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"Ich fühlte mich leer und ausgebrannt"

kicker

Im Jahr 2000 wechselte Sebastian Kneißl mit 17 von Eintracht Frankfurt auf die Insel zum FC Chelsea. Er galt seinerzeit als eines der heißesten Fußballtalente Deutschlands, eine Weltkarriere schien möglich. Es kam jedoch alles ganz anders: Heute steht er als TV-Experte für DAZN am Mikrofon und gibt seine gemischten Erfahrungen aus dem Profifußball mittlerweile auch als Coach weiter.

Hallo Sebastian, du nennst auf deiner Homepage als persönliches Karriere-Highlight die Begleitung des Champions-League-Finales im Jahr 2023 als Experte. Warum ausgerechnet dieses Spiel und nicht etwa die Lebensleistung, es in den Profi-Kader des FC Chelsea geschafft zu haben?

Ich nenne mich ja gerne "No-Name-Experte" weil ich eben nicht diese große Spielerkarriere hatte. Als TV-Experte dann neun Jahre nach meiner Burn-out Erkrankung das wichtigste Spiel im Vereinsfußball begleiten zu dürfen, war demzufolge mein Karriere-Highlight. Ich will mich damit nicht klein machen - aber ich weiß, wo ich herkomme und was ich erreicht bzw. nicht erreicht habe.

Definierst du dich folglich mehr als TV-Experte und weniger als Ex-Profi?

Ich habe mich in der Vergangenheit zu sehr über eine Rolle definiert und gelernt, dass es mehr als nur den Spieler oder nur den TV-Experten Sebastian Kneißl gibt. Als Experte habe ich jedenfalls mehr erreicht. In den letzten zehn Jahren war - glaube ich - nur Lothar Matthäus als TV-Experte mehr im deutschen Fernsehen bei Einzelspielen zu sehen als ich. Ich bekomme oft das Feedback, dass man als DAZN-Zuschauer nicht an meinem Gesicht vorbeikommt. (lacht)

Deine aktive Spielerkarriere begann vielversprechend: Mit 17 bist du zum FC Chelsea nach London gewechselt, wurdest dort Profi und hast an der Seite von Größen wie Marcel Desailly, Frank Lampard und Gianfranco Zola gespielt. Wie war das damals für dich als junger Bub aus der hessischen Provinz?

Ich musste erstmal Marcel Desailly die Schuhe putzen! Natürlich träumt man am Anfang ganz groß und will der beste Fußballer der Welt sein. Alles ging für mich bis dorthin stetig immer weiter nach oben. Es lief und lief und lief. Selbst mein damaliger Trainer, der große Gianluca Vialli, sagte einmal zu mir nach einer Trainingseinheit: "Du erinnerst mich an meine Person als junger Fußballspieler." Da habe ich Gänsehaut bekommen - ein besseres Kompliment kann man gar nicht bekommen. Als er "gegangen wurde" und Claudio Ranieri als neuer Chelsea-Trainer kam, wurde es erstmals schwer für mich. Bis dahin war ich von meiner Kindheit bis zum Erwachsenenalter von Rückschlägen verschont geblieben und musste erst lernen, mit diesen umzugehen - und das ganz allein in England, fernab der Heimat. In dieser Zeit sind mir auch rückblickend die meisten Fehler passiert.

„Ich wurde nachlässig und dachte, ich kann alles mit meinem Talent regeln.“ (Sebastian Kneißl)

Welche Fehler?

Ich habe aufgehört, an mir zu arbeiten, wurde nachlässig und dachte, ich kann alles mit meinem Talent regeln. Damals, in meiner zweiten Saison bei Chelsea, hat mich beispielsweise mein deutscher Mitspieler Robert Huth überholt, der zuvor eigentlich fußball-perspektivisch hinter mir angesiedelt war. Aber er hat auch nach den Trainingseinheiten konstant an sich gearbeitet und für seinen großen Traum die Extra-Schichten eingelegt - ich eben nicht. Der größte Fehler, den ich zu dieser Zeit allerdings gemacht habe, war: Ich habe aufgehört, Fragen zu stellen und neugierig zu bleiben. Kurz darauf kam Roman Abramovich zu Chelsea, mit sechs, sieben Stars im Gepäck - und ich stand auf einmal ohne Perspektive da und durfte nicht mehr im Kreis der Profimannschaft sein. Robert hat konstant an sich gearbeitet, den Cut geschafft, sich bei Chelsea durchgesetzt und ist zum Nationalspieler geworden.

Kam damals auch Neid auf?

Na klar. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich damit total cool war. Ich habe mich schon für Robert gefreut, aber ich wollte auch diesen Erfolg.

Wie ging deine Reise weiter?

Ich wurde mehrmals ausgeliehen, nach Schottland und Belgien. Schottland lief gut, doch in Belgien war ich sehr unglücklich. Das war dann der nächste Rückschlag. Ich habe aber nie die Schuld bei mir gesucht, sondern immer bei den anderen, was nicht so schlau war. Schließlich bin ich bei Wacker Burghausen in der 2. Bundesliga gelandet. Dort angekommen hatte ich aber kaum noch Selbstbewusstsein und dachte mir: Ich bin hier der schlechteste Spieler im Kader. Das hat mich zerfressen.

Der nächste Rückschlag …

Letztendlich habe ich über die Jahre die Lust am Fußball verloren. Ich hatte keine Motivation mehr, mich ständig wieder ran kämpfen zu müssen. Zudem haben mich die Erwartungen der Menschen im Stadion immer mehr unter Druck gesetzt, sodass ich manchmal wie gelähmt auf dem Platz stand. Ich habe mir nie etwas anmerken lassen, obwohl ich viel zu viel auf die Meinung anderer gegeben habe. Für eine kurze Zeit bin ich dann noch zu Fortuna Düsseldorf gewechselt, wusste aber eigentlich da schon, dass ich mit dem Fußball aufhören will. So war es dann auch: 2007 habe ich meine Karriere beendet und mich arbeitslos gemeldet.

„Auch damals hat schon etwas in meinem Kopf nicht gestimmt.“ (Sebastian Kneißl)

Waren das schon die ersten Anzeichen deines späteren Burn-Outs?

Definitiv. Auch damals hat schon etwas in meinem Kopf nicht ganz gestimmt. Körperlich war ich top-fit, aber mental war ich schon seit langer Zeit irgendwie verletzt - sowas sieht man einem von außen nicht an und in keinem Röntgenbild. In meinem Kopf war es oft lauter als im Stadion. Ich habe dann eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann absolviert und in der Folge als Qualitätsmanager gearbeitet. Da kam es dann zum endgültigen Burn-Out.

Wie sah dieser Burn-Out aus?

Ich hatte einen Geschäftstermin, bin frühmorgens mit dem Auto losgefahren und habe schon gemerkt, dass mich etwas beschäftigt, ich innerlich geladen bin und eine kurze Zündschnur habe. In einem Kreisverkehr habe ich jemandem die Vorfahrt genommen, woraufhin mich der Autofahrer - verständlicherweise - angehupt hat. Ich bin wutentbrannt aus meinem Auto gestiegen und wollte den anderen Fahrer zur Rede stellen. Da sah ich: Auf dem Beifahrersitz saß ein kleiner Junge mit seinem Schulranzen auf dem Schoß. Ich habe dann einfach gesagt: "Es tut mir leid." Das war der Moment, in dem ich merkte: Mit mir stimmt etwas nicht. Ich habe dann meinen Termin abgesagt, bin nach Hause gefahren und habe mich ins Bett gelegt. Ich fühlte mich komplett leer und ausgebrannt. Am nächsten Tag hat eine Ärztin dann auch meinen Burn-Out diagnostiziert.

Der Tiefpunkt?

Noch nicht ganz. Mein Chef hat mir kurz darauf gekündigt. Nun war ich also krank, arbeitslos, lebte zu diesem Zeitpunkt in München, einer der teuersten Städte Deutschlands - und meine damalige Partnerin war im sechsten Monat schwanger. Ich wollte nur noch im Bett liegen bleiben und nicht mehr aufstehen - aber irgendwie musste es ja weitergehen.

Wie hast du es aus diesem Loch wieder herausgeschafft?

Letztendlich hat mich diese Kündigung gerettet - so sehe ich das heute. Ich bin in Therapie gegangen und musste lernen, endlich Verantwortung für mein Leben zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, die für mich und mein Wohlbefinden gut sind. Ich war schließlich mein ganzes Leben lang fremdgesteuert gewesen. Weitergeholfen haben da vor allem banale Sachen wie ausreichend Schlaf, mehr Bewegung außerhalb des Fußballplatzes und ein klareres, realistisches Bewusstsein zu schaffen: Wer bin ich und wo stehe ich im Leben. Dazu gehörte auch, das ewige Damokles-Schwert des "Ex-Chelsea-Spielers" abzulegen. In der Folge hat sich mein Akku wieder gefüllt.

„Man kann schon ins Schlingern geraten, wenn sich die Karriere-Träume nicht erfüllen.“ (Sebastian Kneißl)

Sind Profifußballer von psychischen Erkrankungen besonders gefährdet?

Ich denke schon - und das sehe ich auch kritisch: Du bekommst von Kindesbeinen an "vorgeschrieben", was du zu tun hast, was du essen sollst, wie du zu leben hast. Fast alles wird einem abgenommen. Es gibt wenig Raum für Selbstverantwortung. Zudem bist du sehr früh im öffentlichen Fokus. Da kann man schon ins Schlingern geraten, wenn sich die großen Karriere-Träume eben nicht erfüllen und man dann hilflos mitten im "normalen" Lebensalltag steht.

Was ist dir nun in deinem "zweiten Berufsleben" als TV-Experte wichtig?

Ich bin ja nicht nur TV-Experte, sondern auch Coach. Ich weiß, wie es sich anfühlt, unten auf dem Platz alles zu geben und es manchmal aus verschiedensten Gründen nicht zu schaffen. Ich versuche daher, bei meinen Analysen auf eine wertschätzende, respektvolle und klare Kommunikation zu achten. Ich analysiere auch die positiven Dinge, kritisiere im Kern nur ein Verhalten, nicht den Menschen persönlich - wohl wissend, dass viele junge Spieler, die sich oft nur über diese eine Rolle als Fußballspieler definieren, sich trotzdem persönlich angegriffen fühlen. Ich bin aber immer an einer gesichtswahrenden Lösung interessiert. Als Coach stehe ich Spielern, Trainern, Schiedsrichter und Eltern von Jugendspielern zur Seite - hier können sie ganz offen in einem geschützten Raum mit mir über ihre Themen reden, ohne irgendwelche Konsequenzen befürchten zu müssen. Da sieht man oft sehr schöne Karriereentwicklungen.

Das Champions-League-Finale hast du bekanntlich als TV-Experte erreicht. Welche Ziele hast du dir für die Zukunft gesteckt?

Eine WM oder EM als TV-Experte zu begleiten, wäre die Erfüllung eines weiteren Lebenstraums. Zudem möchte ich meine Coaching-Tätigkeit weiter erfolgreich ausbauen, sodass möglichst viele Menschen von meinen Erfahrungen und meiner Methode profitieren können. Das harte, oft auch oberflächliche Fußballgeschäft möchte ich mit meinem Wirken schöner hinterlassen, als ich es vorgefunden habe.

Vielen Dank für das offene Gespräch!