Der zweite Matchball saß. Am Mittwoch, beim 3:3 in Libyen, hatte der Schiedsrichter noch den Siegtreffer aberkannt, der das WM-Ticket bedeutet hätte. Doch im Estadio Nacional in der Hauptstadt Praia machte Kap Verde alles klar: Mit einem 3:0 gegen Eswatini feierte der westafrikanische Inselstaat die sensationelle Qualifikation für die WM 2026 in Kanada, Mexiko und den USA. Kap Verde wird mit 500.000 Einwohnern zum zweitkleinsten Teilnehmer der WM-Geschichte - nach Island (knapp 400.000 Einwohner), das 2018 debütierte.
Historisch für das ganze Land
Als einen der "wichtigsten Einschnitte in der Geschichte Kap Verdes, vergleichbar nur mit der Abschaffung des Einparteiensystems und fast so bedeutsam wie die Unabhängigkeit von Portugal 1975", hatte der nach New York ausgewanderte kapverdische Fußballagent Tony Araujo die mögliche WM-Qualifikation bereits vorab gegenüber der Süddeutschen Zeitung angekündigt.
Und er sollte recht behalten. Direkt nach Abpfiff stürmten die Fans den Rasen und stürzten sich auf ihre Helden um die Torschützen Dailon Livramento, Willy Semedo und Stopira. Auch auf den Straßen der zehn Inseln des Landes herrschte der absolute Ausnahmezustand. "Es ist zu emotional. Ich umarme das gesamte kapverdische Volk, zu Hause und in unserer großen Diaspora", jubelte Führungsspieler Stopira. Und Trainer Pedro Brito fügte an: "Diese Menschen glücklich zu machen, ist enorm."
Für die Zeitung Espresso das Ilhas ist die WM-Teilnahme der "Blauhaie" einer "der aufregendsten Momente der kapverdischen Sportgeschichte". Und A Nacao schrieb in einem Online-Kommentar: "Die Stimmung im Land und in der Diaspora ist unbeschreiblich. Der Stolz der Kapverden ist so groß wie nie zuvor. Ein hart erkämpfter Traum ist wahr geworden."
Scouting via LinkedIn
Dass Kap Verde in der Fußball-Welt bislang kaum in Erscheinung getreten war, hat einen Grund. Bis in die 1980er Jahre trug der Inselstaat im Atlantik kaum Länderspiele aus, es mangelte am Geld. Erst nach und nach besserte sich die Lage durch Fördergelder, nicht zuletzt aus den Töpfen der FIFA. Und vor allem auf eines fokussierten sich die Verantwortlichen nun: auf das Scouting.
Alleine in den USA leben heute genauso viele Menschen mit kapverdischen Wurzeln wie auf den zehn Inseln des Staates. Auch in Portugal, der ehemaligen Kolonialmacht auf den Kap Verden, in Spanien wie in Frankreich gibt es viele kapverdische Einwanderer. Frankreichs Weltmeister von 1998 Patrick Vieira hat seine Wurzeln ebenso auf dem Atlantik-Archipel wie der Ex-Münchner Renato Sanches oder PSG-Linksverteidiger Nuno Mendes.
Kap Verde grast seine möglichen Nationalspieler in der Diaspora inzwischen systematisch ab, Torjäger Livramento wurde vom einstigen Nationaltrainer Rui Aguas gar über die Karriereplattform LinkedIn angeschrieben. Und die Erfolge stellten sich langsam ein: 2013 gelang erstmals die Qualifikation für den Afrika-Cup, zwölf Jahre später wurde nun erstmals das WM-Ticket gelöst.
Infantino gratuliert: "Unglaublich"
Als einer der ersten Gratulanten meldete sich FIFA-Präsident Gianni Infantino zu Wort. "Eure Arbeit zur Förderung des Fußballs in den letzten Jahren war unglaublich. Dies ist ein Moment, in dem eure Stars weltweit bekannt und eine neue Generation von Fußballfans in ganz Kap Verde begeistern werden", schrieb der oberste Fußball-Chef. Und fügte in einer Videobotschaft hinzu: "Bei der größten FIFA-Weltmeisterschaft aller Zeiten wird eure Flagge wehen und eure Hymne zu hören sein."
Drei Vorrundenspiele sind den kleinen Kap Verden in den großen Stadien Nordamerikas nun sicher, die Blauhaie werden im Sommer 2026 als krasser Außenseiter an den Start gehen. Doch davor ist ihnen nicht bange: "Wir haben bewiesen, dass wir mit jedem mithalten können, auch mit Mannschaften, die viel mehr Ressourcen haben als wir", meinte Keeper Vozinha in der englischen Times. "Und das ist etwas, worauf wir stolz sein können."