Wie so viele Kinder in seinem Alter verfolgte auch der damals 15-jährige Antoine Semenyo, der am 7. Januar 2000 im Londoner Stadtteil Chelsea zur Welt gekommen war, den Traum, eines Tages als Fußballprofi in der Premier League aufzulaufen. Die Liga, in der auch zu dieser Zeit bereits unter anderem Tottenham Hotspur oder der FC Arsenal vertreten waren.
Warum genau diese beiden Klubs aus der englischen Hauptstadt für die Geschichte des jungen Kickers von Bedeutung sind? Weil sie zu einer Reihe von Vereinen zählen, die in jenem Youngster offensichtlich nicht genügend Potenzial sahen, um ihn nach Probetrainings in die eigene Akademie aufzunehmen. Nachdem ein vorerst letzter Versuch bei Crystal Palace ebenso gescheitert war, drohte selbiges Schicksal gar der gesamten Karriere Semenyos.
"Ich erinnere mich, dass ich weinend in das Auto gestiegen bin und zu meinem Vater gesagt habe: Warum passiert das immer wieder?", blickte der heute 26-Jährige einst zurück. Die damalige Konsequenz: eine einjährige Fußballpause, im Laufe derer sich Semenyo beinahe dem Basketball verschrieben hätte. Dass es letztlich beim Konjunktiv blieb, ist in der Nachbetrachtung nicht nur ein Glücksfall, sondern der entscheidende Wendepunkt in der Laufbahn des Fußballers.
Die letzte Chance führt näher, aber noch lange nicht ans Ziel
Auf Anraten seines Onkels nahm Semenyo, der in der Zwischenzeit ein paar Pfunde zugelegt hatte, an einem Probetraining im nordwestlich von London gelegenen Bisham Abbey teil. "Ich dachte mir: 'Mal sehen, was ich noch draufhabe'" - und das war offenbar eine Menge.
Durch starke Auftritte für die Wiltshire Sports Academy in Swindon und das South Gloucestershire and Stroud College in Bristol rückte Semenyo abermals in den Fokus von Scouts. Ein diesmal erfolgreiches, zweiwöchiges Probetraining bei Bristol City resultierte in einem Zweijahresvertrag, der Leihen zum sechstklassigen Bath City, viertklassigen Newport County und damals drittklassigen AFC Sunderland beinhalten sollte.
In Vergessenheit geriet der Offensivspieler bei den Robins allerdings nicht, absolvierte er nach seiner Rückkehr doch etwa 44 der möglichen 46 Spiele in der Championship (2 Tore, 4 Assists). Eine deutliche Steigerung folgte in den darauffolgenden anderthalb Saisons (54 Spiele, 14 Tore, 14 Assists), in denen sich Semenyo sowohl in den Fokus der ghanaischen Nationalmannschaft als auch des AFC Bournemouth spielte, der ihn im Januar 2023 schließlich für knapp zehn Millionen Euro in die Premier League lotste.
Wie Semenyo ManCity weiterhelfen kann
Während die Cherries im August 2024 in Dominic Solanke einen Rekord-Abgang verbuchten (für rund 64 Millionen Euro zu Tottenham), stieg Semenyo in der jüngeren Vergangenheit zum wichtigsten Spieler in Bournemouth auf. Nicht umsonst war er "einer der besten Spieler", den AFC-Coach Andoni Iraola laut Eigenaussage jemals trainieren durfte. Es sind verschiedene Faktoren, die den gebürtigen Londoner für Bournemouth so wichtig gemacht haben - und Manchester City letztlich dazu bewegten, den teuersten Transfer des bisherigen Winters zu vollziehen: Über 70 Millionen Euro flossen an den Ligakonkurrenten.
In Zeiten, in denen der einst so vom Ballbesitz besessene Pep Guardiola seinen Angriffsstil fortlaufend anzupassen scheint, gilt Semenyo als logische Ergänzung. Die Tatsache, dass dieser nachweislich ein Experte für weite Einwürfe ist, spielt dabei indes keine Rolle: "Ich habe Tausende andere Prioritäten als das. Es ist kein großes Thema, um die Mannschaft zu verbessern", entgegnete Guardiola.
Stattdessen weisen in der laufenden Premier-League-Saison gemäß Opta etwa nur fünf Spieler - darunter Neu-Teamkollege Jeremy Doku - mehr progressive Ballführungen über mindestens zehn Meter auf. Ein weiterer Indikator dafür, dass die Skyblues zunehmend auf schnelle, zielstrebige Umschaltsituationen setzen möchten.
Wie auch immer Guardiola seine vorderste Reihe gestalten möchte - etwa mit Doku und Semenyo als Flügelpaar wie beim 2:0 gegen Newcastle -, so erlaubt ihm sein aktuellster Neuzugang stets, ein beliebiges Pendant aufzubieten. Seit Beginn der letzten Saison absolvierte Semenyo 52 Prozent seiner Ligaminuten auf dem linken und 40 Prozent auf dem rechten Flügel. Auch die Anzahl an geschossenen Toren mit links (24) und rechts (23) hält sich im Gleichgewicht.
"Viele Leute denken, ich sei Linksfuß, dabei bin ich Rechtsfuß. Das macht es für die Gegner schwieriger. Wenn sie glauben, ich sei Linksfuß, gehe ich über rechts - und wenn sie denken, ich sei Rechtsfuß, gehe ich über links", verriet er vor Kurzem The Athletic und dankte in diesem Zusammenhang seinen Eltern: "Als Kind haben sie mir jeden Tag Dinge auf den Boden geworfen, die ich dann mit beiden Füßen wegschoss. Ich erinnere mich, dass meine Mutter sagte: 'Warum kann er mit beiden Füßen so gut schießen?' Und mein Vater meinte: 'Warte ab, wenn er älter ist - das wird unglaublich.'"
Haalands scherzhafte Unterstellung
Mit seiner Prognose sollte Papa Larry, einst selbst als Mittelfeldspieler in der ghanaischen Premier League aktiv, Recht behalten. In zwei Partien trug Semenyo bis dato das City-Trikot, in beiden Partien netzte er ein.
"Er jagt meinen Golden Boot (Trophäe für den besten Torjäger der Premier League, Anm. d. Red.), also wird er mir den Ball nicht abspielen", scherzte Erling Haaland bereits über seinen neuen Mitspieler. Mit zehn Treffern Vorsprung auf Semenyo verfügt der Norweger zugegebenermaßen jedoch über ein komfortables Polster.
Nach den Debütauftritten im FA Cup und League Cup bietet sich für Semenyo am Samstag die Gelegenheit, erstmals in der Liga sein Können für die Citizens unter Beweis zu stellen. Im Stadtderby bei Manchester United wird Guardiola aller Voraussicht nach auch auf die Qualitäten seines Millionen-Neuzugangs bauen - ob auf dem linken oder rechten Flügel.