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Gündogan im WM-Interview: "Diese Mannschaft kann überraschen"

kicker

Durch das letzte große Turnier, die Heim-EM 2024, führte Ilkay Gündogan die Nationalelf noch als Kapitän. Nach seinem Rücktritt erlebt der Galatasaray-Profi nun einen langen, freien Familien-Sommer und blickt mit Zuversicht auf seine einstigen Kollegen.

kicker: Herr Gündogan, vor zwei Jahren war nach einem bitteren 1:2 gegen Spanien bereits im Viertelfinale Endstation, dennoch wurde die Heim-EM positiv wahrgenommen. Was muss in diesem Sommer passieren, damit die WM in Deutschland gut bewertet wird?

Ilkay Gündogan: Der Unterschied zum Turnier von vor zwei Jahren ist, dass es dieses Mal sehr weit weg ist, die Leute orientieren sich vor allem an Bildern. Deshalb geht es auch darum, welche Bilder die Mannschaft liefert, dass sie sich als Team präsentiert. 2022 bei der WM in Katar hatten wir zum Beispiel die Diskussion über die Bank. Die Atmosphäre, die von der eigenen Ersatzbank ausgeht, Energie und Positivität, kann ganz entscheidend sein. Darüber, wie sich die Mannschaft als Ganzes gibt, kann der Funke auf ein ganzes Land überspringen.

Julian Nagelsmann gilt als Trainer, dessen Qualität es ist, intakte Gruppen zusammenzustellen und zu formen. Ist das ein entscheidendes Plus?

Julian hat es vor und während der Heim-EM eindeutig geschafft, eine gute Gruppe zu bilden und gute Stimmung zu erzeugen. Das hat er auch durch seine Kaderzusammenstellung geschafft, und ich finde es spannend zu sehen, dass mehrere Nationen gerade einen ähnlichen Weg gehen.

Inwiefern?

Es ist sichtbar, dass vermehrt darauf geachtet wird, nicht unbedingt und ausschließlich auf die besten Einzelspieler zu setzen, sondern darauf zu achten, welche Spieler und auch Charaktere am besten zusammenpassen. Ich finde, da hat Julian vor zwei Jahren Maßstäbe gesetzt und ich habe auch großes Vertrauen, dass ihm das wieder gelingt.

Neuer-Comeback: "Auch ich war etwas überrascht"

Die Öffentlichkeit hat der Bundestrainer mit der Rückhol-Aktion von Manuel Neuer überrascht. Sie auch?

Um ehrlich zu sein, ja. Auch ich war etwas überrascht.

Wegen einer verhärteten Wade hat Neuer beide Testspiele vor Turnierbeginn verpasst. Ist das ein Risiko oder reicht die Partie gegen Curacao gewissermaßen zum Einspielen?

Natürlich wäre es grundsätzlich hilfreich und gut gewesen, wenn Manu zumindest gegen die USA und wenigstens eine Halbzeit gespielt hätte. Andererseits ist Manu noch immer einer der Besten der Welt, und wir haben mit Oliver Baumann einen super Torwart dahinter. Auch, wenn die Situation für ihn nicht so leicht ist.

Während Ihres letzten Turniers war Baumann die loyale Nummer 3, stieg dann zur Nummer 1 auf. Wie geht er damit um?

Oli zeichnet aus, dass er nicht nur ein super Torwart, sondern auch ein überragender Charakter ist. Ich weiß aus den gemeinsamen Erfahrungen, wie er seine Rolle innerhalb einer Gruppe interpretiert, wie sein Verhältnis zu Manu ist.

Öffentlich diskutiert wird auch über Leroy Sané, am Samstag traf er zum 2:1-Sieg. Wie nehmen Sie Ihren Teamkollegen bei Galatasaray wahr?

Leroys Saison war meiner sehr ähnlich, sie war turbulent, hatte Höhen und Tiefen. Entscheidend ist aus meiner Sicht: Er ist nicht nur gut gestartet, er ist auch gut aus der Saison herausgegangen, hat es immer wieder geschafft, sich aus schweren Situationen herauszuziehen. Ich weiß, wie hart er arbeitet, er hat es auch total verdient, dabei zu sein.

Verstehen Sie die Debatten um ihn?

Leroys einziges Problem ist, dass er seine Verärgerung manchmal ein bisschen sehr offensichtlich raushängen lässt, wenn im Spiel mal etwas nicht zu 100 Prozent klappt. Ich finde aber, das ist sogar etwas Positives.

Weshalb?

Weil es genau das Gegenteil von dem ausdrückt, was die Leute über ihn sagen. Ihm wird oft ein Stempel aufgedrückt. Aber ich finde, es bedeutet, dass ihm die Dinge eben nicht egal sind, dass er sich vor allem am meisten über sich selbst ärgert.

Vor zwei Jahren haben Sie als zentraler Mann der offensiven Dreierreihe Florian Wirtz und Jamal Musiala geführt. Können diese beiden nach einer schwierigen Saison nun auch allein die Hoffnungen schultern?

Die schwierige Saison sehe ich gar nicht unbedingt als Nachteil.

Das müssen Sie erklären.

Phasen wie Flo und Jamal sie jetzt durchlebt haben, gehören zu einer Entwicklung, sie machen Spieler und Persönlichkeiten oft stärker. Solche Phasen formen beide auch. Sie sind unfassbare Fußballer und es war eine große Freude, dass ich bei der EM mit beiden zusammen auf dem Platz stehen durfte. Und um auf Ihre Frage zurückzukommen: Natürlich brauchen sie dennoch Führung und können es nicht allein regeln. Aber die Führung kann auch von den Positionen dahinter und davor kommen, und da haben wir Spieler, wenn ich nur an Joshua Kimmich oder Kai Havertz denke.

„Ich bin sehr optimistisch und glaube, diese Mannschaft kann überraschen.“ (Ilkay Gündogan)

Die Stimmung in Deutschland ist aktuell wenig euphorisch. Sie spielten in England, Spanien, sind jetzt in der Türkei. Ist die Wertschätzung außerhalb Deutschlands für Deutschland größer?

Ja, das ist schon so. Das sehe ich aber gar nicht negativ. Ich selbst sehe mich auch immer kritischer. Das treibt an, und außerdem ist es kein Nachteil, wenn die Erwartungen gar nicht so groß sind.

Wie sind Ihre Erwartungen?

Ich bin sehr optimistisch und glaube, diese Mannschaft kann überraschen. Natürlich fehlt noch der Beweis, dass das Gros der Einzelspieler dauerhaft Halbfinals und Finals der Champions League spielen kann. Nehmen wir das zum Maßstab für die absolute Spitze, dann reicht es noch nicht. Aber es gibt auf jeden Fall das Potenzial dafür.