Paul Scharner hat mit seiner Meinung während der Karriere als Fußballprofi niemals hinter dem Berg gehalten. Als TV-Studioexperte für Canal + beim Champions-League-Play-off zwischen FK Bodö/Glimt und SK Sturm Graz wird er damit am Mittwoch nicht beginnen. Ab 20 Uhr berichtet Canal + (auch im Livestream) umfangreich über das Hinspiel in Norwegen, der Anstoß erfolgt um 21 Uhr. Für Scharner steht jetzt schon fest, dass es in beiden Spielen ein Duell auf Augenhöhe sein wird.
Aufstieg zur Fixgröße kein Zufall
Der Erfolgslauf von Bodö/Glimt in den vergangenen fünf Jahren mit dem Höhepunkt des Einzugs ins Europa-League-Semifinale 2025 gegen Tottenham beeindruckte auch den früheren ÖFB-Legionär bei Brann Bergen (2004 bis 2006). "Der Klub hat in den letzten Jahren voll überzeugt. Wenn man bedenkt, dass Bodö/Glimt damals in meiner zweiten Saison bei Brann als Stockletzter abgestiegen ist und lange Zeit immer Abstiegskandidat und eine Yo-Yo-Mannschaft zwischen erster und zweiter Liga war, ist diese unheimliche Entwicklung zur europäischen Größe sehr bemerkenswert."
Zufällig geschah dies nicht, wie Scharner im Gespräch mit dem kicker betont. "Da haben sich Leute zusammengetan, die klare Ideen hatten, eine Philosophie, wie man Fußball spielen will. Und dann hat man es geschafft, immer die richtigen Spieler zu finden oder zu entwickeln, die das umsetzen. Das ist ein Zeichen von gutem Scouting, wobei das Hauptaugenmerk auf junge norwegische Spieler gelegt wird. Das ist ein großer Unterschied zu uns in Österreich, wo in der Bundesliga traditionell weniger auf österreichische Talente gebaut wird. Daher finde ich den Weg von Bodö hochinteressant."
Die Vorteile eines unbekannten Underdogs könne man sich nun aber abschminken, zumal Bodö/Glimt auch international seit Jahren für Furore sorgt - in Conference League und Europa League. Daher sieht Scharner für die Grazer eine Fifty-fifty-Chance auf den neuerlichen Einzug in die Königsklasse: "Auch Sturm ist eine eingespielte Truppe mit einer klaren Spielphilosophie über Jahre. Unangenehm wird das Auswärtsspiel vor allem wegen dem ungewohnten Kunstrasen und den unwirtlichen Bedingungen in einem Stadion, das nicht gerade einem Klub auf Topniveau entspricht."
Offensivpressing und schnelles Umschalten
Dass es mit dem norwegischen Klub-Fußball kontinuierlich bergauf geht, ist für Scharner ein Faktum - auch und weil die lange Regentschaft von Rosenborg Trondheim mittlerweile schon einige Zeit her ist. "Danach ist der norwegische Fußball in der Versenkung verschwunden, obwohl es immer wieder Topspieler in die Premier League oder in die anderen großen Ligen geschafft haben. Aber jetzt erntet man die Früchte der Arbeit und Entwicklung im Nachwuchsbereich. Das merkt man beim Nationalteam und bei den Klubs. Sie sind kein Fischfutter mehr, wie man dort so schön sagt."
Das Charakteristikum im Spiel von Bodö/Glimt sieht der heute 45-jährige Scharner im starken Offensivpressing und den daraus resultierenden Umschaltmomenten. "Bodö schaffte im Klub und im Team eine Atmosphäre, in der alle an einem Strang ziehen. Sie lassen dem Gegner auf Kunstrasen keine Luft. Diese Umschaltmomente nutzen sie dann äußerst fokussiert und konzentriert. Aber Sturm ist ja auch stark im Umschaltmoment. Die Spiele werden sicher interessant, weil beide Mannschaften ähnlich ticken."