"Das war bisher die schwierigste Situation in meiner Karriere. Selbst meine Freunde haben mich tagelang nicht anreden dürfen, obwohl ich trotzdem auch viel gelobt worden bin. Aber wenn du schon in der ersten Halbzeit sechs Gegentore bekommst, in so einem heißen Spiel. Das hat sehr lange gedauert, bis ich das verarbeitet habe", sagt Mariella El Sherif über ihr Länderspieldebüt für Österreich gegen Deutschland in der Nations League A im Juni (0:6).
Österreich hat danach in der Relegation gegen Tschechien den Klassenerhalt geschafft, nicht zuletzt dank der hervorragenden Leistungen von El Sherif. Und beim Erfolgslauf von Werder Bremen im Herbst hatte die Steirerin auch maßgeblich ihre Finger im Spiel.
Sowohl bei den Spielen ohne Gegentor (vier), als auch bei den Ballaktionen (53 pro Spiel) und Pässen (44) liegt El Sherif in den Top 3 der Frauen-Bundesliga; wie auch bei der Paradenquote (74,4 Prozent) von allen Torfrauen, die mehr als ein Mal im Einsatz waren. Ihre vertikalen, langen Bälle suchen ihresgleichen. Obendrein hat die 21-Jährige, wie sonst nur Laura Dick (Hoffenheim), Elvira Herzog (Leipzig) und Larissa Rusek (Nürnberg), alle Spiele durchgespielt.
"Ich hatte schon in Jena eine sehr schöne Zeit. Dort waren lange Pässe gefragt, in Bremen forcieren wir mehr das Kurzpassspiel. Das ist eine tolle Herausforderung", so El Sherif im Gespräch mit dem kicker.
Ihre Ballsicherheit sei nicht nur in der ÖFB-Frauen-Akademie in St. Pölten gut geschult worden (auch Rusek und HSV-Keeperin Larissa Haidner genossen als Teenager dort ihre Ausbildung), sondern davor in den Gärten Hartbergs. "Ich habe immer schon den Ball gerne am Fuß gehabt und mit allen Nachbarkindern gekickt", lacht El Sherif, "da hat jeder überall gespielt, ob heraußen oder im Tor."
Dass Bremen (seit dem Aufstieg 2020 nie besser als Siebter) auf Platz drei liegt, führt El Sherif auf die starke Defensive zurück: "Unsere Viererkette und unsere Sechser leisten tolle Arbeit." Darunter auch ihre WG-Mitbewohnerin, gute Freundin und ÖFB-Nationalteamkollegin Chiara D'Angelo.
Nordderby das größte Highlight
Beim Videostudium nach dem 2:0-Heimsieg im Nordderby gegen den HSV vor 37.000 Zuschauern kam ihr die Gänsehaut. "Beim Spiel habe ich das gar nicht so sehr mitgekriegt, da war ich zu sehr im Tunnel. Erst danach habe ich so richtig realisiert, was da los war." Erst kürzlich habe sie eine Zuschauerstatistik über die österreichische Bundesliga gesehen. "Das ist sehr, sehr traurig, wie wenig da kommen. Das haben die Mädels nicht verdient."
Aktuell ist El Sherif überhaupt auf der Sonnenseite. Während auch in Bremen der Wintersturm "Elli" wütet (und zu Spielverschiebungen führte), bereiten sich die Werder-Frauen nämlich in Oliva Nova (Spanien) auf das Frühjahr vor. "Wir sind überglücklich, haben hier beste Bedingungen", strahlt El Sherif.
Dass Klubs aus England und Spanien an ihr interessiert sind, habe sie überrascht: "Davon weiß ich nichts, somit ist das auch überhaupt kein Thema." Ebenso wenig habe Werder schon ein Champions-League-Ticket ins Visier genommen, wofür Platz drei reichen würde: "Darüber haben wir gar nicht geredet. Da liegt noch ein langer, langer Weg vor uns."
Ob sie sich freut, in der WM-Quali wieder gegen Deutschland (im April und Juni) spielen zu dürfen, um vielleicht die Scharte auszumerzen? "Das ist noch weit hin. Jetzt beschäftige ich mich voll mit Werder."
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