Woche für Woche lässt Alejandro Grimaldo in den Stadien der Bundesliga trockene Blätter regnen. "Folha seca" nennt sich die Schusstechnik, die der Leverkusener nutzt, wenn er zu einem Freistoß antritt. "Es geht dabei darum, dass der Ball steigt - und sich dann wie ein trockenes Blatt senkt", erklärt Grimaldo im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, "idealerweise ins Tor."
Das gelingt dem 30-Jährigen aus Valencia so regelmäßig, dass in der Liga längst die Angst umgeht. "Manchmal kommen Gegner zu mir und sagen: Bitte nicht, bitte, bitte nicht!", lacht Grimaldo im Wissen, dass schon viele seine Freistöße mit Elfmetern verglichen haben. Fünf verwandelte er in der Bundesliga schon, zwei davon in dieser Saison. "Es gibt Distanzen, bei denen ich sehr viel Vertrauen spüre." Wenn es aus "23, 25, 27 Metern" einen Freistoß gebe, "denke ich: Den musst du machen. Den darfst du jetzt nicht vergeben. Ich will nicht sagen, dass ein Freistoß aus der Distanz wie ein Elfmeter für uns ist. Die Schwierigkeit ist schon eine andere. Aber es ist eine sehr klare Torchance."
Schon als Teenager begann Grimaldo in der Nachwuchsakademie des FC Barcelona damit, Freistöße "bewusst" zu trainieren. Inzwischen nutzt er in Leverkusen dafür auch eine Software. "Eine Art Radar, den man vor allem vom Golf kennt", erklärt der Linksfüßer mit der offenbar vorteilhaften Schuhgröße 40. "Er zeigt einem exakt die Höhe an, die der Ball erreicht, wie viel Topspin man dem Ball gegeben hat und an welchem Punkt er sich wieder senkt. Mir helfen die Daten am Ende auch dabei herauszufinden, mit wie viel Kraft ich gegen den Ball treten sollte."
Freistoßtraining? "Da muss man aufpassen"
Und doch übt er Freistöße inzwischen weniger. Er habe das Training auf zweimal pro Woche "gedrosselt" - aus Angst vor Verletzungen. "Das kann man nicht jeden Tag machen. Wenn man so viele Spiele spielt wie wir und physisch so gefordert wird, muss man aufpassen. Bei meiner Schusstechnik gibt es Muskelpartien, die stärker beansprucht werden als andere, denn am Ende muss der Druck auf den Ball sehr stark sein. Ich arbeite deshalb besonders an meinen Adduktoren."
Um in eine aussichtsreiche Freistoßposition zu kommen, ist Grimaldo auch auf seine Teamkollegen angewiesen, die diese "in diesen Zonen provozieren" - und auf die Schiedsrichter, die entsprechend pfeifen. Das passierte aus Sicht des elfmaligen Nationalspielers zuletzt aber zu selten.
Grimaldo und die Schiedsrichter: "Es ist, als wollten sie Ärger aus dem Weg gehen"
"Der eine oder andere Schiedsrichter ist zu mir gekommen und hat gesagt: Jetzt kommt Mr. Freaky", verrät Grimaldo. "Klar, Freistöße in Strafraumnähe sind für uns sehr gute Chancen. Aber seit ich viele Freistoßtore schieße, wächst bei mir der Eindruck: Es muss bei uns ein sehr, sehr eindeutiges Foul sein, sonst pfeifen es die Referees nicht. Es ist, als wollten sie Ärger aus dem Weg gehen. Und weil außerhalb des Strafraums der Video-Schiedsrichter nicht zum Einsatz kommt, bleibt der Pfiff schon mal aus. Dafür habe ich kein Verständnis: Entweder ist es Foul oder es ist kein Foul."
Wenn der Pfiff erfolgt, folgt Grimaldo einem festen Protokoll: Ballventil zu sich ("Das habe ich mir bei Spielern wie Cristiano Ronaldo und Gareth Bale abgeschaut"), Rasen daneben platttreten, dreieinhalb Schritte zurück - und kein akribischer Blick auf die Mauer mehr. "Ich habe das mittlerweile so verinnerlicht, dass ich auf den Torwart achte."