Dass es im Weltfußball keine "Kleinen" mehr gibt, das wissen die deutschen Fans spätestens, seitdem Berti Vogts in den Neunziger Jahren das Amt des Bundestrainers innehatte. Das gilt freilich auch für die Nationalmannschaft aus Luxemburg, die in der Weltrangliste zwar nur auf dem 96. Rang notiert ist, in den vergangenen Jahren aber bemerkenswerte Schritte nach vorne gemacht hat. Vorbei scheinen die Zeiten, in denen das Team aus dem 670.000 Einwohner starken Land im Südwesten Deutschlands vor allem als Kanonenfutter für die einwohnerstärkeren Nationen diente. Und doch: Im WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland am Freitagabend in Sinsheim ist die Mannschaft von Nationaltrainer Jeff Strasser der klare Außenseiter - und wittert genau darin seine Chance.
Luxemburgs Barreiro: "Keiner tippt auf uns"
"Wir haben mit Mainz auch ein paar Mal gegen die Bayern gewonnen und haben nach sieben Punkten in der Hinrunde noch den Klassenerhalt geschafft", sagt Luxemburgs Führungsspieler Leandro Barreiro, der viele der deutschen Nationalspieler noch persönlich aus seiner Zeit in Mainz kennt. Zu den eigenen Chancen sagt der Profi von Benfica Lissabon: "Keiner tippt auf uns. Keiner denkt, dass wir eine Chance haben. Aber es macht mich als Mensch aus, dass ich das Unmögliche für möglich halte."
Auch Julian Nagelsmann ist nicht entgangen, dass sich der nächste Gegner weiterentwickelt hat. Nicht erst, seit dort Strasser, sein früherer Klassenkamerad im Fußballlehrer-Lehrgang, im Sommer das Amt des Bundestrainers übernommen hat. "Ich glaube nicht, dass wir in der Situation sind, einen Gegner zu unterschätzen", sagt er. "Luxemburg macht es gut. Sie können befreit aufspielen und haben in den vergangenen Partien gezeigt, dass sie ihr Spiel auch anpassen können. Ich erwarte daher einen guten Gegner."
Die DFB-Elf darf sich keinen Ausrutscher erlauben
Dass die drei Punkte dennoch das Ziel sein müssen, das verhehlt auch Nagelsmann nicht. Einen Ausrutscher darf sich die DFB-Elf in dieser WM-Qualifikation, die mit einem 0:2 in der Slowakei begann, nicht mehr erlauben. Erst recht nicht gegen Luxemburg. Vielmehr soll die Partie der deutschen Mannschaft auch dabei helfen, die zuletzt verloren gegangene Stabilität zurückzugewinnen und die eigenen Automatismen zu stärken. "Wir werden so aufstellen, dass wir uns gut entwickeln können", kündigt Nagelsmann für die Partie in seiner früheren Trainer-Heimat an, ohne konkret zu werden.
So ist beispielsweise noch unklar, ob Nick Woltemade nach überstandenem Infekt gleich wieder in die Startelf rückt oder ob der lange verletzte Nico Schlotterbeck bereits gegen Luxemburg von Beginn an eingesetzt wird - oder erst am Montag in Nordirland.
"Wenig respektvoll dem Gegner gegenüber"
Beide Spieler sind potenzielle Kandidaten für eine neue Achse innerhalb des DFB-Teams, die aktuell allenfalls rudimentär zu erkennen ist. Das gibt auch Nagelsmann indirekt zu, indem er sagt: "Wir hatten bei der EM noch den einen oder anderen alten Hasen dabei. Jetzt sind viele seit Monaten verletzt, die schon ein paar Turniere gespielt haben. Wir tun deshalb gut daran, wenn wir sagen, die Achse ist die Gruppe. Die Mannschaft kann sich tragen, ohne dass Spieler benannt werden müssen." Mit Blick auf den weiter angestrebten Gruppensieg benötigt Nagelsmanns Mannschaft in Sinsheim nicht nur einen Sieg - sondern bestenfalls auch einen mit mehreren Toren Abstand. Sein Team darauf einzustellen, kommt für den Bundestrainer allerdings nicht in Frage: "Ich bin noch nie in eine Mannschaftsbesprechung gegangen und habe gesagt: Wir müssen das Spiel hoch gewinnen. Das ist selten zuträglich für die Motivationslage und wenig respektvoll dem Gegner gegenüber." Es gibt schließlich keine Kleinen mehr.