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NOFV-Boss Winkler im Interview: "Tradition schießt keine Tore"

kicker

Die Saison 2025/26 steht in der Regionalliga Nordost vor dem Start. Aber dennoch ein kleiner Blick zurück: Wie sehr haben Sie mit dem 1. FC Lok Leipzig mitgefiebert, der als Meister des Vorjahres den Gang in die 3. Liga gegen den TSV Havelse verpasste?

Ich habe beide Spiele verfolgt und war vom Ausgang enttäuscht. Am Ende muss man aber ehrlich und realistisch sein, Havelse hat verdient gewonnen, war zweimal besser. Natürlich muss man berücksichtigen, dass Lok in dieser Phase der Saison mehrere schwere Spiele hatte. Aber das ist der Fluch, wenn man erfolgreich ist. Dann gibt es am Ende solche Belastungen durch Landespokal und Meisterschaft.

Lok Leipzig scheiterte bereits 2019/20 (gegen den SC Verl) in den Aufstiegsspielen. Auch Energie Cottbus (Saison 2022/23 gegen die SpVgg Unterhaching) und der BFC Dynamo (2021/22 gegen den VfB Oldenburg) waren als jeweilige Nordost-Meister nicht in den Aufstiegsspielen erfolgreich. Zuletzt schaffte dies Cottbus in der Saison 2017/18 gegen Weiche Flensburg. Was sagt das auch über die sportliche Qualität der Staffel aus?

Neben der Initiative für eine gerechtere Aufstiegsregelung ("Meister müssen aufsteigen", Anm.d.R.), die wir als Verband zusammen mit den Vereinen verfolgen, müssen wir uns jedoch auch ehrlich über die sportliche Qualität unserer Regionalliga unterhalten. Mir macht es Sorge, wenn der Nordost-Meister viermal in Folge in der Relegation scheitert. Tradition schießt keine Tore.

Dennoch erklären viele Vereine und Fußballer immer wieder, die Regionalliga Nordost sei die stärkste aller fünf Staffeln. Was stimmt also?

Die Frage ist, wie definiere ich "stärkste Staffel"? Wir haben unbestritten die meisten Vereine mit traditionsreichen Namen und früheren Erfolgen bis zu europäischen Titeln. Wenn diese Vereine gegeneinander spielen, erleben wir grandiose Derbys mit entsprechender Stimmung. Die ist deshalb so toll, weil wir auch bei den aktuellen Zuschauerzahlen wieder klar auf Platz 1 liegen. Wenn ich jedoch vier Mal in Folge gegen vermeintlich schwächere Teams aus einer anderen Staffel verliere, kann das nicht nur mit zu hoher Belastung der Spieler erklärt werden.

Damit kommen wir gleich zur Krux und der Thematik Aufstiegsspiele. Noch immer steigen nicht alle fünf Meister aus der Regionalliga direkt in die 3. Liga auf. Wie realistisch ist es, dass sich da zeitnah wirklich etwas entwickelt?

Das ist ein dickes Brett, was wir da bohren. Wir haben schon vor drei Jahren einmal eine Initiative gestartet, wollten eine Veränderung. Dafür fanden wir keine Mehrheit. Selbst von den anderen betroffenen Regionalligen gab es unterschiedliche Reaktionen. Die Bayern wollten mitziehen, der Norden sah keinen Handlungsbedarf. Jetzt haben sich nicht nur die Vereine aus der Regionalliga Nordost gemeldet. Neu ist, dass nun auch Klubs aus anderen Regionalligen sowie die Regionalligaträger in das Gespräch gekommen sind. Konsens besteht allerdings darin, dass ein abstimmungsfähiger Antrag bis zum DFB-Bundestag im November unrealistisch ist.

„Wichtig ist, dass die Vereine, die es betrifft und die die größte Sachkenntnis haben, direkt miteinander sprechen.“ (Hermann Winkler)

Die angesprochene Reform hat sich Anfang des Jahres formiert. Es gibt mittlerweile eine breite Zustimmung und immer mehr Klubs, ligaunabhängig, schließen sich an. Doch zuletzt gab es eher zähe Fortschritte und der NOFV forderte noch vor dem DFB-Bundestag im November eine Einrichtung einer Arbeitsgruppe. Was sind die Ziele dahinter?

Ziel ist, dass wir weiter ergebnisoffen diskutieren, deshalb haben wir als NOFV dafür geworben, die AG sofort einzusetzen. Wichtig ist dabei, dass die Vereine, die es betrifft und die die größte Sachkenntnis haben, direkt miteinander sprechen und nach Lösungen suchen. Das Ganze soll unter einer neutralen Moderation unter Einbeziehung der Verbände erfolgen.

Halten Sie eine Lösung bis zu einem möglichen außerordentlichen DFB-Bundestag, wie von der Reforminitiative angeregt, im ersten Halbjahr 2026 für möglich?

Hier gilt: Qualität vor Quantität. Entscheidend ist doch, dass wir eine mehrheitsfähige Lösung finden, die dann auch Bestand hat. Ganz wichtig ist dabei, das Ergebnis darf nicht zu Lasten Dritter, z.B. der Oberligen, gehen. Und obwohl ich mich dafür ausspreche, dass es keine Denkverbote geben darf, müssen wir aufpassen, nicht untergebuttert zu werden. Auf der Staffeltagung in Bayern war diese Tage wieder zu hören, dass es durchaus eine Option wäre, Klubs aus Sachsen und Thüringen aus der Regionalliga Nordost in eine mögliche Regionalliga Bayern/Süd einzugliedern.

Auch nach der Spielzeit 25/26 muss der Nordost-Meister in die ungeliebten Aufstiegsspiele. Erst in der darauffolgenden Saison - egal ob bis dahin eine Reform zustande kommt beziehungsweise, egal wie diese aussieht - geht der Nordost-Meister aufgrund der aktuell bestehenden Regelung direkt in die 3. Liga hoch. Wem trauen Sie in dieser Saison die Meisterschaft zu?

Ich denke, vier bis fünf Mannschaften spielen um den Titel. Diejenigen Teams, die im Vorjahr oben waren, werden wieder eine Rolle spielen. Dann gibt es immer eine Überraschung. Lok hatte zu Beginn der Vorsaison sicherlich nicht unbedingt damit gerechnet, am Ende oben zu stehen. Ich halte mich aber mit Namen zurück. Man sah in der Vorbereitung interessante Kaderbewegungen in den Teams. Ich freue mich auf eine spannende Saison.

Zum Auftakt der Saison 2025/26 wartet die Liga mit dem Duell Hallescher FC gegen den BFC Dynamo auf. Ebenso trifft der FSV Zwickau auf den amtierenden Meister Lok Leipzig. Aber auch die Partie Chemie Leipzig gegen den 1. FC Magdeburg II dürfte interessant werden. Das sind nur drei von insgesamt neun Duellen zum Start. Wie viel Tradition steckt denn in der neuen Spielzeit in der Regionalliga Nordost?

Da keine Mannschaft aufgestiegen ist, zumindest so viel wie in der vergangenen Saison. Dazu kommt, auch wenn es nur die zweite Mannschaft ist, mit dem 1. FC Magdeburg II Europapokal-Tradition in die Staffel. Das hat keine andere Staffel zu bieten.

Werden Sie sich ein Spiel direkt am Auftaktwochenende angucken?

Das kollidiert mit der Urlaubsplanung der Familie. Danach möchte ich dann so viele Spiele wie möglich im ganzen Gebiet des NOFV sehen. Da geht es nicht nur darum, die Partien zu schauen, sondern auch mit vielen Vereinsvertretern im direkten Kontakt zu bleiben.

Apropos angucken: In der abgelaufenen Saison 2024/25 waren 936.598 Zuschauer in den Stadien der Regionalliga Nordost und damit nochmal rund 33.000 Zuschauer mehr als im Jahr davor. Wie bewerten Sie diese Zahl?

Die Steigerung spricht für die Attraktivität. Im Vergleich dazu kamen zu den Spielen in der Regionalliga Bayern 303.337 Zuschauer. Das ist ein enormer Unterschied. Es zeigt, dass es ein ungebrochenes Interesse an unserer Spielklasse gibt. Wir sind stolz auf unser Produkt. Nicht umsonst wird die Regionalliga Nordost von einigen Teams als 'Champions League der Amateure' betitelt. Das war auch ein Grund, warum die Vereine unserer Nordost Staffel bisher gesagt haben, wir möchten keine Zerschlagung.

Wäre denn eine Million Zuschauer in der Zukunft in einer Saison in der Regionalliga Nordost denkbar?

Das wäre sensationell, ist aber nicht unsere Zielvorgabe. Wir streben es nach wie vor an, dass unsere Vereine keine finanziellen Risiken eingehen. Es wäre sicherlich ein wunderbarer Nebeneffekt, wenn wir diese Zuschauermarke knacken könnten. Wir arbeiten gemeinsamen mit den Vereinen an ihrer wirtschaftlichen Stabilität und haben auf Wunsch der Klubs zum Beispiel umgesetzt, dass der rechte Ärmel der Trikots für regionale Sponsoren verwendet werden kann. Das garantiert den Vereinen noch einmal zusätzliche Einnahmen.

„Es passt für mich nicht zusammen, wie man aktuell über eine Olympia-Bewerbung für Deutschland sprechen kann, wenn überall Sanierungsbedarf in den Sportstätten besteht.“ (Hermann Winkler)

Für einige Vereine, vor allem in Berlin, ist die Heimspielstätte ein großes Problem. Immer wieder müssen Ausweichspielstätten her. Die VSG Altglienicke als Härtefall spielt als Berliner Verein sogar in Brandenburg. Sind die Anforderungen des Verbandes zu hoch oder wo sehen Sie die Schwierigkeiten?

Die Fußballinfrastruktur ist besonders für unsere Berliner Vereine ein Problem. Das hängt aber auch viel mit der politischen Struktur in Berlin zwischen Senat, Bezirksämtern und Verwaltungen zusammen. Am Ende ist es aber ein Bundesproblem, dass es für unsere Sportstätten zu wenig finanzielle Mittel gibt. Das ist ein Versagen der Politik. Einerseits wird der Sport gelobt und bei den Medaillenüberreichungen steht die Polit-Prominenz gern im Rampenlicht. Dazu steht die finanzielle Ausstattung der Sportstätten aber im krassen Gegensatz. Daher passt es für mich auch nicht zusammen, wie man aktuell über eine Olympia-Bewerbung für Deutschland sprechen kann, wenn überall Sanierungsbedarf in den Sportstätten besteht. Das ist schon enttäuschend.

Auch in der Spielzeit 25/26 steht ostsport.tv als Medienpartner an der Seite des NOFV. Diese Partnerschaft existiert seit 2021. Wie blicken Sie auf das Engagement und die Entwicklung zurück? Wird es in der Art der Übertragung in dieser Saison etwas Neues geben?

Die Zusammenarbeit hat sich bewährt und darauf können wir stolz sein. Vereine in anderen Staffeln müssen für ihre Medienpräsenz bezahlen. Bei uns bekommen alle 18 Regionalligisten vom Verband den gleichen Anteil am Fernsehgeld und sind in live-Übertragungen oder Spielzusammenfassungen medial präsent. Wir haben eine sehr hohe Qualität in den Übertragungen, wollen diese weiter gemeinsam ausbauen und schaffen eine Option für die Leute, die es aus welchen Gründen auch immer, nicht in das Stadion schaffen. Die parallel dazu steigenden Zahlen in den Stadien zeigen zudem, dass Live-Bilder keinen Abbruch an Stadionbesuchern bringen.

Mehrere Regional- und Drittligisten sowie deren Fanszenen haben sich Anfang des Jahres ebenso zusammengeschlossen und forderten die Abschaffung von Verbandsstrafen etwa für Pyrotechnik. Dies wurde mit wirtschaftlichen Problemen begründet. Zudem hätten die Strafenkataloge bisher keine Wirkung gezeigt. Der Verband kündigte dazu Gespräche an. Hat sich in dieser Thematik schon etwas bewegt?

Wir sind da in einem regen Austausch mit den Vereinen und auch dem Sportgericht. Wir haben aber eine klare und gültige Rechtslage, was Pyrotechnik anbelangt. Daran halten wir fest. Wir wollen ein friedliches und sicheres Stadionerlebnis, auch für Familien. Es bleibt dabei, Pyrotechnik ist verboten und wir ahnden es. Es gibt aber einige Dinge, die sich ändern. So erhöhen wir den Nachlass für präventive Maßnahmen. Ebenso passen wir den Strafenkatalog an den DFB an. Auch Wiederholungen werden nicht höher bewertet. Zudem schaffen wir eine große Transparenz, was mit den Strafgeldern passiert.

Interview: Matthias Schütt