Zwei schwere Dämpfer und eine große Hypothek
Aus dem versöhnlichen und für die WM 2026 mutmachenden Saisonabschluss der deutschen Nationalmannschaft ist endgültig nichts geworden. Anstatt wie selbst ausgegeben als Gastgeber des Final Four erstmals die Nations League zu gewinnen, kassierte die Mannschaft von Julian Nagelsmann zwei total verdiente Niederlagen, die den Bundestrainer mit vielen Fragezeichen in die Sommerpause entlassen. Zwar haben das 1:2 gegen Portugal und das 0:2 gegen Frankreich sicherlich nicht annähernd derart gravierende Auswirkungen wie die beiden Pleiten im November 2023 gegen die Türkei und Österreich, die Nagelsmann zu personell tiefen und bei der Heim-EM bis zum denkwürdigen Viertelfinale gegen Spanien fruchtenden Einschnitten bewegten.
Doch dieser letzte Länderspiel-Lehrgang der Saison muss Nagelsmann die Augen geöffnet haben, wie weit er mit seiner Mannschaft vom propagierten Titelziel bei der WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada entfernt ist. So naiv und defizitär, wie die deutsche Mannschaft in München und Stuttgart aufgetreten ist, ist der von ihm ausgerufene große WM-Coup in der Kürze der Zeit ein viel zu kühnes Unterfangen.
Vor allem offenbarten die beiden Niederlagen, wie weit in der Kaderbreite Deutschland der tatsächlichen Weltspitze hinterherhinkt. Frankreich, Spanien, selbst das nur rund zehn Millionen Einwohner zählende Portugal hatten weitaus mehr Profis von internationalem Format zu bieten als der DFB, hinzu kommen die gleichfalls besser bestückten Engländer, Argentinier oder Brasilianer. Das gilt auch unter der Berücksichtigung, dass mit Jamal Musiala, Kai Havertz und Abwehrchef Antonio Rüdiger drei wichtige Säulen nicht dabei waren, die das Attribut internationale Klasse mit ihren Qualitäten sicher verkörpern, und dass mit Nico Schlotterbeck und Angelo Stiller weitere wichtige Spieler fehlten.
Italien kaum noch einzuholen
Die zwei Niederlagen sind nicht nur schwere Stimmungsdämpfer, sondern auch eine große Hypothek. In den sechs WM-Qualifikationsspielen bis zur Endrunden-Auslosung wird Deutschland den Rückstand auf Italien in der Weltrangliste kaum mehr aufholen können, was zur Folge hat, dass man beim Weltturnier in zwölf Monaten nicht als einer der zwölf Gruppenköpfe gesetzt wird.
Dass sich die deutsche Mannschaft noch einmal aufraffen würde nach der enttäuschenden 1:2-Darbietung gegen Portugal, durfte man erwarten - nicht nur, weil Nagelsmann im Vorfeld explizit eine Reaktion in puncto Haltung und Einstellung eingefordert hatte. Diese zeigte sein Personal auch in der ersten Halbzeit gegen eine bessere französische B-Auswahl, die Trainer Didier Deschamps bis auf drei Ausnahmen komplett durchgewechselt hatte und die vor allem in der Anfangsphase ungewohnt viele Angriffspunkte bot. Die deutschen Spieler waren viel präsenter als gegen die Portugiesen, stellten den Gegner schon früh in der eigenen Hälfte, fanden immer wieder den Weg hinter die französische Abwehrlinie.
Was sie aber nicht fanden, war der Weg ins Tor. Allein in der ersten Halbzeit boten sich Nick Woltemade, Niclas Füllkrug, Karim Adeyemi und Florian Wirtz sieben meist hochkarätige Chancen zur Führung, die mit mehr Konsequenz (Woltemade, Füllkrug), einer besseren Ballannahme (Adeyemi) oder dem Quäntchen Glück (beim Pfostenschuss von Wirtz) locker zu einem komfortablen und verdienten Pausenvorsprung hätten reichen müssen. Schon bei der EM erzielte die DFB-Auswahl, gemessen an den herausgespielten Chancen, zu wenig Tore.
Und so fütterte stattdessen Kylian Mbappé kurz vor der Halbzeit die alte Fußballer-Weisheit, wonach der, der seine Möglichkeiten nicht nutzt, bitter bestraft wird. In der zweiten Halbzeit war dann im deutschen Team keinerlei Struktur mehr zu erkennen, sondern nur noch der Mut der Verzweiflung. Und hätte nicht Marc-André ter Stegen mit einigen spektakulären Paraden seine Klasse unter Beweis gestellt, wäre Nagelsmanns Team böse unter die Räder gekommen.
Es müssen Einschnitte folgen
Welche Lehren kann, welche Lehren muss der Bundestrainer ziehen aus dem neuntägigen Lehrgang, dem nur noch acht Länderspiele bis zur Benennung des vorläufigen WM-Aufgebots folgen? Nagelsmann wird zum Auftakt der WM-Qualifikation im September mit den Spielen in der Slowakei und gegen Nordirland einen Kader präsentieren, der richtungsweisend sein dürfte für den weiteren Weg zur WM. Personelle Einschnitte müssen dann folgen, und Serge Gnabry, Robin Gosens, Robert Andrich und der nachnominierte Thilo Kehrer sind erste Kandidaten, die dann davon betroffen sein dürften.
Nagelsmann kommentierte das 0:2 gegen Frankreich bemerkenswert zuversichtlich, indem er seine Meinung kundtat, es schlummere sehr viel Potenzial in seinem Kader und in seinem Staff. Dies zu wecken, ist seine Aufgabe in der neuen Saison - und fraglos eine große Trainer-Herausforderung.