Vom Afrika-Cup aus Marokko berichtet Michael Postl
Ganz so laut war es nicht mehr im Grand Stade de Tanger, als Senegal das 3:1 gegen den Sudan erzielte. Klar, die Stars um Sadio Mané und Nicolas Jackson hatten zuvor bereits klargemacht, dass der Siegtreffer lediglich eine Frage der Zeit sein würde. Deshalb waren die ganz großen Euphoriewellen im senegalesischen Lager bereits abgeflaut, als Ibrahim Mbaye seine Emotionen in den verregneten Himmel von Tanger schrie.
Der 17-Jährige hatte an jenem Dienstagabend, als seine Senegalesen den Einzug ins Viertelfinale des Afrika-Cups feierten, nicht nur zum Endstand getroffen, sondern auch einen neuen Rekord aufgestellt. Und eine ganze Nation hinter sich versammelt, die aus sportlicher Sicht lange nicht die seine war.
Rückblick in den Januar 2025. Als er seinen ersten Profivertrag unterschrieb, war Ibrahim Mbaye noch lange nicht der Spieler, der er werden sollte. Und Paris Saint-Germain war noch lange nicht der Klub, der nur Monate später die Champions League gewinnen sollte. Damals, als sich der in Frankreich geborene Sohn eines Senegalesen und einer Marokkanerin also an PSG band, war kaum abzusehen, welch enorme Entwicklung beide Parteien nehmen würden - und wie sich diese auf die Nationalmannschaftskarriere des Teenagers auswirken würde.
Im Senegal waren sie zwar vielerorts etwas überrascht, dass sich der in der Jugend für Frankreich aufgelaufene Offensivspieler (29 Einsätze von der U 19 bis zur U 20) Ende November für die Heimat seines Vaters entschied, dafür aber umso begeisterter von seinen jüngsten Leistungen beim Afrika-Cup.
Zwei Entscheidungen, zwei Volltreffer? Was das Engagement in Paris angeht, auf jeden Fall. Dort setzt Trainer Luis Enrique konsequent auf die Jugend, muss zudem immer wieder auf verletzte Offensiv-Stars wie Ousmane Dembelé oder Desiré Doué verzichten. Heißt für Youngster wie Senny Mayulu oder eben Mbaye: Sie dürfen ran, letzterer gar dreimal in der Champions League (unter anderem beim 7:2 gegen Leverkusen) und 14-mal in der Ligue 1 (ein Tor). Kurzum: Der Trainer baut auf Typen wie Mbaye.
Beim Senegal ist das ähnlich. Im November war Mbayes Teilnahme am Afrika-Cup noch nicht sicher, seine Entscheidung habe er laut Le Parisien auch mit Blick auf die WM getroffen. Und das, obwohl die Tageszeitung von nicht wenigen Personen aus seinem Umfeld berichtet, die dem am 24. Januar volljährige werdenden Talent geraten hatten, sich Zeit für die Entscheidung zu nehmen.
Drei Gründe für den Senegal
Doch Mbaye weiß um drei Dinge: Sein Vater, Abdoulaye, ein Senegalese, hat einen großen Einfluss auf seinen Sohn. In Frankreich ist gar die Rede von "einem Geschenk", das Mbaye ihm mit seiner Entscheidung pro Senegal gemacht hat. Ein weiterer Grund dürfte die enorme Konkurrenz im französischen A-Kader sein, der sich wohl kein 17-Jähriger ohne Weiteres aussetzen mag. Neben seinen PSG-Kollegen Doué, Dembelé und Bradley Barcola warten dort nämlich noch Stars wie Bayerns Michael Olise, Marcus Thuram (Inter Mailand) oder Kylian Mbappé (Real Madrid).
Im Senegal ist die Konkurrenz naturgemäß geringer. Für die "Goldene Generation" um Sadio Mané (33, Al-Nassr), Idrissa Gueye (36, FC Everton) und Kalidou Koulibaly (34, SSC Neapel) dürfte die WM im Sommer das letzte Weltturnier sein. Ebenjene Stars sollen Mbaye aber auch motiviert haben, ab November für den Senegal zu spielen. Ihre Strahlkraft, ihr Name, ihre Karriere beeindrucken den Teenager. Ebenso wie die mittelfristige Perspektive WM - und die kurzfristige Afrika-Cup.
Dort hat Mbaye nun bereits vier Einsätze gesammelt, ein Tor erzielt und zwei vorbereitet. In der bislang wichtigsten Partie, dem Achtelfinale gegen den Sudan, kam Mbaye in der 74. Minute, traf kurz darauf zum 3:1. Dieser Erfolg wurde anschließend als historisch gefeiert, ist er doch von einem Spieler erzielt worden, der mit 17 Jahren, elf Monaten und zehn Tagen der jüngste senegalesische Torschütze beim Afrika-Cup ist.
Womit wir wieder an jenem Dienstagabend vom Anfang angekommen sind. Regen, Kälte, Nachthimmel von Tanger. Nach seiner verpassten Chance zum 4:1 lässt er den Kopf hängen, schreit so laut, dass man es gar bis zur Medientribüne hören kann. "Putain!", "Verdammt!", ein Schrei, ein Fluch, kurzer Frust, dann wieder der Kampf. Mbaye will immer mehr, auch wenn es den 30.045 Zuschauern eh schon egal ist, die Party steigt so oder so.
Der 17-Jährige ist präsent, ackert, kämpft. Für Tore und für mehr Einsatzzeiten, am besten noch vor seinem 18. Geburtstag am 24.Januar, sechs Tage nach dem Finale des Afrika-Cups im Prince Moulay Abdellah Stadium in Rabat. Macht Mbaye so weiter, dürfte er sie bekommen - und das nicht erst bei der WM-Endrunde.