Es passierte am Freitag in einer eigentlich harmlos erscheinenden Situation. Im Abschlusstraining vor Werders Auswärtsspiel beim 1. FC Nürnberg zog sich Flügelspielerin Tuana Mahmoud in einer kleinen Spielform eine schwerwiegende Knieverletzung zu und wird Bremen deswegen einige Monate fehlen. "So ein Schrei geht durch Mark und Bein, man leidet mit, es war furchtbar und ein Schock für uns", sagte Werders Trainerin Fritzy Kromp nach dem 4:1-Sieg gegen den Club und fügte hinzu: "Trotzdem wussten wir, es geht weiter. Es geht auch für Tuana weiter. Deswegen war es eine sehr schöne Aktion mit dem Trikot."
Dieses Trikot mit Mahmouds Namen und ihrer Nummer 10 zeigten die Bremerinnen nach dem 1:0 und 3:0 nämlich in die Kamera - als Zeichen des Zusammenhalts an ihre verletzte Kollegin, die nun für lange Zeit nicht mit ihnen auf dem Rasen stehen kann. Was für die 22-Jährige persönlich äußerst tragisch und für Werder darüber hinaus ein herber sportlicher Verlust ist.
Mit Mahmoud bricht Werder eine Unterschiedsspielerin weg
Mahmoud plante Kromp schließlich als ganz wichtiges Element auf der rechten Offensivseite ein. "Sie kann eine Unterschiedsspielerin sein und ist aus meiner Sicht am stärksten auf dem Flügel - eher auf der rechten als auf der linken Seite", sagte die seit diesem Sommer an der Weser tätige Trainerin vor der Saison. "Ihre größten Waffen sehe ich, wenn sie den Raum hinter der Kette beläuft, mit ihren Dribblings und ihrer Geschwindigkeit ein Foul provozieren oder zur Flanke kommen kann. Das geht am besten über die rechte Seite, zumal sie dort in Umschaltsituationen auch schnell in gefährliche Räume kommen kann."
Die Flügelstürmerin sei "eine Art Straßenfußballerin im positiven Sinn, ich kenne sie schon seit der U-17-Nationalmannschaft", so Kromp. "Schon damals war klar, welches Potenzial in ihr schlummert." Am 1. Spieltag gegen Freiburg (1:1) war dieses Potenzial nicht zu sehen - da fand Mahmoud nicht in die Partie. Ihre Klasse indes bewies sie in den Monaten zuvor schon zur Genüge.
Mahmoud war 2024/25 an 25 Prozent der Bremer Liga-Treffer direkt beteiligt
Im Bremer Kader gehört sie zu den wenigen Spielerinnen, die mit viel Tempo und einem guten Eins-gegen-eins für Durchbrüche sorgen können. Ihre 2,4 Torschussvorlagen pro Spiel waren 2024/25 intern unübertroffen. Mit 45 Torschussvorlagen nahm die beide Werder ausgebildete deutsche U-23-Nationalspielerin im Liga-Vergleich Platz 4 ein - hinter Bayerns Klara Bühl (61), die ganz oben stand. Mahmoud war zudem an 25 Prozent der Bremer Liga-Treffer direkt beteiligt (zwei Tore, fünf Assists) - und vollzog, nachdem sie 2023/24 wegen eines Syndesmosebandrisses länger gefehlt hatte, 2024/25 den nächsten Entwicklungsschritt, dem nun weitere folgen sollten.
An ihrer Torgefährlichkeit (86 Bundesliga-Spiele, zwei Tore) muss sie gewiss noch reichlich arbeiten, zudem sollte sie mehr Konstanz entwickeln und sich generell in ihren finalen Aktionen steigern. All das aber wird nun warten müssen. Nach Spiel eins ohne Mahmoud sagte Amira Arfaoui: "Der Sieg war für sie, die Tore waren für sie. Wir wünschen ihr viel Kraft und werden sie unterstützen."
Arfaoui, aber auch Sternad sind Optionen für Werder
Wie die oft unberechenbare Offensivkraft ersetzt werden kann? Gegen Nürnberg übernahm zunächst Arfaoui ihren Posten, traf aus der Distanz zum 2:0 - und warb um weitere Starteinsätze. Die 26-jährige Schweizer Nationalspielerin, nur 1,61 Meter groß, ist stark in kleinen Räumen, wendig und flink, konnte diese Qualitäten seit ihrem Wechsel im Sommer 2024 aber nur sporadisch zeigen. Unter Kromps Vorgänger Thomas Horsch kam Arfaoui (79 Bundesliga-Spiele, sieben Tore) meist von der Bank. Gut möglich, dass sie mit mehr Einsatzzeit nun in einen besseren Rhythmus findet, weniger leichte Ballverluste und mehr zwingende Aktionen produziert.
Eine andere, naheliegende Option ist Maja Sternad, die beim FCN eingewechselt wurde. Die 21-Jährige agiert geradliniger und könnte - anders als die gern mal ins Zentrum ziehende Arfaoui - konsequenter über die Außenbahn kommen, um sich Flanken zu erarbeiten. Über Geschwindigkeit und eine gewisse Wucht verfügt sie. Bei ihrem Assist zum 4:1-Endstand in Nürnberg war exakt das zu sehen.
Bekommt Bremens Weiß noch mehr Offensivverantwortung?
Klar ist jedoch: Auch die 1,70 Meter große slowenische Nationalspielerin, die seit 2021 bei Werder ist, muss deutlich konstanter werden, an ihrer Entscheidungsfindung und Torgefährlichkeit arbeiten (75 Bundesliga-Spiele, vier Tore). In den vergangenen Monaten ließ sie ihre Stärken ziemlich unregelmäßig aufblitzen, kam 2024/25 nur zu einem Scorerpunkt in der Liga. Kann sie sich nun in den Fokus spielen? Kromp dürfte genau abwägen, welches Profil wann gefragt ist. Wobei auch die dynamische Rechtsverteidigerin Michelle Weiß (24) - freilich, ohne ihre Defensivaufgaben zu vernachlässigen - noch mehr Offensivverantwortung bekommen könnte.
Den Ausfall der hoch befähigten und mit viel Entwicklungspotenzial ausgestatteten Mahmoud müssen die Bremerinnen in den nächsten Monaten jedenfalls bestmöglich kompensieren - wenn nicht mit einer Eins-zu-eins-Lösung, dann im Verbund. In Nürnberg gelang das, am nächsten Samstag gegen Hoffenheim folgt für den gut gestarteten SVW allerdings die nächste Prüfung.