Ende Mai, als die Akquise des neuen Geschäftsführers Sport längst im Gange war, sagte Herthas Präsident Fabian Drescher den Mitgliedern: "Wir lassen uns bei unserer Entscheidung nicht treiben." Ende Juni lässt sich feststellen: Drescher hält Wort - Tempo im Übermaß kann man dem Präsidium des Zweitligisten bei der Königs-Personalie tatsächlich nicht vorwerfen.
Nach dem am Wochenende publik gewordenen Flirt mit ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick und einem Treffen mit Ex-Bayern-Boss Oliver Kahn am Mittwoch in Berlin, von dem Bild berichtet hatte, geht das Auswahlverfahren weiter. Bei allem grundsätzlichen Interesse des namhaften Duos für den Hauptstadt-Standort: Abgesehen von strukturellen Fragen passten weder Rangnick noch Kahn der Zeitpunkt - was nicht zum ersten Mal die Frage aufwirft, ob sich Herthas mit der selbst gewählten Zeitachse nicht selbst limitiert.
Der Ex-Bielefelder Arabi ist weiter ein Kandidat
Zum einen ist die Planung für die Saison 2025/26 bereits weit fortgeschritten, zum anderen schafft der Klub auch ohne den gesuchten neuen Frontmann unentwegt Fakten und befüllt das Organigramm. Zuletzt wurde Sami Allagui, bislang Assistent der sportlichen Leitung, zum Koordinator Sport befördert. In Kürze sollen die ausgeschriebenen Posten in der Akademie vergeben werden, Herthas früherer Co-Trainer Rainer Widmayer (zuletzt beim VfL Wolfsburg) soll für die Stelle als Sportlicher Leiter der Akademie aussichtsreich im Rennen liegen.
Dass das Präsidium mit Sportheads ein Personalberatungsunternehmen hinzuzog, nachdem die Geschäftsführer-Suche bereits gestartet war, macht das Procedere zusätzlich kompliziert. Kandidaten wie der Ex-Bielefelder Samir Arabi, der weiterhin im Rennen ist, waren bereits zuvor vom Klub kontaktiert worden. Andere Aspiranten - dem Vernehmen nach unter anderen Sven Mislintat (früher Technischer Direktor bei Borussia Dortmund und Ajax Amsterdam sowie Sportdirektor beim VfB Stuttgart) - brachte Sportheads ins Spiel. Mislintat soll, sagen hinter den Kulissen manche, inzwischen kein Thema mehr sein. Dafür soll Felix Magath, der Hertha als Trainer 2022 vor dem Bundesliga-Abstieg bewahrt hatte und einst beim VfL Wolfsburg und Schalke als Geschäftsführer beziehungsweise Vorstand Sport amtierte, mittlerweile ins Blickfeld des Klubs geraten sein. Magath hatte nach seiner erfolgreichen Mission die Zustände im Verein und die vermeintlich fehlende Unterstützung in einem kicker-Interview seinerzeit allerdings deutlich kritisiert und gesagt: "In Berlin war die Stimmung eher: Paragraph 1 - jeder macht seins."
Kahn und die Frage: Nach welchem Profil sucht Hertha eigentlich?
Der Kontakt zu Kahn, nach kicker-Informationen wie der zu Rangnick bereits vor Wochen geknüpft, lässt unterdessen eine Frage immer dringlicher erscheinen: Nach welchem Profil sucht Hertha, das zuvor auch mit Jonas Boldt (früher HSV) und Jochen Sauer (Leiter der Nachwuchsabteilung des FC Bayern) ergebnislos verhandelt hatte, eigentlich? Der frühere Bayern-Boss Kahn wäre offenbar auch in Berlin als CEO eingeplant gewesen - und mutmaßlich zusammen mit einem neuen Verantwortlichen fürs Sport-Ressort geholt worden.
Dabei war Herthas ursprüngliche Maßgabe, sich nicht wie ehedem mit Jürgen Klinsmann vom Glanz großer Namen blenden zu lassen - und ein Pendant zu Finanzgeschäftsführer Ralf Huschen zu finden, das für Herthas neuen Weg steht. Nach dem mehr oder weniger freiwilligen Rückzug von Geschäftsführer Thomas E. Herrich eineinhalb Jahre vor Vertragsende suchen die Berliner weiter einen Nachfolger, der sich vor allem um die sportstrategischen Themen kümmert. Klar ist: Jede Absage, die nach außen dringt, lädt die zähe Personalie weiter mit Brisanz auf - und erschwert dem, der am Ende den Zuschlag erhält, den Start.