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San Marino in den Play-offs: Virtus AC schreibt Europapokal-Geschichte

kicker

Eine Fußballstadt im engeren Sinne ist Acquaviva nicht gerade. Wie auch, befindet sich die 2000-Einwohner-Gemeinde doch im Nordwesten von San Marino, dem fünftkleinsten Land der Welt und 210. der FIFA-Weltrangliste. Auch von den für den Zwergstaat typischen mittelalterlichen Bauten ist in Acquaviva wenig zu sehen, stattdessen zieren zahlreiche Firmengebäude und eine einzige Pizzeria den Ortskern nahe der italienischen Grenze. Und doch ist es von dort aus nur ein kleiner Fußmarsch bergauf hin zu einer Stätte, die man seit der vergangenen Woche mit gutem Gewissen als geschichtsträchtig bezeichnen kann.

Das Stadio di Acquaviva - seit nunmehr fünf Jahren weist es auch eine Tribüne auf - befindet sich im etwas höher gelegenen Süden des Dorfes und dient zumeist als Heimspielort für die Virtus Associazione Calcio. Der 1964 gegründete Fußballklub trägt seine Partien in San Marinos höchster Liga aus, wobei es im Zwergstaat seit 1996 auch gar keine andere Spielklasse mehr gibt. Kein Wunder, ist ein Ligabetrieb mit 18 Teams für eine 34.000 Einwohner zählende Nation doch schon eine Herausforderung für sich.

Meister ohne europäische Ambitionen

In jener Spielklasse also war Virtus aus Acquaviva nach seiner Gründung zunächst mehrere Jahrzehnte lang ohne größere Erfolge tätig und erreichte 2017 einen sportlichen Tiefpunkt, als mehrere Akteure bei einem Pokalspiel in einen Wettskandal verwickelt waren. Nach dem Eklat richtete sich der Amateurverein neu aus, stellte eine schlagkräftige Mannschaft auf die Beine - und sammelte kurze Zeit später bereits die ersten Erfolge.

Zum ersten Mal in seiner Geschichte kürte sich Virtus im Jahr 2024 zum san-marinesischen Meister, eine Saison später vermochte die AC den Titel zu verteidigen. Dadurch wurde der Klub zur Teilnahme an der ersten Champions-League-Qualifikationsrunde berechtigt - allerdings ohne größere Erfolgsaussichten: Noch nie hatte es ein Verein aus San Marino bis in die Gruppenphase eines europäischen Wettbewerbs geschafft oder überhaupt eine einzige Runde in der Qualifikation überstanden.

Daran zu ändern schien sich auch in diesem Jahr zunächst nichts. In der ersten Qualifikationsrunde zur Champions League scheiterte Virtus, dessen Spieler abseits des Platzes zumeist andere Hauptberufe ausüben, mit 0:2 und 1:2 an Zrinjski Mostar aus Bosnien-Herzegowina. In der Folge durfte das Team wegen eines Freiloses in der dritten Runde für die Qualifikation zur Conference League weitermachen, wo es im Hinspiel eine 2:3-Niederlage beim moldawischen FC Milsami setzte.

Alles wie immer also - bis die AC im Rückspiel in der vergangenen Woche plötzlich aufdrehte. Kurz nach dem Seitenwechsel ging das Amateurteam im eigenen Stadion durch einen Heber des 37-jährigen Stefano Scappini in Führung, sieben Minuten später erhöhte der noch zwei Jahre ältere Ivan Buonocunto mit einem sehenswerten Dropkick im Fallen auf 2:0. Kurz vor Schlusspfiff war es erneut der Routinier, der per Elfmeter auf 3:0 stellte und so für das erste Weiterkommen eines san-marinesischen Vereins in einem europäischen Wettbewerb sorgte.

Für sich genommen ist das bereits eine faustdicke Überraschung, nun könnte der Underdog die Sensation aber noch weiter ausbauen: Nur noch die Play-offs trennen die Virtus AC von einer Teilnahme an der Conference-League-Gruppenphase, zu schlagen gilt es dafür in zwei Partien (21. August um 20 Uhr und 28. August um 21 Uhr) UMF Breidablik aus Island.

Ein "magischer Abend" - und ein Fortschritt für das Land

Nicht überraschend kommt es also, dass die Euphorie im 2000-Einwohner-Dorf Acquaviva derzeit keine Grenzen kennt. "Wir haben einen magischen Abend erlebt. Es war eine großartige Leistung", sagte Virtus-Coach Luigi Bizzotto dem kicker nach dem Sieg gegen Milsami. Sein Team habe sich mit dem Einzug in die Play-offs einen Traum verwirklicht, so der Trainer - dazu sei der unerwartete Triumph "ein wichtiges Kapitel in der fußballerischen Entwicklung von San Marino".

Einen Meilenstein in dieser hatte im vorherigen Jahr erst die Nationalmannschaft des Zwergstaates gelegt, die nach 20 Jahren ohne einen Sieg gleich zweimal gegen Liechtenstein gewann und ihre Gruppe in der UEFA Nations League damit als Sieger verließ. "Der Fußball in San Marino macht Fortschritte", findet deshalb auch Bizzotto, der die jüngsten Erfolge mit einer veränderten Mentalität in Verbindung bringt. "Die Gegner werden mit einer anderen Einstellung angegangen. Wann immer es möglich ist, versucht man, entschlossen anzugreifen", so der Italiener.

Positiv äußert sich Bizzotto über die Existenz neuerer Wettbewerbe wie der Nations League oder eben der Conference League - die hierzulande zwar weiterhin keinen einfachen Stand haben, in kleineren Fußballnationen aber für umso mehr Euphorie sorgen können. "Wir spielen dort gegen Mannschaften, die uns vom technischen Niveau her näher sind. Darüber sind wir sehr glücklich", betont der Trainer.

Folglich hofft Virtus' Coach auch in den Play-off-Spielen gegen Breidablik wieder auf "unglaubliche Emotionen für uns und unsere Fans". Erneut wird sein Team als glasklarer Underdog in die Partie gehen, schließlich bekommt es die Mannschaft aus Acquaviva mit dem neunzehnfachen isländischen Meister und Conference-League-Teilnehmer von 2023 zu tun. "Aber", so Bizzotto, "nach unserem letzten Sieg können wir diese Aufgabe mit ein bisschen mehr Selbstvertrauen angehen".