Es läuft ihm noch immer eiskalt über den Rücken, wenn er an Kambodscha denkt. 2:2 heißt es nach Verlängerung. Den Ausgleich hatte Sri Lanka erst in der zweiten Minute der Nachspielzeit erzielt. Und nun Elfmeterschießen. Der letzte Schütze Sri Lankas steht bereit. Leon Perera läuft an und trifft zum entscheidenden 4:2. Damit hat sich sein Land für die Qualifikation zum Asien-Cup qualifiziert.
Der bisher größte Erfolg der Inselnation südlich von Indien im Indischen Ozean. Für den heute 28-Jährigen der Marmeladenglasmoment seiner Fußballer-Karriere. "Das war ein unglaubliches Gefühl. Es war für das Land und auch für uns als Team ein unvergesslicher Moment. Am Flughafen wurden wir mit Gebetsketten empfangen. Ein buddhistisches Ritual. Es waren so viele Leute dort", erzählt Perera und man merkt ihm an, wie viel ihm dieses Erlebnis bedeutet. Am 10. September ist der Showdown in Phnom Penh ein Jahr her.
Der größte Erfolg mit seinem Verein liegt vier Monate zurück. Da machte der Lüneburger SK den Aufstieg in die Oberliga Niedersachsen perfekt. Die Liga-Premiere ging für Perera und den LSK aber gerade reichlich daneben: 1:5 beim Heeslinger SC. Die Oberliga ist halt ein anderer "Schnack", um es mit einem Begriff aus dem Lüneburger Plattdeutsch auszudrücken. "Jeder kleine Fehler wird bestraft, das Tempo ist höher, du musst ständig auf Zack sein", beschreibt Perera den Unterschied zur Landesliga. Und was meinte der Trainer? "Was soll der sagen, wenn du mit 0:4 in die Halbzeit gehst? Das war schon hart." Perea und Co. haben Lehrgeld gezahlt. Für den Aufsteiger war das 1:5 ein Weckruf. Am 2. Spieltag kommt die U 23 von Eintracht Braunschweig zum Heimspieldebüt nach Lüneburg. "Wir werden daraus die Lehren ziehen", blickt Trainer Tarek Gibbah zuversichtlich nach vorn.
Perera ist im Team ein wichtiger Faktor. "Es ist schon besonders, einen Nationalspieler in den eigenen Reihen zu haben", sagt Gibbah über seinen vielseitigen zentralen Mittelfeldspieler. Seine Stärken beschreibt Perera selbst. Er könne sowohl auf der Sechser- als auch auf der Achter- oder Zehnerposition spielen. "Ich habe eine große Übersicht, kann gute Pässe spielen, bin ballsicher und habe einen guten ersten Kontakt." An mangelndem Selbstbewusstsein scheint Perera nicht zu leiden. Im Telefonat mit dem Trainer erzählt dieser uns allerdings: "Ich habe Leon in einem Einzelgespräch genau seine Stärken benannt." Gibbah hat Perera also dessen Qualitäten zugeflüstert. Denn der sei eigentlich viel zu bescheiden. "Auf dem Platz ist Leon sehr präsent, neben dem Platz fällt er nicht so auf."
Anruf eines Spielerberaters
Den Verantwortlichen der Football Federation of Sri Lanka ist Perera aber sehr wohl aufgefallen. Was in den vergangenen drei Jahren geschah und gelang, wirkt manchmal so unwahrscheinlich, dass sich der Mittelfeldspieler im Rückblick die Augen reibt und meinen könnte, man hätte es hier mit einer fiktiven Filmfigur zu tun. Eines Tages bekam er einen Anruf von einem Spielerberater. Sri Lanka sei auf der Suche nach Overseas-Playern, also nach Spielern weltweit. So seien sie auch auf ihn gestoßen, unterbreitete der Berater ihm. "Sie haben gesehen, dass ich bei transfermarkt.de und fupa.de Sri Lanka als Land angegeben hatte, obwohl ich zu dem Zeitpunkt noch nicht die doppelte Staatsbürgerschaft hatte."
Pereras Vater stammt aus Sri Lanka. Seine Mutter ist Deutsche. "Im ersten Moment habe ich es gar nicht realisiert, weil ich es gar nicht richtig gecheckt habe, um ehrlich zu sein." Dann haben wir Nummern ausgetauscht. Ich bekam die Nummer vom Trainer, dann gab es das erste Telefonat mit dem Nationaltrainer", erzählt der 28-Jährige. Dieser war zu der Zeit Amir Alagic, gleichzeitig Technischer Direktor des sri-lankischen Verbands. "Der sagte mir, 'ja wir wollen das Projekt angehen, den Fußball in Sri Lanka größer zu machen. Wir gucken weltweit nach Spielern, und wir würden dich gerne einmal einladen und dann sehen.' Parallel habe ich meine Staatsbürgerschaft vorangetrieben, dass ich die doppelte habe."
Nach dem ersten Kontakt schickte Perera ein Video mit Highlights von ihm nach Sri Lanka. Es verging einige Zeit. Schließlich kam ein Anruf von Andy Morrison, der im Mai 2022 Nationaltrainer geworden war. Der Schotte, einst Spieler bei Manchester City, lud Perera zu den Trials vom 21. bis 28. September 2022 nach Katar ein. "Es fühlte sich alles surreal an", erzählt Perera und kann es noch heute kaum glauben. Bei den Trials, bei denen die Spieler auf ihre fußballerischen Fähigkeiten getestet wurden, waren Spieler aus der ganzen Welt dabei, unter anderem aus Australien, Frankreich, England und Deutschland. Jeder Spieler hatte einen sri-lankischen Hintergrund. Perera erinnert sich noch gut an die Trainingseinheiten: "Das Niveau war sehr hoch, alles sehr gute Kicker. Ich habe versucht, alles zu geben, alles reinzuhauen." Letztendlich konnte er überzeugen, noch heute überwältigt von den Eindrücken. "Es war eine megacoole Erfahrung, die Jungs kennenzulernen, die aus aller Herren Ländern kamen, in anderen Ligen spielen, zu hören, wie es da so läuft."
„Es ist natürlich für mich etwas anderes, in Thailand vor 17.000 Zuschauern zu spielen oder in Kambodscha vor 13-14.000. Wo ich doch in der Landesliga oder Oberliga immer nur vor ein paar Hundert gespielt habe.“ (Leon Perera)
Bis zu seinem ersten Länderspiel sollte es für den Mann aus Wittorf aus dem Landkreis Lüneburg aber eine Weile dauern. Am 22. März 2024 war es schließlich so weit. 0:0 hieß es am Ende im Freundschaftsspiel gegen Papua-Neuguinea. Zu der Zeit lebte Perera für ein halbes Jahr in Sri Lanka. Fit hielt er sich beim Colombo FC. "Ich habe mich dann aber doch entschieden, wieder nach Deutschland zurückzugehen." Mittlerweile hat er 14 Länderspiele für sein Land bestritten. Ein Land mit immerhin fast 22 Millionen Einwohnern. "Jedes Spiel macht Mega-Laune. Es ist natürlich für mich etwas anderes, in Thailand vor 17.000 Zuschauern zu spielen oder in Kambodscha vor 13-14.000. Wo ich doch in der Landesliga oder Oberliga immer nur vor ein paar Hundert gespielt habe." Für jedes Länderspiel muss der gelernte Marketingmanager Urlaub nehmen. Der Urlaub ist allerdings längst aufgebraucht, sodass er sich entsprechend freistellen lassen muss. "Aber das ist es auf jeden Fall wert."
Durch den Sieg in Kambodscha hat es Sri Lanka auf Platz 196 der aktuellen FIFA-Weltrangliste geschafft. Mit dem aktuellen Coach Abdullah Al-Mutairi aus Kuwait verlief der Start in der Qualifikation für den Asien-Cup gemischt. In der Gruppe mit Thailand, Taiwan und Turkmenistan gab es eine Niederlage gegen Thailand und einen Sieg gegen Taiwan. Im Oktober geht es weiter mit Hin- und Rückspiel gegen Turkmenistan, das die Gruppe mit sechs Punkten anführt.
Vom Leistungsvermögen passt Perea genau ins Team. Er ist Stammspieler. "Ich bin happy, soviel Spielzeit zu bekommen." Selbstverständlich sei das nicht. "Es ist noch mal einen Tick schneller bei den Länderspielen. Du musst schneller sein im Kopf." Es sei aber vor allem anders, für sein Land zu spielen. "Es ist schon krass. Man hat eine riesige Verantwortung. Man vertritt ein ganzes Land. Klar, in Lüneburg vertritt man eine Stadt, aber es doch was anderes, wenn das ganze Land auf einen schaut."
Verständigen kann sich Perera auf Englisch. In den Meetings wird dann übersetzt in Singhalesisch und Tamil, den beiden Landessprachen. Seine Teamkollegen spielen überwiegend in den dritten oder vierten Ligen ihres Landes. Ein Nationalmannschaftskollege Pereras ist Claudio Kammerknecht, der für Dynamo Dresden in der 2. Bundesliga spielt. Der Australier Jack Hingert war jahrelang in der A-League in Australien aktiv, der dortigen ersten Liga. Pereras Eltern haben übrigens noch kein Länderspiel gesehen. Dafür ist seine Verlobte immer dabei. "Die ist schon gut herumgekommen zu den Spielen. In Myanmar zum Beispiel, Kambodscha, Brunei, in Katar haben wir gegen den Jemen gespielt. Meine Eltern arbeiten daran, mal ein Länderspiel zu sehen", sagt Perera erwartungsfroh.
Anfangs belächelt
Beim Lüneburger SK haben sie aber schon öfter zugeschaut. Und miterlebt, wie Perera gelegentlich den ein- oder anderen Spruch zu hören bekommt. "Am Anfang wurde es teilweise belächelt. Weil es immer hieß, nur Sri Lanka, aber für mich ist es nichts anderes als wenn man für Deutschland spielt. Es ist eine Riesenehre, für Sri Lanka auflaufen zu dürfen." Der Lüneburger SK und Sri Lanka - beide sind ihm wichtig. So wünscht er sich den Klassenerhalt mit Lüneburg in der Oberliga Niedersachsen und mit Sri Lanka, "beim Asien-Cup dabei zu sein. Wenn man dann gegen Nationen wie Südkorea oder Australien spielt, das wäre schon der Hammer."