Den Ton gesetzt hat Ismaik selbst, der über seine HAM International Limited 60 Prozent an der Kapitalgesellschaft des TSV 1860 München hält, die er nach wie vor verkaufen möchte. Mitte der vergangenen Woche traf er sich offenbar in der bayerischen Landeshauptstadt mit Vertretern mehrerer Medien und forderte den vermeintlichen Käufer oder besser Zwischenhändler, Matthias Thoma, auf: "Zeigen Sie sich! Wer sind Sie? Ein Schauspieler? Wurden Sie angeheuert? Und wenn ja, von wem? Das alles kommt mir wie ein sehr fieses Spiel vor."
Thoma: "Vielleicht hat er eine Art Heilerkomplex"
Der Ärger des Jordaniers wirkt nachvollziehbar, zu schön klang der Deal. Kolportierte 53 Millionen Euro - eine Summe, zu der sich Thoma mit Blick auf eine Verschwiegenheitserklärung der am Deal Beteiligten nicht äußert -, eine Schweizer Familienholding, die sowohl e. V. als auch die Profiabteilung in der 3. Liga entwickeln wollte. Mit der Blickrichtung 2. Liga. Thoma kontert Ismaiks Aufforderung, sich zu zeigen. Dass es keinen Kontakt gegeben habe, liege nicht an ihm: "Es stellt sich die Frage, ob es mit seinem Publicity Stunt auf Instagram um mehr ging als nur den Zahlungstermin. Vielleicht hat er eine Art Heilerkomplex oder im Zuge der Verhandlungen hat seine Seite sehr detailliert gelernt, wie wir das Ganze verwandelt hätten, nämlich in eine profitable Gesellschaft. Und er will es nun doch selbst machen, braucht aber einen Sündenbock, um seine Rolle zu rechtfertigen."
Matthias Thoma, das ist, nach allem was bislang bekannt ist, der Mittelsmann gewesen in dem avisierten Deal. Das sagt der Wahl-Schweizer selbst. Über ein Firmenkonstrukt, die Helvetic Corporate Finance AG mit Sitz in Genf, hinter der ein Trust mit Sitz auf Jersey steht, wollte Thoma Ismaiks Anteile übernehmen. Für eine bis dato unbekannte Person. Treuhänder-Konstrukten haftet ein gewisser Ruch an, weil kaum zu durchschauen ist, wer die wirklichen wirtschaftlich Berechtigten dahinter sind. Möchte ein Käufer unerkannt bleiben, wie offenbar im Fall 1860, bieten sie sich geradezu an. Jersey liegt im Ärmelkanal, untersteht der britischen Krone und gilt als europäische Steueroase. Spuren von Lars Windhorsts Firmenkonstrukt hinter seinem krachend gescheiterten Engagement bei Hertha BSC führen ebenfalls auf die kleine Insel.
Vorwurf: Bruch der Vertraulichkeitserklärungen
Doch zurück zu 1860, wo es im Nachgang nun ganz offenkundig um die Deutungshoheit geht. Dass Ismaik von einem Münchner Kryptomillionär sprach, irritiert Thoma: "Von unserer Seite wurde nie eine Referenz zu Krypto gemacht. Es wurde auch nie behauptet, dass jemand aus München der Käufer wäre. Die Verhandlungen mit Herrn Ismaiks Anwälten liefen seit Anfang Mai. Es scheint sehr verwunderlich, dass er erst eine Woche vor der Beurkundung bei seinen Anwälten nachgefragt haben will, wie es mit dem Verkauf läuft und mit wem verhandelt wird. Hat er denn so wenig Interesse an seinem 'geliebten' Verein?"
Unter der Woche hatte die Sportbild aus mehreren E-Mails rund um die geplatzte Beteiligung zitiert. Dies stößt Thoma sauer auf: "Anders als der Anwalt von Herrn Ismaik halten wir uns an Vertraulichkeitsvereinbarungen. Es wurden der Sportbild Informationen zugänglich gemacht, die nur mit Herrn Ismaiks Anwälten geteilt wurden. Einem solchen Anwalt würde ich nicht über den Weg trauen, wenn er seine eigenen Vertraulichkeitserklärungen augenscheinlich nicht hält."
Zeitdruck und Öffentlichkeit seien vom Verkäufer gekommen
Zudem habe die Story Informationen enthalten, "die wir nur mit Herrn Ismaiks Bank, der UBS in Dubai, geteilt haben. Viel spricht dafür, dass diverse Parteien auf der Seite des Verkäufers den Deal extrem unprofessionell gehandhabt haben." Thoma selbst unterstreicht erneut, dass er nicht der Käufer gewesen wäre, sondern lediglich der Mittelsmann, der die Anteile über ein Firmen- und Treuhänderkonstrukt erworben hätte. Zum Hintergrund des wahren Käufers möchte er sich nicht äußern.
Am 3. Juli jedenfalls trafen von Ismaik bevollmächtigte Anwälte bei einem Notar ein, um die Übertragung zu fixieren. Thoma sagt, er habe Anwälte der gleichen Kanzlei mit einer entsprechenden Vollmacht ausgestattet, weil von Verkäuferseite Zeitdruck gemacht worden sei. Das ist zumindest unüblich. Etwa eine Woche zuvor will Ismaik erstmals von dem Käufer gehört haben, am 1. Juli soll er der Transaktion zugestimmt haben. Dass im Nachgang die Gelder nicht flossen, schiebt Thoma auch auf den Zeitdruck, der plötzlich entstanden sei mit der Terminfestsetzung auf den 3. Juli. Dieser sei von Verkäuferseite entstanden, genauso der Wunsch nach einer öffentlichen Kommunikation, so Thoma.
"Uns wurde gesagt: Wir könnten die Mitteilung nicht verhindern"
Dieser Behauptung entgegenläuft eine in der Sportbild zitierte E-Mail vom 5. Juli, in der Thoma schrieb: "Ich denke, Sie haben recht, wir sollten diese Pressemitteilung jetzt rausgeben." Warum stimmte er diesem Vorgehen zu, wenn er sich unter Druck gesetzt fühlte? "Hier fehlt leider, dass es zuvor ein Telefonat mit Dr. Koch (Ismaiks Anwalt, Anm. d. Red.) gab, in dem wir klar sagten, es solle nichts mitgeteilt werden, solange der Deal nicht final ist. Uns wurde dann gesagt, wir könnten noch gegenlesen, aber diese Mitteilung nicht verhindern. In diesem Kontext ist meine vermeintliche Freigabe zu sehen."
Unplausibel muss Thomas Version in Bezug auf die Veröffentlichung nicht unbedingt sein. Denn in der Tat war es dem scheidenden e.V.-Präsidium wichtig, VOR der Mitgliederversammlung am 6. Juli den avisierten Deal öffentlich zu kommunizieren. Nicht, um sich abfeiern zu lassen, wie mancher unterstellte, sondern darum, dass der e.V. ja im Zuge des Notartermins auf seine vertraglich festgelegte Rückkaufoption für die Ismaik-Anteile verzichten musste. Dazu hatte der am 6. Juli ausgeschiedene Präsident Robert Reisinger, dem nun Gernot Mang folgt, eine Berichtspflicht gegenüber den Mitgliedern.
Wer beim Notar einen Vertrag eingeht, sollte liefern können
Andererseits stellt sich die Frage: Warum haben die Kaufinteressenten das Geld nicht bis zum Stichtag 18. Juli überwiesen? Das war mehr als zwei Wochen nach dem Notartermin. Bei länderübergreifenden Transaktionen kann es zwar in der Tat zu Verzögerungen kommen, nicht zuletzt aufgrund von Geldwäscheregularien. Doch wer beim Notar einen Vertrag eingeht, sollte schon damit rechnen, dass er in naher Zukunft seine Pflichten zu erfüllen hat. Eine wirklich schlüssige Erklärung für das Ausbleiben der Zahlung liefert Thoma nicht.
Eine nun von Ismaik ins Spiel gebrachte Schadenersatzforderung kann Thoma nicht nachvollziehen: "Er hat keinen finanziellen Schaden erlitten. Momentan hat er in seinen Büchern einen Kredit an den TSV von rund 55 Mio. plus Zinsen stehen und seine Anteile. Hätte er verkauft, hätte er einen Verlust abschreiben müssen. Der Nichtverkauf hat ihn vor der Realisierung dieser Verluste bewahrt." Bilanztechnisch betrachtet mag das so sein. Geht man in etwa von 50 Mio. Euro aus, die der Käufer hinter Thoma hätte bezahlen sollen, wären zumindest grob die Darlehen beglichen - und im Gegenzug Ismaiks Anteile übertragen, das wäre gewissermaßen der realisierte Verlust des Jordaniers.
Die zentrale Frage: Warum hat der Käufer zurückgezogen?
Man darf nun gespannt sein, wie konkret Ismaik eine Schadenersatzklage vorbereitet. Wenn es andere Interessenten mit konkreten Kaufangeboten gab, die aufgrund des vollzogenen Notartermins abgesprungen sind, könnten diese in einem möglichen zivilrechtlichen Verfahren eine Rolle spielen.
Fragen über Fragen stellen sich nun einmal mehr rund um 1860 München, wo die sportliche Euphorie vor der Saison riesig war speziell aufgrund der prominenten Neuzugänge Florian Niederlechner und Kevin Volland. Zuvorderst natürlich, warum der Mann - oder die Frau oder Firma oder wer oder was auch immer? - hinter Thoma zurückgezogen hat? Die These, dass der Käufer das Geld nicht gehabt haben könnte, ergibt wenig Sinn. Warum hätten seine Vertreter zum Notar gehen und sich damit rechtlichen Risiken aussetzen sollen in dem Wissen, die Summe ohnehin nicht bezahlen zu können? Womöglich war dies noch nicht das letzte Stück im großen Zirkus um die Zukunft von 1860.