Es rührt sich etwas in den Regionalligen, das ist deutlich spürbar. Schon seit längerem. Immer mehr Viertligisten vereinen sich unter einem Banner und verfolgen dasselbe Ziel: die Anzahl der Regionalliga-Staffeln von derzeit fünf auf vier verringern, damit alle Meister direkt in die 3. Liga aufsteigen können.
Dass mit Lok Leipzig jüngst erneut einem Meister der Weg in den Profi-Fußball versperrt wurde, hat den Wunsch nach einer Veränderung der Aufstiegsregelung befeuert. Zunächst als "Nordost-Initiative" gestartet, sprang der Funke über die Landesverbandsgrenzen hinaus. Mittlerweile fasst die Initiative 42 Mitglieder, darunter nicht nur Vertreter aus den vier Nachbarstaffeln West, Nord, Südwest und Bayern, sondern auch aus den ersten drei Profiligen.
Zwar soll die Reform erst frühestens 2026 - und nicht wie eingangs erhofft schon am DFB-Bundestag 2025 - beschlossen werden, dennoch zeigen die Entwicklungen, dass die Gespräche in die von den Initiatoren erhoffte Richtung verlaufen.
Das Nordost-Kryptonit
Dass die Initialzündung für die Reformbewegung aus der Nordost-Staffel kam, ist dabei nicht sonderlich überraschend. Mit rund 950.000 verkauften Tickets 2024/25 ist sie die mit großem Abstand zuschauerstärkste Regionalliga und zugleich die Heimat zahlreicher Traditionsklubs mit Profi-Vergangenheit. Statistisch gesehen hat der Nordosten aber die größten Probleme mit dem aktuellen Aufstiegsmodus. Viermal musste der Meister seit der Einführung in Entscheidungsspielen antreten. Jedes Mal zog er den Kürzeren.
Gleich zweimal scheiterte dabei Lok Leipzig: Erstmals im Jahr 2020 gegen den SC Verl (1:1, 2:2), zuletzt vor wenigen Wochen gegen den TSV Havelse (1:1, 0:3). 2022 unterlag der BFC Dynamo dem Oldenburg (0:2, 2:1), 2023 Energie Cottbus der SpVgg Unterhaching (1:2, 0:2).
„Tradition schießt keine Tore.“ (NOFV-Boss Hermann Winkler)
Nicht grundlos zog NOFV-Boss Hermann Winkler daher jüngst im kicker-Interview eine ernüchternde Bilanz: "Neben der Initiative für eine gerechtere Aufstiegsregelung, die wir als Verband zusammen mit den Vereinen verfolgen, müssen wir uns auch ehrlich über die sportliche Qualität unserer Regionalliga unterhalten. Mir macht es Sorge, wenn der Nordost-Meister viermal in Folge in der Relegation scheitert. Tradition schießt keine Tore."
Hinkt also in Wahrheit die sportliche Qualität der Nordost-Klubs dem guten Ruf der Staffel hinterher? "Wenn ich vier Mal in Folge gegen vermeintlich schwächere Teams aus einer anderen Staffel verliere, kann das nicht nur mit zu hoher Belastung der Spieler erklärt werden", resümiert Winkler.
In der Regionalliga schlummert Qualität
Dennoch: Die Meisterschaft in einer der fünf Regionalligen zeugt zweifellos von Qualität, die wohl auch in der nächsthöheren Spielklasse konkurrenzfähig sein könnte.
Dass diese Annahme nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, belegen die jüngsten Beispiele aus Ulm, Münster und Elversberg. Allen dreien gelang nach dem Drittliga-Aufstieg sogar der direkte Durchmarsch in die 2. Liga. Die SVE stand zuletzt sogar kurz vor dem Sprung in die Bundesliga. Fast hätte sich auch ein Nordost-Klub in diese Liste eingereiht: Der FC Energie Cottbus verpasste nach dem Direktaufstieg aus der Regionalliga 2024 in einem dramatischen Saisonfinale nur knapp die Aufstiegsrelegation zur 2. Bundesliga.
„Die aktuelle Regelung rund um den Aufstieg kann eine ganze Wirtschaft im Verein kaputt machen.“ (Markus Zschiesche, Trainer Greifswalder FC)
Eine entscheidende Gemeinsamkeit all dieser Vereine: Sie stammen aus Staffeln, die einen festen Aufstiegsplatz hatten (Cottbus besetzte im vergangenen Jahr den direkten Aufstiegsplatz, während Bayern und Norden in die Aufstiegsspiele mussten, Anm. d. Red.). Das schafft wichtige Planungssicherheit für Vereine, Spieler und Verantwortliche - ein Vorteil, der in den Entscheidungsspielen fehlt. Denn gerade bei diesen Spielen bleibt das Risiko hoch, trotz starker Saisonleistungen die ersehnte Liga zu verpassen.
Die Folgen können dabei gravierend sein, wie Markus Zschiesche klarstellt: "Die aktuelle Regelung rund um den Aufstieg kann eine ganze Wirtschaft im Verein kaputt machen. Da hängt viel dran", kritisiert der Trainer des Greifswalder FC, dem nach der Vizemeisterschaft 23/24 für die Saison 25/26 erneut Favoritenchancen zugesprochen wurden.
Die Folgen der fehlenden Perspektive
Dieses Ungleichgewicht innerhalb einer Ligastufe auszutarieren und im Sinne der Fairness eine Lösung zu finden, ist das zentrale Ziel der Aufstiegsinitiative. "Wir sind Sport. Da gilt: Meister müssen aufsteigen. Wann man das beste Ergebnis erzielt hat, ist das logisch. Die aktuelle Regel ist einfach unfair", spricht Zschiesche wohl allen Mitgliedern der Initiative aus der Seele.
Da jene Lösung der Problematik weiterhin auf sich warten lässt und der Nordosten auch in der Saison 2025/26 den Umweg über die Aufstiegsspiele gehen muss, fehlt den Klubs vorerst weiterhin die nötige Planungssicherheit.
Die Schattenseite
Obwohl sich die Nordost-Staffel nahezu geschlossen mit dem Thema Aufstieg beschäftigt, gibt es auch Schattenseiten einer möglichen Reform, und die liegen am anderen Ende der Tabelle.
Der Weg zu einer schmaleren, also viergleisigen Regionalliga würde zunächst wohl eine verschärfte Abstiegsregelung erfordern, um die Anzahl der Teams in den derzeit fünf Staffeln zu reduzieren. Traditionsklubs wie Chemie Leipzig könnten dabei im schlimmsten Fall den Kürzeren ziehen. In der Vorsaison entging die BSG dem Abstieg nur knapp - mit lediglich zwei Punkten Vorsprung auf Viktoria Berlin. Und auch in der neuen Runde stehen die Chemiker nach zwei Niederlagen zum Auftakt im Tabellenkeller. Mit Blick auf die jüngste sportliche Verfassung würden sich manche Teams also möglicherweise nur ihr eigenes Grab schaufeln, ohne je selbst von der Reform zu profitieren.
Ein Risiko, das die Vereine im Kampf für mehr Gerechtigkeit dennoch eingehen wollen, um "die grundlegenden Werte unsere Sports: Gerechtigkeit, Solidarität und Fairness", zu vertreten, wie Gregor Schoenecker, Sportvorstand der BSG Chemie Leipzig hervorhebt.
Obwohl in der abgelaufenen Saison im Nordosten nur Lok Leipzig und der Hallesche FC ernsthaft Anspruch auf die Teilnahme an Liga 3 erhoben hatten, wollen viele weitere große Namen der Liga mittelfristig in den Profifußball zurückkehren.
"Wir wissen genau, wo wir herkommen. So eine Saison wie die vergangene möchten wir nicht noch einmal erleben. Wir wollen Schritt für Schritt die Rahmenbedingungen verbessern, um dauerhaft erfolgreich zu sein. Unsere Vision ist, uns in der oberen Region der Regionalliga zu etablieren. Über den Aufstieg können wir dann reden, wenn wir neben den sportlichen auch die notwendigen organisatorischen, infrastrukturellen und finanziellen Voraussetzungen geschaffen haben", ist bei Schoenecker also auch ein persönliches Interesse an einem breiteren Tor zur 3. Liga nicht auszuschließen.
Risikofaktor 3. Liga
Dabei ist die 3. Liga alles andere als ein leichtes Pflaster. Es ist kein Geheimnis, dass ein Aufstieg in Liga 3 schnell zum Bumerang werden und die eigene Existenz bedrohen kann. Für diese Erkenntnis braucht man sich nur in der eigenen Initiative umzuhören: Zwickau stand nach dem Drittliga-Abstieg 2023 kurz vor dem Kollaps, ebenso der VfB Lübeck, der eine Insolvenz nur durch eine Crowdfunding-Aktion abwenden konnte.
Wie brutal die 3. Liga sein kann, mussten auch der Chemnitzer FC und Rot-Weiß Erfurt erfahren. Der damaligen Drittligisten aus Chemnitz musste mit Verbindlichkeiten in Höhe von rund 2,5 Millionen Euro den Gang zum Amtsgericht antreten. Der CFC war zwar 2021 schuldenfrei, doch bereits 2023 sorgten erneute Meldungen über eine desaströse Finanzlage für Aufsehen.
Noch schlimmer erwischte es Erfurt in der Saison 2017/18. Wirtschaftlich und sportlich befand sich der damalige Drittligist am Boden. Nach dem Abstieg in die Regionalliga folgte 2020 der Zwangsabstieg in die Oberliga. Erst im November 2023, nach über fünf Jahren, wurde das Insolvenzverfahren abgeschlossen.
Unattraktives Regionalligadasein
Doch natürlich ist auch die Regionalliga alles andere als ein wirtschaftlich sicherer Hafen. Zahlreiche Regionalligisten, die sich der Initiative angeschlossen haben, erlebten seit der Jahrtausendwende bereits eine Insolvenz oder zumindest schwere finanzielle Probleme. Dazu gehören der BFC Dynamo (2001 insolvent), vor der Niederlage in den Aufstiegsspielen 2022 fehlten zwischenzeitlich 900.000 Euro in den Kassen, der SV Babelsberg 03 (2003, 2011 fast noch einmal), die VSG Altglienicke (Insolvenzgerüchte Ende 2024), die Würzburger Kickers (Fast-Insolvenz 2023), der Greifswalder FC (2002), Kickers Emden (2009), der SV Meppen (2001), der VfB Oldenburg (2000), Fortuna Köln (2000), Lok Leipzig (2000, 2004), Hessen Kassel (2017), Rot-Weiß Oberhausen (2014 haarscharf vorbeigeschrammt), der Wuppertaler SV (2013, 2020), der 1. FC Bocholt (rund 500.000 Euro Schulden im Jahr 2023), der 1. FC Schweinfurt (2004) und die erst jüngst dazugestoßenen Regionalliga-Neulinge Sportfreunde Siegen (2017) und Bonner SC (2010).
Was bleibt, ist ein Dilemma. Viele träumen vom Aufstieg in die 3. Liga, der Weg dorthin ist steinig - und auch das Ziel selbst birgt Risiken. Gleichzeitig ist die Regionalliga für viele Klubs ebenfalls kein heimeliger Ort, zu groß ist die Gefahr weiter auszubluten. Vor allem die großen Namen in Liga 4 stehen zwischen Anspruch und Realität: Sie wollen ihren Ambitionen gerecht werden, müssen dabei aber stets den möglichen finanziellen Rückschlag im Blick behalten. Der Ruf nach Reform ist deshalb nicht nur ein sportliches Anliegen. Er ist ein Kampf um Gerechtigkeit, um Planbarkeit - und um die Sehnsucht nach altem Glanz.