Als sich gegen Mitte der zweiten Halbzeit leichte muskuläre Beschwerden ankündigten, schickte ihn der Trainer vorsorglich in den vorzeitigen Feierabend. Stefan Leitl wollte bei Michal Karbownik am vergangenen Freitag bei Herthas Generalprobe (1:1) im Fir Park zu Motherwell kein Risiko eingehen. Der Pole ist aktuell zu wichtig für Hertha. Den Zweikampf, den er in der Vorbereitung auf der linken Außenbahn gegen Marten Winkler geführt hat, hat Karbownik allem Anschein nach vorläufig gewonnen. "Michal hat eine gute Vorbereitung gespielt", sagt Sportdirektor Benjamin Weber. "Er ist jetzt körperlich stabil, traut sich als linker Schienenspieler offensiv immer mehr zu und ist gegen den Ball giftig."
Brighton holte ihn für knapp vier Millionen Euro auf die Insel
Karbownik geht in seine dritte Berliner Saison. Ein Flop war er nie, der erhoffte Faktor auf Strecke aber auch nicht. Beim technisch beschlagenen Polen stellten sich zumeist zwei Fragen, deren Beantwortung oft genug vage ausfiel: Ist er robust genug für die kernige 2. Liga - und was genau ist seine stärkste Position? Linksverteidiger, Rechtsverteidiger, Sechser, Achter: Karbownik ist ein Allrounder. Brighton & Hove Albion kaufte ihn im Oktober 2020 für knapp vier Millionen Euro von Legia Warschau, lieh ihn postwendend wieder an Legia aus und holte ihn im Januar 2021 endgültig nach England.
Fiels Lob im Herbst 2024: "Er hat immer eine Lösung"
Der Durchbruch in der Premier League gelang nicht, Leihen zu Olympiakos Piräus und Fortuna Düsseldorf folgten. Hertha holte ihn nach dem Bundesliga-Abstieg 2023 für eine Sockelablöse von 1,3 Millionen Euro als teuerste Neuverpflichtung jenes Sommers. Leitls Vor-Vorgänger Pal Dardai setzte Karbownik vorwiegend als Linksverteidiger ein, war aber von dessen defensiver Verlässlichkeit eher nicht überzeugt.
Im Herbst 2024 hatte Karbownik im Mittelfeld unter Dardai-Nachfolger Cristian Fiel deutlichen Aufwind. "Miki hat immer eine Lösung und ist ein unfassbar quirliger Spieler, der schwer zu greifen ist", lobte Fiel damals. "Er hat keine Angst, dort Bälle zu fordern, wo es dem Gegner weh tut. Er kann dribbeln, er kann den letzten Pass spielen. Er ist eine Bereicherung für unser Spiel."
Das war er bisher nur nie dauerhaft. Immer wieder bremsten den Mann, der zwischen 2020 und 2023 vier A-Länderspiele für Polen absolviert hatte, Blessuren. In der Rückrunde der Vorsaison war er unter Leitl, der Mitte Februar Fiel beerbt hatte, eher eine Randfigur. Das hat sich jetzt geändert.
Die von vielen erwartete Verstärkung für die linke Schiene hat Hertha bislang nicht verpflichtet. Ob sie noch kommt, ist offen. Deyovaisio Zeefuik, der am Freitagabend auf Schalke vermutlich in der Dreierkette als Ersatz für Linus Gechter (Rot-Sperre) gebraucht wird, hat in der vergangenen Saison links seine besten Spiele gemacht. Zum Start aber soll Karbownik den Job im linken Außendienst bekommen.
Hertha hofft auf einen Kownacki-Effekt
Mit Bremen-Leihgabe Dawid Kownacki hat Hertha seit zehn Tagen einen Landsmann und Kumpel von Karbownik im Kader. Beide spielten 2022/23 gemeinsam für Fortuna Düsseldorf, sie verstehen sich blendend. Auch durch Kownacki erhofft sich Hertha bei Karbownik einen weiteren Push. Sein Vertrag läuft zum 30. Juni 2026 aus, Gespräche gab es noch nicht.
Bei aller Wertschätzung des Klubs für den 24-Jährigen: Eine Verlängerung zu den aktuellen Bezügen gilt als unwahrscheinlich. Aber Karbownik kann mit guten Leistungen seine Ausgangslage verbessern. Die Erwartung von Sportdirektor Weber ist klar: "Wir erhoffen uns von ihm in seinem dritten Hertha-Jahr einen weiteren Schritt nach vorn." Das dürfte sich mit der Anspruchshaltung, die Karbownik selbst hat, decken.