Zu viele indiskutable Leistungen
Es war an einem Dienstagabend Mitte Januar, als den Fans von Holstein Kiel trotz der Kälte ganz warm wurde ums Fußballherz. Die KSV Holstein empfing im eigenen Stadion Borussia Dortmund und ging trotz der sportlichen Talfahrt der Dortmunder als klarer Außenseiter in die Partie zum Hinrunden-Abschluss. Und die Zuschauer im ausverkauften Holstein-Stadion trauten ihren Augen kaum.
Die Kieler trafen innerhalb von 23 Minuten durch Shuto Machino (27.), Phil Harres (32.) und Alexander Bernhardsson (45.+4) dreimal und gingen mit diesem überraschenden Ergebnis in die Pause. Komplett abschießen lassen wollten sich die Dortmunder an diesem Abend zwar nicht, aber zwei Tore waren am Ende zu wenig, zumal Fiete Arp in der Nachspielzeit noch das vierte Tor für die Störche erzielte. Das Stadion kochte. Die Spieler feierten das 4:2.
Die Hoffnungsschimmer verschwanden schnell
Die Hoffnung nach diesem Überraschungserfolg war groß an der Förde. Die Hoffnung darauf, doch noch länger als eine Saison in der Bundesliga verweilen zu können. Nur vier Tage später folgte die Ernüchterung: Die Kieler verloren ihr Heimspiel gegen die ebenfalls tief in der Krise steckende TSG Hoffenheim mit 1:3. Ein Problem, das sich durch die Saison zog: Immer, wenn ein Hoffnungsschimmer am Horizont aufzog, verschwand er auch schnell wieder. Sprich: Es folgten Spiele mit indiskutablen Leistungen. Trotzdem schafften es die Nordlichter bis zum 33. Spieltag im Schneckenrennen mit dem VfL Bochum und dem 1. FC Heidenheim um den Relegationsplatz mitzumischen. Am Ende hatte Heidenheim die Nase vorn.
25 Punkte reichten für Holstein Kiel nur zu Platz 17 in der Abschlusstabelle. „Am Ende war's über die Saison gesehen zu wenig", bilanzierte Holstein-Routinier Steven Skrzybski (32). Trotzdem ist der Abstieg kein Weltuntergang für die Holsteiner. Das Erreichen des Relegationsplatzes wäre eine noch größere Überraschung gewesen als der Aufstieg im Mai 2024.
Vereins-Rekord zum Abschluss
So sahen es auch die Fans, die jedes Spiel ihrer Mannschaft zur Feierstunde auf den Rängen machten. Das Holstein-Stadion war trotz zum Teil mangelhafter Leistungen der Störche mit jeweils mehr als 15.000 Zuschauern immer ausverkauft. Für die Anhänger war die Premieren-Saison in der 1. Liga eine Party. Gefeiert wurde die Holstein-Mannschaft auch noch nach dem Schlusspfiff gegen den SC Freiburg am 33. Spieltag. Selbst der Gegner und dessen Fans applaudierten den Kielern. Und zum vorläufig letzten Bundesliga-Auftritt eine Woche später in Dortmund reisten 8000 Fans mit ins Ruhrgebiet - Vereins-Rekord.
Insgesamt war die Bundesliga eine Nummer zu groß für die KSV Holstein. Nicht nur auf dem Platz: Das alte Stadion ist immer noch weit von einer Erstligatauglichkeit entfernt. Es soll im Laufe der kommenden Saison modernisiert, umgebaut und vergrößert werden. Der Kader, mit dem die Kieler in die Spielzeit 24/25 gingen, war kaum tauglich fürs Oberhaus - und verkaufte sich dafür nach einer Anlaufzeit von mehreren Spieltagen sogar noch erstaunlich gut. Die neuen Verteidiger David Zec und John Tolkin, die im Winter verpflichtet wurden, konnten die Abwehr zwar stabilisieren, aber es reichte insgesamt nicht aus. Defensiv agierten die Norddeutschen lange Zeit zu naiv.
Der Absteiger ist nicht automatisch der Favorit
Offensiv hielt die KSV indes erstaunlich gut mit. 49 Treffer in 34 Spielen sind eine sehr ordentliche Quote für einen Absteiger. Mehr Tore hat auch der SC Freiburg als Tabellenfünfter nicht erzielt. Der FC St. Pauli, der zusammen mit den Kielern 2024 aufstieg, hat nur 28 Tore geschossen. Top-Torschütze der Kieler war der Japaner Machino mit elf Toren. Phil Harres, der eine Saison zuvor noch beim FC 08 Homburg in der Regionalliga kickte, schoss acht Treffer. Bemerkenswert ist auch, dass es die Kieler bis zum letzten Spieltag geschafft hat, auswärts immer ein Tor zu erzielen. Diese Serie endete erst am 17. Mai beim 0:3 in Dortmund.
"Ich bin enttäuscht über den Abstieg. Zugleich bin ich aber auch stolz über die Entwicklung im Verein und einiger Spieler. Wir haben Spuren in der Bundesliga hinterlassen, weil wir ordentlichen Fußball spielen. Das Umfeld kann schon einschätzen, gegen welche Gegner wir spielen mussten", bilanzierte Holstein-Trainer Marcel Rapp die Saison.
In der neuen Spielzeit fällt alles wieder eine Nummer kleiner aus - auch die Gegner. Trotzdem ist es nicht so, betont der Kieler Coach, dass der Absteiger automatisch Aufstiegsfavorit Nummer 1 sein wird. Rapp, der seinen Vertrag im April vorzeitig bis 2028 verlängert hat, dämpft die Erwartungen: "Wir dürfen keine Luftschlösser bauen", stellt er vorsorglich klar. Aber das ist üblicherweise ohnehin nicht die Herangehensweise der Norddeutschen. Einen Aufstieg 2026 schließt das trotzdem nicht aus. Und dann würden die Kieler wohl auch mit mehr Mut und größerem finanziellem Aufwand einen zweiten Anlauf im Oberhaus nehmen - damit die Verweildauer länger ausfällt.