Remis-Krankheit und verschenktes Pokalfinale
Noch vor zwei Jahren hätte eine solche Saisonbilanz bei Bayer 04 durchweg für strahlende Gesichter gesorgt: Souverän, unangefochten und frühzeitig Platz 2 in der Bundesliga und damit die Champions League erreicht. Teilnahme am DFB-Pokal-Halbfinale und nach einer herausragenden ersten Phase in der Champions League direkt ins Achtelfinale eingezogen. Bayer-Herz, was willst du mehr?!
„Ich tue mich schwer damit, zu sagen, dass ein zweiter Platz ansatzweise gut ist.“ (Jonathan Tah)
Doch im Mai 2025 ruft dieses Ergebnis unter dem Bayer-Kreuz in erster Linie Stirnrunzeln hervor. Beschleicht doch Verantwortliche wie Spieler einhellig das Gefühl, dass in allen drei Wettbewerben mehr drin gewesen wäre für die Mannschaft von Xabi Alonso. So erklärte Abwehrchef Jonathan Tah nach dem 1:1 auf St. Pauli, mit dem Bayer seine letzte praktische Chance auf den Titel vergab, fest: "Ich tue mich schwer damit, zu sagen, dass ein zweiter Platz ansatzweise gut ist."
Die Ansprüche, auch die eigenen, sind gewaltig gewachsen
Diese latente Unzufriedenheit rührt nicht nur aus der märchenhaften Vorsaison. In dieser hatte der Werksklub unbesiegt das nationale Double gewonnen und im Finale der Europa League gegen Atalanta Bergamo beim 0:3 in Dublin die einzige Niederlage in jener Spielzeit erlitten, wodurch die Ansprüche, auch die eigenen, natürlich gewaltig gewachsen sind.
Bis das Titelrennen in der Liga am 32. Spieltag zugunsten des FC Bayern München entschieden war, hatte Bayer 04 auch nur zwei Spiele in der Meisterschaft verloren - genauso viele wie die Münchner. Doch bis dahin elf Unentschieden, mit Vorliebe gegen die Kleinen der Liga, sorgten dafür, dass Bayer schon früh in der Saison dem Rekordmeister hinterherlief und ab April dann endgültig den Titel mit den drei Unentschieden gegen Union (0:0), auf St. Pauli und in Freiburg (2:2) verspielte.
„Wir haben zu viele Punkte liegen lassen gegen Gegner, die man eigentlich hätte schlagen müssen.“ (Granit Xhaka)
Gerade an den ersten zehn Spieltagen wurde Bayer 04 von der Remis-Krankheit massiv gebeutelt: 2:2 nach 2:0-Führung gegen Aufsteiger Kiel, 2:2 nach zweimaliger Führung bei Werder Bremen, 1:1 nach 1:0-Führung in Bochum - die Werkself schmiss die Punkte reihenweise achtlos weg. Neun Zähler Rückstand auf den FC Bayern waren die Folge.
"Wir wissen auch, warum es am Schluss nicht gereicht hat", erklärte Granit Xhaka nach der verspielten Meisterschaft, "wir haben zu viele Punkte liegen lassen gegen Gegner, die man eigentlich hätte schlagen müssen. Das war unsere Stärke letztes Jahr, weil man die auch weggeputzt hat - dieses Jahr leider nicht."
Die Double-Helden sind anfangs körperlich und mental müde
Dieses Krankheitsbild zeigte sich in den Phasen am stärksten, in den Bayer wie zu Saisonbeginn immer wieder in den "Pingpong-Fußball" verfällt, den Xhaka da genauso anprangerte wie nach dem 2:2 in Freiburg, wo Bayer endgültig die letzte theoretische Chance auf Platz 1 verspielte. Gerade zu Saisonbeginn trat Bayer alles andere als meisterlich auf. Die Double-Helden waren von den Erfolgen und der Zusatzbelastung durch EM beziehungsweise Copa America körperlich und mental ausgezehrt.
Doch in den großen Spielen, wenn die Hymne der Champions League erklingt, war Bayer dennoch voll da - und das vom ersten Spiel an. Platz 6 am Ende der Ligaphase, in der man unter anderem auch den spätere Finalisten Inter Mailand 1:0 besiegte, und die direkte Qualifikation für das Achtelfinale bescherten Bayer 04 große internationale Anerkennung und lassen die Kasse klingeln. Allein an Prämien nahm der Klub etwa 87 Millionen Euro ein. Finanziell ist die Saison dank der Königsklasse zweifellos ein großer Erfolg.
0:3 in der Champions League in München als Knackpunkt
Dass ausgerechnet die beiden Achtelfinalsspiele in der Champions League gegen Bayern München, die mit zwei ernüchternden Niederlagen (0:3; 0:2) enden, dann aber den sportlichen Knackpunkt für diese Bundesliga-Spielzeit liefern, darf durchaus als Ironie des Schicksals bewerten werden.
"Wir sind in München in einer starken Verfassung ins Spiel gegangen und haben ein schlechtes erstes Spiel gemacht", blickte Geschäftsführer Simon Rolfes nach dem 2:2 in Freiburg am 32. Spieltag auf den Tag, der alles veränderte, zurück, "das war ein harter Schlag auch mental, nach dem wir nicht mehr in die Verfassung gekommen sind, in der wir zuvor waren." Ein psychischer Totalschaden, der aus Rolfes‘ Sicht auch die Pokal-Pleite in Bielefeld nach sich zog.
Aus im Pokal-Halbfinale bei Bielefeld als Tiefpunkt
Das 1:2 im Halbfinale bei Drittligist Arminia markierte den Tiefpunkt des Leistungsverfalls im zweiten Halbjahr der Saison. Und erweckte damit auch den Eindruck, dass die objektiv gute Spielzeit als eine enttäuschende wahrgenommen wurde. In dieser kam Bayer nur einmal richtig ins Rollen. Vom 11. bis zum 18. Spieltag gewann die Werkself Wettbewerb übergreifend zwölf Partien am Stück, rückte dadurch in der Liga bis auf vier Punkte an die Münchner heran.
Doch schon vor dem Gipfeltreffen mit den Münchner in der BayArena bremste sich Leverkusen mit Unentschieden in Leipzig (2:2 nach 2:0-Führung) und in Wolfsburg (0:0) wieder selbst aus. Im Spitzenspiel demonstrierte Bayer dann zwar noch einmal seine Stärke, dominiert die Bayern fast nach Belieben, vergaß dabei beim 0:0 alleine das Torschießen und konnte den wieder auf acht Zähler angewachsenen Rückstand nicht verringern. Doch die Hoffnung aufgrund der fehlenden Münchner Souveränität blieb - bis der Tiefschlag nach der Champions-League-Hymne in der Allianz-Arena zum Bruch in der Leverkusener Saison sorgte.
Hängepartie um Xabi Alonsos Zukunft begünstigte den Abwärtstrend
Dieser wurde begünstigt und begleitet von der ewigen Hängepartie um die Zukunft von Xabi Alonso, der dazu und zu seinem geplanten Engagement als neuer Trainer von Real Madrid über Wochen und Monate keinen Klartext sprach. Eine Schwebezustand, der Klub wie Spieler belastete - und auch der Arbeit des Trainers abträglich war. Dem 0:3 in München in der Champions League folgten einige Partien, in denen der zuvor so glänzend agierende 43-Jährige beim Matchplan und im In-game-Coaching danebengriff.
Aus dem Abgang des Trainers zu Real Madrid und dem Verlust von Topstar Florian Wirtz zum FC Liverpool, von dem das Leverkusener Spiel in dieser Saison abhängiger erschien als im Vorjahr, ergeben sich zwangsläufige Veränderungen. Bayer muss sich in Sachen Spitzenkräfte neu aufstellen - und dabei darauf achten, dass die Irritationen und Ablenkungen aufgrund der fehlenden Klarheit um die Zukunft von Schlüsselfiguren nicht erneut so viel Platz einnimmt wie in diesem Kalenderjahr.
Erreicht Bayer nach dem Umbruch Ähnliches, fällt die Bewertung anders aus
Aufgrund des bereits von Klub-Boss Fernando Carro angekündigten "kleinen bis mittleren" Umbruchs, der eher ein großer werden wird, wird dem Kader an sich ohnehin frisches Blut zugeführt. Erreicht Bayer 04 dann auch ohne die Ikone Xabi Alonso und auch ohne den Ausnahmespieler Wirtz wieder die Bilanz der aktuellen Saison, dürfte die Wahrnehmung dieses Erfolgs eine ganz andere sein als noch im Mai 2025. Auch wenn in dieser Saison angesichts der Tatsache, dass sich Meister Bayern München nicht als Übermannschaft präsentierte, tatsächlich deutlich mehr drin gewesen wäre.