Aus Fort Lauderdale berichtet Matthias Dersch
Die ersten 45 Minuten gegen CF Monterrey waren die mit Abstand stärksten, die Borussia Dortmund bei der laufenden Klub-WM in den ersten vier Spielen zeigte. Der 2:0-Pausenstand am Samstagabend in Atlanta bildete das nur unzureichend ab. Eigentlich hätte der BVB deutlich höher führen müssen, so groß war die Gefahr, die die Mannschaft von Trainer Niko Kovac nach vorne ausstrahlte. Der Grund dafür neben einer hohen Schärfe auch in einer systematischen Anpassung des 53-Jährigen.
Adeyemi rückt als zweite Spitze vor
Statt wie zuletzt mit nur einer echten Spitze zu agieren, spielte der BVB in einer Mischvariante. Gegen den Ball positionierte sich Karim Adeyemi neben Jobe Bellingham und seitlich hinter Stürmer Serhou Guirassy. Im eigenen Ballbesitz aber schob Adeyemi vor und besetzte die Räume um Guirassy. Mit Erfolg: Die beiden Treffer gingen auf das Konto der Dortmunder Lebensversicherung auf der Neuner-Position, beide bereitete der weiter vorne agierende Adeyemi vor.
"Wir haben mit zwei Stürmern gespielt und wollten auch ein bisschen Tempo haben", begründete Kovac den taktischen Kniff, der die Mexikaner im ersten Durchgang vor arge Probleme stellte. Vor allem Adeyemi war durch die Abwehrspieler Monterreys nicht zu greifen, da er überall auftauchte, während Guirassy meist das Zentrum besetzt hielt. "Wir wissen, dass Sergio Ramos 39 Jahre alt ist, er ist immer noch ein Topspieler, aber sicher nicht so schnell wie Karim - das wollten wir ausnutzen", präzisierte Kovac.
Exemplarischer Angriff vor dem 2:0
Tatsächlich gelang es dem BVB durch die Beweglichkeit und Aktivität Adeyemis mehrmals, erfolgreich die Tiefe zu bespielen und dadurch hohe Gefahr zu erzeugen. Exemplarisch dabei: der erfolgreiche Angriff, der zum 2:0 führte. Nach einem Ballgewinn von Julian Ryerson schaltete die Borussia sofort um. Adeyemi startete in die Tiefe, Ryerson bediente ihn mit einem perfekt getimten Pass. Wie von Kovac erwartet entschied Adeyemi anschließend das Laufduell gegen die Innenverteidiger Monterreys und bediente anschließend Guirassy, der vergleichsweise leichtes Spiel hatte, den Ball im Tor unterzubringen.“
In der zweiten Hälfte gelang es der Borussia seltener, dieses Stilmittel anzuwenden. Monterrey war nach dem Seitenwechsel und dem schnellen Anschlusstreffer die griffigere Mannschaft, während sich der BVB in der Verteidigung aufrieb und bis zum Schlusspfiff leiden musste. Dennoch bilanzierte Kovac zufrieden: "Es ist uns in der ersten Hälfte besser gelungen als in der zweiten, aber grundsätzlich fand ich das gut."
Ein Vorteil: Beier und Adeyemi können auf der stärksten Position spielen.
Die Systematik mit zwei Spitzen würde der Borussia generell durchaus Vorteile bringen: Zum einen steht durch den bevorstehenden Transfer von Jamie Gittens zum FC Chelsea absehbar in Youngster Julien Duranville nur noch ein echter Flügelstürmer im Kader. Zum anderen sind Adeyemi und auch Maximilian Beier gelernte Stürmer in einem System mit zwei Spitzen. Sie könnten also auf ihren besten Positionen spielen.
Doppeltorschütze Guirassy, der Chancen für zwei weitere Tore in der ersten Hälfte hatte, ließ vor dem bevorstehenden Viertelfinale gegen Real Madrid am Samstag in New Jersey durchblicken, dass er kein Problem damit hätte, künftig häufiger in einer Doppelspitze mit Adeyemi aufzulaufen. "Karim ist mein kleiner Bruder", sagte er. "Wir verstehen uns auf und neben dem Platz super. Manchmal ist er ein wenig verrückt. Aber er hat mir zwei Vorlagen gegeben, deshalb bin ich sehr glücklich."
Bellingham fehlt gesperrt
Adeyemi gab diese positiven Worte tags darauf zurück, als er im Teamquartier in Fort Lauderdale bei einer Medienrunde sprach: "Außerhalb des Platzes ist er sehr ruhig. Aber ich verstehe mich gut mit ihm. Das hat man gegen Monterrey auch auf dem Platz gesehen. Das hat mir großen Spaß gemacht mit ihm. Diese Harmonie kommt automatisch, wenn man länger mit jemandem zusammenspielt, so wie wir jetzt seit einem Jahr. Irgendwann versteht man sich fast blind", sagte der 23-Jährige, der sich dank seiner ansprechenden Leistung im Achtelfinale gute Chancen auf einen Startplatz gegen die Königlichen ausrechnen darf.
Da Jobe Bellingham gelb gesperrt fehlt und dadurch das Duell mit seinem Bruder Jude verpasst, muss Kovac zwar auf einer Position umstellen - Julian Brandt ist der erste Nachrücker-Kandidat -, im Sturm gibt es aber keinen Zwang, auf neue Gesichter zu setzen.