Das eine Unverständliche ist ja, dass Vicky am Mittwochabend (21 Uhr, LIVE! bei kicker) wohl abermals nicht in der spanischen Startelf stehen wird. Nach dem, was die 18-Jährige bei dieser EM gezeigt hat, muss man darüber den Kopf schütteln.
Das andere Unverständliche ist ja, dass Trainerin Montse Tomé damit wahrscheinlich alles richtig macht. Wer eine aktuelle Weltfußballerin, eine ehemalige Weltfußballerin und eine defensiv denkende Strategin vom FC Barcelona für sein Dreier-Mittelfeld hat, der macht sich nicht verdächtig, hier nicht nach Leistung aufzustellen.
Im Grund fasst es schon gut zusammen, worauf das deutsche Team im Halbfinale seinen Fokus richten muss: diese unheimlich ballsichere spanische Mittelfeld-Zentrale. Alexia, Patri und Aitana überzeugen - wie auch Vicky - bislang auf ganzer Linie bei dieser EM. Also muss die Losung für das DFB-Team heißen, die Mitte zu verdichten und Spanien auf die Flügel zu lenken.
Statistisch ist Spanien der Konkurrenz um Welten entrückt
So, wie es übrigens auch England gemacht hat. Die Lionesses brachten dem Top-Favoriten des laufenden Turniers die einzige Niederlage in diesem Kalenderjahr bei (die vorletzte stammt übrigens von den Olympischen Spielen gegen Deutschland), indem sie durch die Mitte fast gar keine Kombinationen zuließen und die Flanken innen dank stärkerer Physis klärten.
Über Tempogegenstöße und intensive Laufduelle entblößten sie dann Defizite in der Hintermannschaft, zum Beispiel gegen Kapitänin Irene Paredes. Diese Aufgabe dürfte wieder der deutschen Mittelstürmerin Giovanna Hoffmann zufallen, die gegen Frankreich mit ebenjenem Job ins Rennen geschickt worden war. Zumal Paredes' bisher starke Nebenfrau Laia Aleixandri gelbgesperrt fehlt und durch die weniger erfahrene Maria Mendez ersetzt wird.
Mit 88,9 Prozent Passquote, 697 Pässen je Spiel und 98 Torschüssen bewegen sich die Iberinnen statistisch jedenfalls in ganz anderen Sphären als der Rest. Nur logisch wäre es, würde Bundestrainer Christian Wück abermals eine Spielmacherin opfern würde, um das defensive Mittelfeld dreifach besetzen zu können. Und doch besitzt Spanien ausreichend weitere Akteurinnen, die den Unterschied ausmachen können.
Mariona beherrscht zwischen Flügeldribblerin und Abräumerin alles
Da wäre die ehemalige Hürdensprinterin Salma Paralluelo, die mit ihren 1,75 Metern so gar nicht ins Profil der Offensivkolleginnen passt und gerade deswegen ein spannender Faktor für Trainerin Tomé ist. Wenn auch zumeist von der Bank.
Da wäre die 15 Zentimeter kleinere Dribblerin Athenea, die in den vergangenen beiden Partien traf und ihre Qualitäten in engen Räumen ausreichend zur Schau stellte. Da wäre aber auch Claudia Pina, die Aufsteigerin der vergangenen Saison beim FC Barcelona. Die 23-Jährige hat ein inzwischen weit bekanntes Faible für Traumtore, gerade aus der Distanz.
Aber auch die Top-Torschützin nach dem Viertelfinale, Esther, gäbe es noch. Oder Mariona, die zwischen Flügeldribblerin und Abräumerin auf der Sechs so ziemlich alles im Mittelfeld beherrscht. Ganz so leicht ausrechenbar wird die rote Furie gegen die "schwarze Bestie" trotz der starken deutschen Bilanz im direkten Vergleich also nicht sein.