Nach Jubeln war Carney Chukwuemeka nach seinem späten Ausgleichstreffer zum 3:3 in Frankfurt in der sechsten Minute der Nachspielzeit nicht zumute. Zum einen, weil Borussia Dortmund sich für den Jahresauftakt mehr vorgenommen hatte als ein Remis und das Spiel dazu auch eigentlich alle Möglichkeiten gegeben hatte. Zum anderen, weil der Engländer erst in der 87. Minute in die Partie gekommen war - und damit nicht nur für seinen Geschmack deutlich zu spät.
Viel zu viele verspielte Führungen
Der aktuelle Zwischenstand dieser Saison lässt für den BVB zwei Blickwinkel zu: Den, dass doch insgesamt eigentlich gerade alles positiv laufe in der Liga. Und den, dass da eigentlich viel mehr möglich wäre als das, was Niko Kovac und seine Mannschaft in den bisherigen 16 Saisonspielen umgesetzt haben. So reihte sich das Spiel bei der Eintracht in die Reihe von Partien ein, die der BVB angesichts der Spielanteile und der eigenen Führungen eigentlich hätte gewinnen müssen, es aber eben nicht tat. So wie zuvor auf St. Pauli (3:3), beim Hamburger SV (1:1), gegen den VfB Stuttgart (2:2), in Freiburg (1:1) oder in der Champions League bei Juventus Turin (4:4) oder gegen Bodö/Glimt (2:2).
"Nach unseren Treffern haben wir ein paar Prozent weniger gemacht, das funktioniert nicht", kritisierte Abwehrspieler Waldemar Anton seine Mannschaft in Frankfurt. So zutreffend dieser Befund war, war er zugleich nur die halbe Wahrheit. Zwar zog sich zunächst der BVB nach der Führung durch Maximilian Beier unnötigerweise zurück und holte die Frankfurter so ins Spiel zurück. In der zweiten Hälfte dagegen lag das Problem eher darin, dass die Dortmunder aus der eigenen Dominanz und den sich ergebenen Spielsituationen deutlich zu wenig Ertrag herausholen konnten.
Zu häufig verpuffen offensive Möglichkeiten
Das traf auf die meist schwachen Hereingaben von Daniel Svensson, der nicht einmal auf die sehr mutige Positionierung von Frankfurts Keeper Kaua Santos achtete, ebenso zu wie auf die Schussmöglichkeit durch Julian Brandt, die dieser aus aussichtsreicher Position in den Frankfurter Nachthimmel drosch. Zu selten passte die Entscheidungsfindung im letzten Drittel, weshalb die Offensive um den erneut wirkungslosen Serhou Guirassy trotz dreier eigener Treffer in vielen Spielphasen stumpf blieb.
Besserung trat erst ein, als Kovac im Laufe der finalen 30 Spielminuten personelle Wechsel vornahm: So agierte Fabio Silva wesentlich auffälliger als Guirassy und sammelte mit 15 Ballkontakten in 32 Minuten nur einen weniger als Guirassy in 68 (Nachspielzeiten inklusive). Karim Adeyemi sorgte mit seinem Tempo für Vorteile im Eins-gegen-Eins, Torschütze Chukwuemeka für spielerische Vorteile zwischen den Linien. Kaum verwunderlich, dass anschließend die Rufe nach personellen Änderungen in der Startelf noch etwas lauter wurden als bereits zuvor.
Heimspiele gegen Bremen und St. Pauli bieten Chancen
Die beiden Heimspiele gegen Werder Bremen (Dienstag, 20.30 Uhr) und den FC St. Pauli (Samstag, 15.30 Uhr) bieten Kovac eigentlich die Möglichkeit, verstärkt auf spielerische Aspekte zu achten. Andererseits war es gerade die durch die taktischen und personellen Maßnahmen des 54-Jährigen gesteigerte Widerstandsfähigkeit, die den BVB erst in die Champions League und jetzt auf Rang zwei im Zwischenklassement führte. Die Frage wird deshalb sein, wie viel Mut die grundsätzlich erreichte Dortmunder Stabilität verträgt, ohne aus der Balance zu geraten. Und wie sehr Kovac in der diffusen Stimmungslage rund um den Klub, in der das Glas meist eher halbleer als halbvoll ist, sich traut, das auszutesten. Dass offensive Fortschritte grundsätzlich der nächste Entwicklungsschritt sein müssen, haben sowohl Dortmunds Trainer als auch Spieler und Verantwortliche in der jüngeren Vergangenheit häufig betont - und genau daran im Trainingslager in Marbella auch gearbeitet. Erste Fortschritte waren in Frankfurt etwa beim Tor zum 1:0, das ähnlich geplant eingeleitet wurde wie das 2:0 gegen Mönchengladbach vor der Winterpause, bereits erkennbar. Die Probleme lagen eher in der technisch sauberen Umsetzung als in der Vorbereitung der Szenen.
In Silva, Chukwuemeka und Yan Couto drängen sich aus dem qualitativ inzwischen deutlich breiteren Aufgebot jedenfalls gleich mehrere spielstarke Alternativen auf, die in Summe eher für Offensivspektakel als für Defensivfeuerwerke stehen. Der Zeitpunkt, sie gemeinsam von der Leine zu lassen, könnte genau jetzt mit den zwei Heimspielen gegen die klaren Außenseiter aus Bremen und St. Pauli gekommen sein.