Der deutsche Einfluss ist beim FC St.Gallen schon länger zu spüren. Zwischen 2018 und 2024 stand mit Peter Zeidler bereits ein deutscher Trainer an der Seitenlinie und Captain und Identifikationsfigur Lukas Görtler trägt mittlerweile auch seit über sechs Jahren das grün-weisse Trikot. Vor eineinhalb Jahren stand der FCSG an einem Scheideweg. Nach dem Wechsel von Zeidler nach Bochum galt es, den Trainerposten neu zu besetzen. Die Entscheidung fiel am Ende zugunsten von Enrico Maassen aus, der davor bei Augsburg in der Bundesliga erste Erfahrungen auf höchster Stufe gesammelt hatte.
Das neue sportliche Gespann besteht seither aus Roger Stilz als Sportchef, der sein Amt ein halbes Jahr davor angetreten hat, Jan Breitenmoser, der als Leiter Sportentwicklung das Talentmanagement, den Nachwuchs- und die Frauenabteilung verantwortet, und eben Enrico Maassen als Cheftrainer. Die Verantwortung wurde bewusst auf mehrere Schultern verteilt. Das Vorgänger-Duo, bestehend aus Alain Sutter und Peter Zeidler, hatte die Espen 2019/20 auf den zweiten Rang in der Meisterschaft und in den beiden darauffolgenden Jahren ins Cupfinale geführt. Trotz dieser für die Espen ansehnlichen Leistungen, ist es in den letzten eineinhalb Jahren gelungen, sportlich und in der mannschaftlichen Entwicklung weitere Fortschritte zu erzielen.
„Es ist das, was es auch für mich so attraktiv gemacht hat, dass der FC St.Gallen ein richtiger Fussballclub ist, mit allem, was es braucht.“ (Enrico Maassen, Trainer des FC St.Gallen 1879)
"Es ging los mit einem Raketenstart", beschreibt es Trainer Maassen im Gespräch mit dem kicker rückblickend. Der FCSG überstand zu Beginn der Saison 2024/25 drei Qualifikationsrunden und zog in die Conference League ein. Erstmals seit elf Jahren gelang der Einzug in einen europäischen Wettbewerb. In der zweiten Saison unter Maassen mischt das verjüngte Team munter an der Tabellenspitze mit, zur Winterpause fehlen nur drei Punkte auf den sensationellen Aufsteiger und Leader FC Thun, den die Espen kurz vor der Winterpause noch mit 2:0 besiegt haben.
Intensive Spielweise mit weniger Ballbesitz, dafür mehr im letzten Drittel
In der Meisterschaft drängt sich der Vergleich zur Vorsaison auf, damals stand der FCSG zur Winterpause an achter Stelle. Das Team verpasste dann in der Rückrunde den Sprung in die Top Sechs und damit die Championship Group bei der Tabellenteilung nach 33 Runden. Die Strapazen der ungewohnten Mehrfachbelastung machten sich bemerkbar. "Es hilft, wenn man komplette Trainingswochen zur Verfügung hat", meint der Trainer. Genau von diesen gab es im ersten halben Jahr seiner Amtszeit kaum welche. Energetisch sei das auch im Wintertrainingslager, das die Espen zuletzt in der Nähe von Cadiz in Spanien bestritten haben, zu merken gewesen.
Es sei aber nicht nur die zusätzliche Frische, der Norddeutsche liefert gleich eine weitere Erklärung für die positive Hinrunde nach: "Wir haben den Kader aber auch gut zusammengestellt, für den Fussball, den wir spielen wollen." Tatsächlich hat sich die Spielweise merklich verändert. Das Ziel sei es, vertikaler zu spielen, man nehme auch weniger Ballbesitz in Kauf, um dafür häufiger im letzten Drittel zu sein, erklärt Maassen. Ziele, die sich in den Zahlen niederschlagen. Nur das Tabellenschlusslicht Winterthur hat in der ersten Saisonhälfte weniger Ballbesitz vorzuweisen, dafür haben nur Thun und Basel mehr Ballberührungen im gegnerischen Strafraum. Es scheint ein lohnenswerter Weg zu sein. Auch in der erweiterten Statistik gehört der FC St.Gallen nach expected Points als Tabellendritter zu den Spitzenteams.
Maassens Handschrift passt damit zum Fussball, für den die Espen auch schon länger stehen. Es ist offensiver Fussball und man ist für jeden Gegner unangenehm zu bespielen. Die Espen arbeiten intensiv gegen den Ball und schalten schnell um. Ein wichtiges Element im Pressing ist die Formation. In der ersten Jahreshälfte 2025 - als das Team endlich die angesprochenen Trainingswochen zur Verfügung hatte - folgte die Umstellung auf eine Dreierabwehrkette. Dafür mussten die richtigen Spieler gefunden werden. "Spieler, die es gewohnt sind und Lust haben, intensiven Fussball zu spielen", wie sie Maassen charakterisiert.
Viele deutsche Leistungsträger
Beim angesprochenen Kader sticht der klare deutsche Einfluss doch heraus. Zählt man den in Augsburg geborenen kroatisch-deutschen Doppelbürger Jozo Stanic zur deutschen Fraktion beim FCSG, so standen im angesprochenen Spitzenkampf gegen den FC Thun gleich deren sieben Deutsche in der Startelf. In der Meisterschaft entfallen 50,4 Prozent der Einsatzzeit auf Deutsche, diesen Wert überbieten nur eine Handvoll Bundesliga-Teams. Im Sommer kamen Carlo Boukhalfa vom FC St. Pauli und Tom Gaal vom SSV Ulm dazu, zudem wurde der zuvor ausgeliehene Lukas Daschner fix aus Bochum übernommen.
"Es hilft, dass wir Spieler haben, die mehr gleiche Interessen haben und sich gut verstehen. Das Thema Verbundenheit ist sicherlich auch ein sprachliches Thema", erklärt der deutsche Cheftrainer die Fülle an Landsleuten unter seinen Spielern. Es sei darauf geachtet worden, dass die Spieler sich mit Deutsch und Englisch verständigen können. Natürlich hat auch einen grossen Einfluss, dass Sportchef Stilz, trotz seiner Ostschweizer Wurzeln, sein Netzwerk durch mehrere Stationen in Deutschland auch dort immer weiter ausgedehnt hat.
"Es ist das, was es auch für mich so attraktiv gemacht hat, dass der FC St.Gallen ein richtiger Fussballclub ist, mit allem, was es braucht: mit einem vollen Stadion, mit Emotionalität und jeweils auswärts einem vollen Gästefanblock. Das macht es wirklich besonders. Das Stadion ist zudem laut und intensiv", erklärt Maassen mögliche Beweggründe, die einen vom Engagement in der Ostschweiz überzeugen können. Zudem mache die Vereinsführung etwas aus. St.Gallen sei ein gutes Umfeld, um etwas aufzubauen und um sich auch aus Sicht des Spielers, zu entwickeln.
Das Vertrauen in die Jungen wirkt sich positiv aus
Der zweite Faktor, der in der Kaderplanung ins Auge sticht, sind die vielen jungen Spieler, die gerade auf die aktuelle Saison hin eine Chance erhalten haben. Im Vorjahr belegte der FCSG in der Youth Trophy den vorletzten Rang. In dieser Wertung wird jede Spielminute der Schweizer U-21-Spieler mit jeweils einem Punkt belohnt. Jetzt führt St.Gallen die Rangliste innerhalb der Super League an. Allen voran Innenverteidiger Cyrill May und Stürmer Alessandro Vogt haben sich als Stammkräfte bewiesen.
Nach dem Abgang von Stürmer Willem Geubbels zum Ligue-1-Aufsteiger Paris FC hat sich der FCSG bewusst dazu entschieden, keine klare Nummer eins im Angriff zu verpflichten. Man wollte die Entwicklung von beispielsweise Vogt fördern und den Teamspirit nicht brechen, erklärt Maassen. Vogt, mittlerweile U-Nationalstürmer, hat das Vertrauen mit zehn Toren in wettbewerbsübergreifend 22 Einsätzen zurückgezahlt.
So habe sich in St.Gallen eine Mannschaft gefunden, mit "einer guten Balance zwischen jungen, hungrigen Spielern und erfahrenen, arrivierten Spielern mit einer guten Rollenverteilung im Team", meint der Trainer. Diese Einheit wird in der Rückrunde aber gefordert sein. So gilt es beispielsweise als Mannschaft, den Ausfall von Behar Neziri abzufangen. Der ehemalige Bayern-Junior gehört zu den grossen Aufsteigern im Team und auch in der Liga. Der 23-Jährige war als Sechser, zuletzt auch in der Abwehrkette, ein Leistungsträger. Im vorletzten Spiel des Jahres hatte er sich allerdings ohne Fremdeinwirkung das Kreuzband gerissen.
Der Ausfall von Neziri wird nicht die letzte Herausforderung sein, welche die von Maassen geformte Einheit zu bewältigen hat. Als Tabellenzweiter und im Cup-Viertelfinale weckt der FCSG in der stets fussballbegeisterten Ostschweiz auch Erwartungen. Seit dem zweiten Meistertitel der Vereinsgeschichte im Jahr 2000 warten die Stadt und die gesamte Region auf einen Titel.
"Wir müssen uns in jedem Bereich steigern und uns immer wieder vor Augen führen, was uns bis hierhin stark gemacht hat", fordert Maassen, damit die eingeschlagene Entwicklung auch ihre Fortsetzung findet. Dass in St.Gallen niemand daran zweifelt, dass dieser Weg noch weiterführen kann, unterstreicht die vorzeitige Vertragsverlängerung mit dem Norddeutschen an der Seitenlinie.