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HSV-Szene: So gefährdet Kircher die Glaubwürdigkeit der Regelschulungen

kicker

Knut Kircher steht für Klartext. Den hat er vor seinem Amtsantritt im Sommer 2024 als Geschäftsführer der DFB Schiri GmbH angekündigt. Und seitdem liefert der 56-Jährige. Intern wie extern. Öffentlich kritisiert er auch mal einzelne seiner Referees - wie zuletzt in den großen kicker-Bilanzgesprächen.

Das hat es vorher in der jahrelang so verschwiegenen Schiedsrichterzunft noch nicht gegeben. Entsprechend macht sich Kircher damit nicht nur Freunde. Aber das ist ihm egal, ihm geht's um die Sache und den Fortschritt im deutschen Schiedsrichterwesen, das in Sachen Erklärungsbereitschaft international ein Vorreiter ist. Kirchers Art ist grundsätzlich wohltuend in einer Zeit, in der viele Protagonisten im Profizirkus die klare Kante aus Angst vor Gegenwind scheuen.

Oberarm/Ellbogen als Werkzeug oder Waffe?

Am Wochenende aber ist Kircher von seinem Weg abgekommen. Als es im ZDF-Sportstudio darum ging, warum der Freiburger 2:1-Siegtreffer gegen den HSV gezählt habe, obwohl es kurz zuvor in einem Kopfballduell doch zu einem Foul an einem Hamburger Verteidiger gekommen sei, lavierte Kircher herum und nannte die Szene "grenzwertig".

Nicht nur der neben Kircher sitzende ZDF-Experte und frühere Bundesliga-Schiri Thorsten Kinhöfer plädierte auf Foul, Kirchers Einschätzung sorgt auch in Schiedsrichterkreisen für Verwunderung. Auch einen jahrelangen Teilnehmer der DFB-Regelschulungen kann sie nur erstaunen. Man kann sich das Kopfballduell zwischen Freiburgs Johan Manzambi und Hamburgs Jordan Torunarigha nämlich wunderbar als Referenzszene auf einer solchen turnusmäßig auch für Medien abgehaltenen Schulung vorstellen - für ein mit Gelb zu ahndendes Ellbogen-/Armvergehen im Luftkampf.

Foul? Selbst die Voraussetzungen für Gelb sind erfüllt

In der vermittelten Fachsprache sollen die Referees bei einem Gesichtstreffer im Kopfballduell unter anderem entscheiden, ob der Ellbogen/Arm als "Werkzeug" oder als "Waffe" eingesetzt wurde; Werkzeug = Gelb, Waffe = Rot. Insofern ist die Teil-Erklärung von Schiedsrichter Timo Gerach, die Kircher im ZDF ebenso erwähnte, er habe keinen Schlag wahrgenommen, deplatziert und irreführend. Denn: Schlag = Waffe = Rot.

Aber in diesem Fall ging es nicht um eine mögliche Rote Karte, sondern nur um die Frage: Foul oder nicht? Die Antwort ist klar, da sogar die Voraussetzung für ein gelbwürdiges Foul erfüllt ist. Manzambi befindet sich zwar in der besseren Position gegenüber Torunarigha, und er führt die Arme beim Sprung auf natürliche Weise mit und spielt dann auch den Ball mit dem Kopf. All das ist aber irrelevant.

Manzambi hält seinen Oberarm nämlich über Schulterhöhe abgespreizt neben seinem Kopf und setzt ihn dadurch als "Werkzeug" ein, um diesen Raum abzuschirmen. Das ist regelwidrig, wenn ein Gegenspieler wie Torunarigha versucht, mit seinem Kopf in diesem Bereich auf legale Weise ebenfalls an den Ball zu kommen und es dann zu einem Kopftreffer kommt. Dass dieser Treffer, kurz bevor Manzambi köpft, nicht geringfügig ausfällt, wird durch den Rückstoß von Torunarighas Kopf auf den TV-Bildern ebenfalls klar ersichtlich.

Gerach wäre in der Review Area kein Spielraum geblieben

Deshalb hätte VAR Arne Aarnink Schiri Gerach zwingend mit Nachdruck in die Review Area schicken müssen. Hätte Gerach dort den Ellbogentreffer gesehen, wäre ihm, nach allem, was die DFB-Schiri-Verantwortlichen seit Jahren lehren und predigen, kein Spielraum geblieben, das Tor von Igor Matanovic annullieren zu müssen.

Das so einzuräumen, hätte Kirchers Klartext-Strategie logisch fortgesetzt. Die Szene in den grenzwertigen Grau-Bereich zu verlagern, damit liegt der Schiri-Chef daneben. Bei allem Verständnis dafür, einen Schützling, der seine Entscheidung auch noch öffentlich ungeschickt verteidigt hat und den Kircher 2025 selbst im kicker-Interview kritisiert hatte, nicht bloßstellen und die selbst verordnete, grundsätzlich begrüßenswerte hohe VAR-Eingriffsschwelle schützen zu wollen.

Erinnerung an Brych-Szene und Zoff mit Krösche

So aber sind der Ärger von HSV-Trainer Merlin Polzin und dessen Hinweis auf eine in diesem Fall verfehlte Fehlerkultur völlig nachvollziehbar. Zudem gefährdet Kircher ein Stück weit auch die Glaubwürdigkeit der eigenen Regelschulungen, mit denen auch Trainer wie Polzin jede Saison eingewiesen werden.

Ähnliches ist Kircher schon einmal in seiner ersten Saison passiert. Damals verteidigte er einen Tag nach dem Spiel Leverkusen gegen Frankfurt den früheren Weltschiedsrichter Felix Brych für einen ausgebliebenen Elfer-Pfiff nach klarem Schubser von Jonathan Tah gegen den sich in der Luft befindlichen Hugo Ekitiké.

Erst nach einem saftigen öffentlichen Zoff mit Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche räumte Kircher viele Wochen später ein, dass Brych auf Elfmeter hätte entscheiden sollen. Man habe sich wegen dieser Szene auch mit vielen Bundesliga-Trainern beraten. Man darf gespannt sein, was in diesem Fall passiert. Lösungstipps von Trainern sind allerdings bei solch klaren Szenen eigentlich nicht nötig - damals wie heute.