Wie lief die vergangene Saison?
Schlussendlich lief alles aufs große Highlight in Köln hinaus. Die Bundesliga-Saison spielte nur noch eine Nebenrolle in den letzten Wochen der Spielzeit 2024/25, in denen sich der Fokus einzig und allein aufs erste DFB-Pokal-Finale der Vereinsgeschichte richtete. Das wiederum zeigte zweierlei: Erstens gelang es dem SV Werder zum wiederholten Mal, eine enorm stabile Liga-Runde zu absolvieren - final reichte es dort für Platz 7 und die Rekordpunktanzahl 29, mit dem Abstiegskampf hatte die Mannschaft nie etwas zu tun. Zweitens erwies sich das Team als nervenstarke K.-o.-Mannschaft, deren Pokal-Traum erst endete, als im Endspiel Meister FC Bayern zum Duell antrat und 4:2 siegte. Anschließend indes durfte sich der SVW trotzdem völlig zu Recht feiern lassen.
Thomas Horsch beendete danach seine etwas mehr als vier Jahre andauernde Trainertätigkeit bei den Werder-Frauen, die seit diesem Sommer von Fritzy Kromp gecoacht werden. Für die 40-Jährige, die bereits seit 20 Jahren als Trainerin tätig ist und sich bislang als Nachwuchsexpertin erwies, ist es der erste Job in der Bundesliga. Ob in dieser Spielzeit erneut ein historischer Erfolg möglich ist? Dem kicker sagte Kromp: "Am Ende ist es unser Bestreben, die vergangene Saison zu toppen. Aber klar, dass das schwierig wird, ist uns bewusst. Das Feld ist auch in der Bundesliga enger zusammengerückt."
Was war auf dem Transfermarkt los?
Zwei Abgänge stechen heraus: Zum einen zog es die enorm fleißige Angreiferin Sophie Weidauer zum enorm fleißig investierenden Aufsteiger Union Berlin. Zum anderen entschied sich Torhüterin Livia Peng dazu, die große Chance zu ergreifen und zu ihrem Traumklub FC Chelsea zu wechseln. Beide Spielerinnen hatten ihren Wert in den vorangegangenen Monaten - der Verlust von Peng dürfte allerdings besonders schmerzen, da die Schweizer Nationalkeeperin nicht nur auf der Linie über besondere Fähigkeiten verfügt, sondern auch im Spiel mit dem Ball zu den besten Keeperinnen der Bundesliga zählte.
Kromp, die ihr Team insbesondere im Spiel mit dem Ball entwickeln will, die Flugballquote verringern möchte und spielerische Lösungen selbst unter höchstem Druck einfordert, kann auf diese speziellen Qualitäten also nicht mehr zählen und braucht Ersatz. Erstens kam Vanessa Fischer aus Potsdam, zweitens Mariella El Sherif aus Jena. El Sherif hat fußballerisch Vorteile, doch insgesamt scheinen beide Keeperinnen in dieser Vorbereitung gute Argumente gesammelt zu haben. Kromp sagte zur offenen Nummer-1-Frage: "Es wird erst mal eine Entscheidung für den 1. Spieltag geben, aber vermutlich noch keine für die komplette Hinrunde oder die komplette Saison. Sie sind im Moment einfach recht nah beieinander."
Neben dem neuen Torhüterinnen-Duo stießen noch Chiara D'Angelo (von SKN St. Pölten) sowie die Ex-Bremerin Michelle Weiß (TSG Hoffenheim) hinzu - sie verstärken die defensiven Außenbahnen. Für den Angriff kamen Lena Petermann (Leicester City) und Medina Desic (1. FC Nürnberg), wobei allein Desic zum Auftakt gegen den SC Freiburg auf dem Platz stehen kann. Petermann habe "noch Probleme am Knie, deswegen ist noch mal eine Therapie angesetzt worden, die noch ein paar Wochen dauern wird, bis wir sie wieder auf den Platz bekommen", sagte Kromp.
Auf wen kommt es besonders an?
Lina Hausicke ist nach wie vor die Werder-Kapitänin. Sie soll der Mannschaft Stabilität geben, sie auch durch stürmischere Phasen leiten - ob auf der Sechs oder Acht. Ebenfalls zur Werder-Achse gehört Michelle Ulbrich, die im vergangenen halben Jahr an den FC Bayern verliehen war, nun aber zurück an der Weser ist und nicht nur sofort wieder in die Rolle der Abwehrchefin schlüpft, sondern auch als Vizekapitänin amtiert. "Sofern beide gesund sind und ihre Leistungen im Training bringen, sind sie wichtige Größen bei uns", sagt Kromp und hat in ihrer bislang eingeübten flexiblen 4-3-3-Formation - die Fünferkette ist anders als unter Horsch zunächst außen vor - zwei Plätze reserviert.
Davor in der Offensive dürften insbesondere zwei 22-Jährige von großer Bedeutung sein: Erstens Tuana Mahmoud, die mit ihren Dribblings und ihrem Tempo wohl als rechte Außenstürmerin an den Start geht und ihren gerade mal zwei Treffern in 85 Ligaspielen endlich weitere folgen lassen will. Zweitens Larissa Mühlhaus, die ebenso wie Mahmoud in der deutschen U-23-Nationalelf spielt, in ihrer ersten Bundesliga-Saison zehnmal traf und unter Kromp nicht auf der Zehner- oder Neuner-Position, sondern vor allem auf der Achter-Position an den Start gehen will und soll.
Und sonst? Angreiferin Desic könnte nach ihrem Wechsel sofort ganz vorn drin auflaufen, wenn es daheim gegen den Sport-Club geht. Darüber hinaus gibt es mehrere Spielerinnen, denen mehr zuzutrauen ist: Zum Beispiel Amira Arfaoui, die als flinke und wendige Dribblerin in engen Räumen eigentlich in der Lage sein sollte, eine andere Facette in das 2024/25 ab und an träge Zentrum zu bringen. Dafür allerdings muss sie sich unter Kromp steigern - in der Vorsaison war sie kein besonderer Faktor.
Bitter: Die dynamische Flügelverteidigerin Caroline Siems spielt ganz sicher keine Rolle in all den Planungen. "Caro muss sich einem weiteren Eingriff am Knie unterziehen und fällt für die nächsten zwölf Monate aus, was natürlich unglaublich schade ist", bestätigte Kromp. Die Trainerin hat einige interessante Entscheidungen zu treffen: im Tor, im Mittelfeldzentrum und auch auf der linken Angriffsseite. Offen bleibt zudem, wie schnell und gut sich ihr Team an die neue Spielweise anpassen kann. Einen großen Umbruch gab es jedenfalls nicht. Immerhin: Die Generalprobe gegen die TSG Hoffenheim gewann Werder schon mal mit 3:1.
Die kicker-Prognose
Werder kann sich den Abstiegskampf erneut aus der Ferne ansehen, macht aber tabellarisch keinen großen Sprung nach vorn gegen die starke Konkurrenz. Wieder steht der SVW am Ende auf einem guten Mittelfeldplatz. Die Umstellung aufs ballbesitzlastigere Spiel ist ein hehres Ziel, allerdings wird es auf diesem Weg auch Rückschläge geben. Vergleichsweise große Erwartungen lasten zudem auf den jungen offensiven Unterschiedsspielerinnen Mahmoud und Mühlhaus.