am Niederrhein. Zuvor durfte er erneut den UEFA-Pokal in die Höhe halten. Ein Abschied nach Maß. Vergessen hat der kleine und doch so große Däne nie, welchen Anteil Weisweiler und die Borussia an seinem Weg besaßen. "Weisweiler", so Simonsen, "war ein fantastischer Trainer mit einem unglaublichen Auge für junge Leute. Er hat uns immer aufs Neue gefordert. Davon hat jeder Einzelne, aber eben auch die Mannschaft profitiert."
Späte Entschädigung für Kulik
Einer der von diesen war Christian Kulik, der jedoch ausgerechnet das Rückspiel des UEFA-Cup-Finals 1975 verpasste. Für ihn hieß es warten, einfach nur warten. Was anderes blieb Kulik nicht übrig an diesem Tag. Das Finalspiel-Rückspiel in Enschede sollte eigentlich zum Höhepunkt in der jungen Karriere des 22-Jährigen werden, doch jetzt liegt er da, frisch operiert, nachdem er sich beim 0:0 im Hinspiel die Kniescheibe gebrochen hat bei einem Zusammenprall mit Twente-Torwart Volkmar Groß. Vom 5:1-Sturmlauf in Enschede, der auch ihn zum UEFA-Cup-Gewinner macht, "habe ich nichts gesehen", erinnert sich Kulik später.
Dann aber hat das Warten ein Ende. Er jubelt. "Ich habe im Radio nach dem Spiel eine Schalte nach Enschede gehört und war völlig überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass wir dort so hoch gewinnen können", so Kulik. "Gehofft hatte ich das, aber ich hatte auch das schwierige Hinspiel im Kopf. Und Twente hatte damals eine gute Mannschaft."
Kulik steigt in den Folgejahren zu Borussias "Mr. Europacup" auf. 66 Begegnungen auf internationaler Ebene für die Fohlen schafft kein Vogts, kein Netzer, kein Heynckes, kein Rainer Bonhof, kein Herbert Wimmer, kein Wolfgang Kleff oder einer der anderen Granden. Nur er, der feine Techniker, der die Fäden zieht im Mittelfeld. Nur er, der normalerweise mit einer ganz anderen Story in Verbindung gebracht wird: Netzers legendärem Auftritt im DFB-Pokal-Endspiel 1973, als sich der geniale Spielmacher gegen den 1.FC Köln in der Verlängerung selbst einwechselt und kurz darauf das 2:1-Siegtor erzielt.
Kulik ist derjenige, der - völlig platt nach 90 Minuten - Platz macht für den "King". Bei Kulik beweist Weisweiler erneut sein spezielles Gespür für außergewöhnliche Talente, 1971 angelt sich der Coach den eleganten Strategen von Alemannia Aachen. Zehn Jahre lang gestaltet der Pole dann die erfolgreichste Zeit der Klubgeschichte mit, wird dreimal Deutscher Meister, Pokalsieger und gewinnt zweimal den UEFA-Pokal.
1975 habe ihn das Aus fürs Rückspiel "geärgert", sagt Kulik, "letztendlich habe ich den schönsten Teil des Cup-Sieges verpasst. Das i-Tüpfelchen fehlte mir". Die Wiedergutmachung folgt vier Jahre später. 1979 ist er Teil der Elf, die im Final-Rückspiel gegen Roter Stern Belgrad 1:0 (Hinspiel 1:1) siegt. Kulik: "Dann durfte ich den Pott noch mal halten."
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