Nur wenige hatten im Aufstiegsrennen der Oberliga Baden-Württemberg ernsthaft mit der TSG Balingen gerechnet. Häufiger waren in der Sommerpause des letzten Jahres, als sich nach dem Abstieg ein gewaltiger Umbruch abzeichnete, jene Stimmen gewesen, die die Schwaben auf dem direkten Weg aus der Regionalliga Südwest in die württembergische Verbandsliga wähnten.
Satte 42 Pflichtspiele später haben Trainer Murat Isik und seine junge Truppe alle Kritiker Lügen gestraft, sie gewannen 24 ihrer 34 Punktspiele und zogen ins Endspiel um den WFV-Pokal ein. Vor allem aber gelang der TSG die direkte Rückkehr in die Regionalliga Südwest, der sie schon von 2018 bis 2024 erstmals angehörte. Dies über die Aufstiegsspiele, in denen der baden-württembergische Oberliga-Zweite die U 21 des 1. FC Kaiserslautern (1:1) und, in einem dramatischen Finish, Türk Gücü Friedberg (3:2) in die Schranke wies. Einzig Double-Gewinner SG Sonnenhof Großaspach, der eine außergewöhnliche Saison spielte und in beiden Wettbewerben nur eine Niederlage hinnehmen musste, musste sich die Isik-Elf in Meisterschaft (1:6, 1:6) und dem Finale des württembergischen Landespokals (0:2) am Ende beugen.
Attraktivster Fußball
Dass es für den Amateurverein vom Rande der Schwäbischen Alb nach nur einem Fünftliga-Jahr direkt wieder zurück in die Regionalliga Südwest geht, war alles andere als eine ausgemachte Sache. Das Profi-Team der Stuttgarter Kickers etwa benötigte fünf Jahre, die Aspacher Profis immerhin drei Jahre für die Rückkehr. Dabei trotzen die Balinger scheinbar widrigen Bedingungen: 18 Spieler und damit nahezu alle Leistungsträger hatten die TSG nach dem Abstieg in 2024 verlassen. Es kamen 19 Neue, einige alte Bekannte, überwiegend jedoch Youngster, die in den Nachwuchsleistungszentren des Südwestens zwar exzellent ausgebildet wurden, aber im semiprofessionellen Herrenfußball noch weitgehend unerfahren waren. Und dann war da noch der Trainerwechsel, den die Vereinsführung um Manager Jonathan Annel und Vereinschef Eugen Straubinger schon im Winter der vorherigen Regionalliga-Saison forciert und sich mit der Demission von Erfolgstrainer Martin Braun kaum Freunde gemacht hatte.
Isik nun versammelte ein ausgebautes Trainerteam um sich und verordnete seiner jungen Mannschaft, der drittjüngsten der Oberliga-Staffel, eine neue Spielweise, die untypisch für die ansonsten auf dichte Abwehrreihen und aggressiven Umschaltfußball ausgerichtete TSG war. Fortan sah man in der Balinger Bizerba-Arena den spielerisch wohl attraktivsten Fußball, den je eine Balinger Mannschaft zeigte. Der vehemente Drang zum gegnerischen Tor blieb derweil Teil der DNA und wurde von Isik und Co. als "Heavy-Metal-Fußball" bezeichnet.
Jedenfalls: Die neu zusammengestellte Mannschaft um die Routiniers Matthias Schmitz und Sascha Eisele, die der TSG als zwei von wenigen Eigengewächsen auch im Misserfolg die Treue hielten, zeigte nicht den Hauch von Anlaufschwierigkeiten, gewann ihre ersten 16 Pflichtspiele allesamt und leistete sich auch im weiteren Saisonverlauf keinen echten Durchhänger mehr. "Das ist das eigentlich Beeindruckende", bilanziert der frühere Nachwuchscoach des VfB Stuttgart, Murat Isik. "Wir haben es hinbekommen, dass die Jungs direkt zu einer geschlossenen Einheit zusammengewachsen sind." Das Geheimnis des Balinger Erfolgs also: "Das Innenleben der Mannschaft, die positive und motivierende Stimmung", antwortet der TSG-Trainer.
Nächster Entwicklungsschritt
Diese Stärke wollen die Schwaben nun auch in der neuen Regionalliga-Saison auf den Platz bringen, in der es für die Balinger, die über einen Mini-Etat von rund einer Million Euro für alle Mannschaften verfügen, nur um den Klassenerhalt gehen wird. Das sieht auch Isik nicht anders, verweist aber darauf, dass seine Truppe ihre Viertliga-Tauglichkeit schon unter Beweis stellte. Im Pokal-Halbfinale etwa schoss die TSG das Regionalliga-Top-Team SGV Freiberg mit 3:0 aus dem Balinger Stadion.
"Wir müssen nun die nächsten Schritte in unserer Entwicklung gehen", betont Isik. In der Regionalliga werde das Tempo höher sein und damit unter anderem "das Passfenster kürzer", so der frühere VfB-Amateur. "Wir müssen an unserer Handlungsschnelligkeit arbeiten, noch schneller Entscheidungen treffen und das in noch weniger Zeit." Was er meint: Anders als bei den meisten Vereinen der Südwest-Regionalliga kicken in Balingen ausschließlich berufstätige Amateure. "Wir müssen daher eigene Konzepte finden, um den Jungs unsere Vorgaben in weniger Trainingszeit zu vermitteln", sagt Isik, der hierbei explizit die Coaches in der Pflicht sieht und deshalb jüngst nochmals nachgebessert hat. Denn wie der Verein am Wochenende verkündete, wird der frühere Chefcoach des SSV Reutlingen 05, Philipp Reitter, die TSG als weiterer "Co" verstärken. Eine angesichts der Rahmenbedingungen hochkarätige Personalie, die Isik offenbar selbst einfädelte.
Der Vorteil der TSG: Sie verfügt dieses Mal über eine eingespielte Truppe, auf die Isik und seine Kollegen auch in der 4. Liga vertrauen wollen. "Wir werden den Jungs, die den Aufstieg schaffen, die Chance geben, sich in der Regionalliga zu beweisen. Das haben sie einfach verdient." Gleichwohl kündigte Annel an, dass man für einige Positionen noch Verstärkungen suche. Gut möglich, dass am Montag beim Trainingsauftakt schon der ein oder andere Neuzugang dabei sein wird.