VfB-Profi erfüllt sich Traum vom Finale in Berlin
Er kennt das Final-Fluidum, diese ganz besondere Energie, der sich niemand, der dabei ist, entziehen kann. Vor neun Jahren, am 21. Mai 2016, hat Maximilian Mittelstädt vormittags mit der damals von Andreas Thom trainierten U19 von Hertha im Stadion auf dem Wurfplatz das Junioren-Pokalfinale gegen Hannover 96 gespielt und mit 2:4 verloren, und abends waren Mittelstädt und seine Teamkollegen Augenzeugen des Endspiels der Großen, das zum Krimi wurde.
Bayern München gegen Borussia Dortmund, maximale Spannung, keine Tore in 120 Minuten, 4:3 im Elfmeterschießen, Douglas Costa setzte den Schlusspunkt. Mittelstädts Klub Hertha BSC war damals im Halbfinale am BVB förmlich abgeprallt, 0:3 und die Unterlegenheit an einem mit Erwartungen überladenen Abend so demütigend deutlich, wie es das Ergebnis sagt. "Ich war beim Halbfinale nicht im Kader, sondern saß auf der Tribüne", sagt Mittelstädt. "Wir hatten große Hoffnungen und haben alle Kräfte mobilisiert. Aber es war von Anfang an zu sehen, dass es sehr schwer wird. Für uns war da nicht viel zu holen."
So lief es praktisch immer für Herthas Profis, so läuft es in diesem Sehnsuchts-Wettbewerb bis heute. Am Samstagabend (20 Uhr, LIVE! bei kicker) kehrt Mittelstädt erstmals seit seinem Abschied im Sommer 2023 ins Olympiastadion zurück. Das Duell zwischen seinem Klub, dem VfB Stuttgart, und Arminia Bielefeld hält viele kleine und große Geschichten bereit. Die vom Ur-Berliner Mittelstädt, der seine Heimatstadt erst verlassen musste, um sich dort einen - den! - Traum zu erfüllen, ist die vielleicht schönste davon.
"Ich habe alles erlebt, wofür ich Fußballer werden wollte"
Nach Herthas Bundesliga-Abstieg 2023 hätte der Hauptstadtklub sein Eigengewächs gern als Säule für den Neuaufbau behalten, aber der Linksverteidiger glaubte nicht mehr so ganz an die bunten Bilder, die ihm in den Gesprächen gemalt wurden. Die Achterbahn, die ihn mal in die Startelf und mal auf die Bank beförderte, hat er in seiner Berliner Zeit nie verlassen.
Er lieferte sich ein Dauer-Duell mit Marvin Plattenhardt um den Platz hinten links. Und in dem chronisch fiebrigen Klub, der mit dem Einstieg von Investor Lars Windhorst 2019 die nationale Spitze angreifen wollte und sich dabei erst verhob und dann selbst verlor, fehlte ihm wie anderen Eigengewächsen in manchen Momenten die nötige Lobby.
Der VfB holte den Mann, der beim SC Staaken das Fußballspielen begonnen hatte und 2012 über die Talenteschmiede Hertha 03 Zehlendorf bei Hertha BSC gelandet war, dank einer Vertragsklausel für 500.000 Euro Ablöse. In der neuen Umgebung und frei von emotionalen Altlasten schob Mittelstädt seine Karriere auf die Überholspur.
„Innerhalb von gut eineinhalb Jahren hab' ich alles erlebt, wofür ich Fußballer werden wollte. Und jetzt wird es gekrönt mit dem Pokalfinale.“ (Maximilian Mittelstädt)
Mit dem Wechsel, sagt er heute, habe er "definitiv alles richtig gemacht", und wirklich niemand wird ihm da widersprechen. "Ich hätte mich sportlich in den vergangenen zwei Jahren nicht besser entwickeln können, als es passiert ist", sagt der 28-Jährige. "Ich bin Stammspieler geworden beim VfB, bin zum Nationalspieler geworden, habe eine Heim-Europameisterschaft gespielt, habe Champions League gespielt. Innerhalb von gut eineinhalb Jahren hab' ich alles erlebt, wofür ein Fußballer spielt und wofür ich Fußballer werden wollte. Das hat mich sehr stolz gemacht. Und jetzt wird es gekrönt mit dem Pokalfinale."
Nach dem Halbfinal-Sieg gegen Leipzig flossen Tränen
"Eine Riesenaufgabe" war für den Nationalspieler die Organisation der Tickets, wie er lächelnd gesteht: "Ich konnte nicht jeden mit einem Ticket versorgen, aber für meine Familie, die Familie meiner Frau und meine engsten Freunde hat es gereicht. Es werden alle da sein. Es wird ein ganz, ganz besonderer Tag." Für den VfB, der den ersten Pokalsieg seit 1997 und den ersten Titel seit der Meisterschaft 2007 holen will - und für Mittelstädt, der als Kind für Hertha-Keeper Gabor Kiraly schwärmte, aber nach einer Anfangszeit als Vereinsspieler im Tor noch rechtzeitig genug die Vorzüge der linken Seite entdeckte.
„Ich habe den Jungs gesagt, wir müssen bei 100 Prozent sein. 99 Prozent werden nicht reichen, um Bielefeld zu schlagen.“ (Maximilian Mittelstädt)
Vor Final-Gegner Arminia Bielefeld warnt er: "Es ist gut für uns, dass Bielefeld vier Bundesligisten rausgeschmissen und im letzten Spiel Leverkusen geschlagen hat. Da sind bei uns dann alle Alarmglocken angegangen. Bielefeld spielt deutlich besser als ein Drittligist. Sie werden uns alles abverlangen. Ich habe den Jungs gesagt, wir müssen bei 100 Prozent sein. 99 Prozent werden nicht reichen, um Bielefeld zu schlagen."
Berlin steht unter Strom an diesem Wochenende und Maximilian Mittelstädt sowieso. Nach dem 3:1-Halbfinalsieg gegen RB Leipzig Anfang April hat er nach dem Abpfiff vor Glück geweint. "Dieser Moment war sehr emotional", sagt er im Rückblick. "Da wusste ich, ich komme nach Berlin zum Finale und erfülle mir meinen Traum. Dieses Finale steht für mich unter einem besonderen Stern. Dass ich es spielen darf, ist sehr surreal."
Vielleicht hat ihn Berlin immer ein bisschen unterschätzt
Maximilian Mittelstädt, der Ur-Berliner, Wahl-Stuttgarter und Nationalspieler, war nie ein Mann der großen Worte und ausladenden Gesten. Er hat 2016 als U-19-Spieler vom DFB die Fritz-Walter-Medaille in Bronze gewonnen. Er hat später oft gegen Widerstände ankämpfen müssen. Vielleicht hat Berlin ihn immer ein bisschen unterschätzt, aber seiner Liebe zu seiner Stadt hat das nichts anhaben können. Er hat nicht gewartet, bis das Glück zu ihm kommt, sondern er hat sich vor zwei Jahren auf die Reise gemacht.
Jetzt kehrt er zurück, gereift, gewachsen und nach dem Finale womöglich gekrönt. Er hat viel hinter sich und am Samstagabend viel vor: "Ich werde 110 Prozent geben, die Mannschaft mitreißen und alles dafür tun, dass wir am Ende gewinnen. Das Allergrößte wäre, den Pokal in die Höhe zu stemmen."
Beim Finale 2016, das er als Zuschauer erlebte, hat er "diese Wahnsinns-Atmosphäre" aufgesaugt. Das wird er diesmal auch, auf dem Rasen, aller Anspannung zum Trotz. "Dieses Spiel", sagt Maximilian Mittelstädt, "hat eine enorme Bedeutung: für die Stadt Stuttgart, für den Verein, für uns als Mannschaft." Und für ihn, für ihn ganz besonders.