So geriet der VfL in die nächste Krise
Der Ton ist früh gesetzt in dieser Saison, in der eigentlich alles besser werden soll. Genauer gesagt klingt es schon nach 90 Minuten irgendwie … kritisch. Ralph Hasenhüttl ist gefrustet nach dem 2:3-Auftakt gegen keinen Geringeren als den FC Bayern München. Es wäre mehr drin gewesen für den VfL Wolfsburg, dessen Trainer weiß, was so ein Auftaktsieg gegen den Rekordmeister an Rückenwind für eine gesamte Saison hätte bringen können.
Und so spricht aus dem Österreicher die pure Verärgerung über die vergebene Chance: "Viel besser können wir gegen Bayern nicht spielen", sagt Hasenhüttl mit versteinerter Miene. Der VfL hatte ein 0:1 in ein 2:1 umgewandelt. "Dann kriegst du das zweite Tor, und es ist komplett Friedhof. Das kann nicht sein."
Eine verbale Breitseite gegen die Wolfsburger Fans, die bundesweit ohnehin einen schweren Stand haben und für deren Spötter die Kritik ausgerechnet vom VfL-Trainer Wasser auf die sich seit Jahrzehnten drehenden Mühlen ist. Hasenhüttl versucht im Anschluss zwar, die Wogen zu glätten, indem er den harten VfL-Fan-Kern ausnimmt von seiner Spontan-Schelte, und doch findet der Wolfsburger Fehlstart nicht nur auf dem Rasen statt.
Warum ist Erfolg in Wolfsburg nicht dauerhaft möglich?
Es ist der Anfang einer Saison, in der der VfL zwischenzeitlich auf Platz 5 steht, die ausgegebenen Europa-Ziele realistisch erscheinen, Fußballfeste gefeiert werden beim 5:1 in Leipzig, 4:3 gegen Mainz und 5:1 gegen Mönchengladbach. In der am Ende aber alles ist wie fast immer. Enttäuschte Gesichter, eine Trainerentlassung und die Frage: Warum ist Erfolg in Wolfsburg trotz so viel Geld nicht dauerhaft möglich?
Schließlich sind es unverändert bis zu 80 Millionen Euro, die Eigner Volkswagen Jahr für Jahr in seine Fußball-Tochter pumpt. Geschaffene Möglichkeiten, die noch kritischer betrachtet werden angesichts der massiven Krise, die im Autokonzern vorherrscht. Und klar ist auch: Platz 11 und schauriger Fußball dürfte auch mit weitaus weniger Kohle möglich sein.
Was Hasenhüttl für sich reklamieren kann
Was lief also falsch in der Saison 2024/2025, in der es angesichts der strauchelnden Konkurrenz wie Leipzig, Stuttgart und auch Dortmund vielleicht so machbar wie selten war, sogar in Richtung Champions League durchmarschieren zu können?
Was Hasenhüttl für sich reklamieren kann: Im Sommer verlor er mit Maxence Lacroix seinen auserkorenen Abwehrchef an Crystal Palace, im Winter Stammkraft Ridle Baku an Leipzig. Zwei Spieler, für deren Verbleib sich der Österreicher starkgemacht hatte, deren Verkäufe aber aus wirtschaftlicher Sicht (ja, auch Wolfsburg muss Einnahmen generieren) absolut Sinn ergaben. Und: Mit Lovro Majer fehlte Hasenhüttl verletzungsbedingt der Spielgestalter, der über weite Strecken der Saison schmerzlich vermisst wurde.
Denn: Umschalten konnte das Team rund um Top-Einkauf Mohammed Amoura, in Perfektion demonstriert beim Kantersieg in Leipzig. Wenn die Gegner aber den Ball dem VfL überließen, fehlten die Ideen. Früh forderte Boss Christiansen: "Natürlich wollen wir dominanter auftreten, daran arbeiten wir. Das ist Trainersache, das hat der Staff auf dem Schirm." Nur: Umgesetzt bekommen es Hasenhüttl und Co. nicht.
Die Rolle von Hasenhüttls Sohn sorgte für Murren
Auch dessen Co. sorgt für Diskussionen. Hasenhüttls Assistent ist dessen erst 28-jähriger Sohn Patrick. Ein Zugeständnis für den Cheftrainer, der in der Vorsaison als Retter im Abstiegskampf verpflichtet worden war. Doch aus der ihm zugedachten Rolle des Beobachters wurde der dominante Part an der Seite seines Vaters - was intern für Murren sorgte und nicht korrigiert wurde.
Im Fall Behrens hätte der VfL ein Zeichen setzen können
Und so lief vieles nicht so, wie es laufen sollte. In den Heimspielen verspielte der VfL in der Rückserie seine Euphorie und Europa-Chance, gegen Kiel (2:2), Bochum (1:1), St. Pauli (1:1) und Heidenheim (0:1) bröckelte zunehmend das Vertrauen in Hasenhüttl.
Auch kommunikativ lief nach dem Friedhof-Fehlstart vieles aus dem Ruder: Wollte der Trainer zu Beginn einen kleinen Kader, musste er plötzlich ein 31-Mann-Ensemble orchestrieren. Stürmer Kevin Behrens ("Diese schwule Scheiße unterschreibe ich nicht") konnte in dem Klub, der sich wie kaum ein anderer Vielfalt auf die Fahnen schreibt, weitgehend schadlos weiterkicken. Hier hätte der VfL ein echtes Zeichen setzen können, zumal Behrens nicht der Erste und Einzige in diesem Verein ist, der mit Regenbogenfarben ein Problem hat.
Spätestens Ende März wird dann Hasenhüttls Ende eingeläutet. Boss Christiansen vermeidet ein Bekenntnis zu seinem Coach, der noch bis 2026 unter Vertrag stand, will die Analyse auf "nach der Saison" verschieben. Von diesem Tag an gewinnt Wolfsburg kaum noch etwas, rutscht in der Rückrundentabelle bis in die Abstiegszone ab, der Trainer verliert von Woche zu Woche an Standing und Überzeugung. Den Spießruten-Parcours mit Fragen nach seiner Zukunft meistert er mit Bravour, die sportliche Kurve kriegt er anders als noch in der Hinserie, als schon einmal eine Trainerdiskussion aufzukommen drohte, nicht mehr.
Entlassung: Nicht überraschend und doch aus dem Nichts
Der VfL wäre aber nicht der VfL, würde er nicht doch noch einmal für eine dicke Schlagzeile sorgen: Der Trainer war, obwohl keine Gefahr mehr drohte in der Tabelle, plötzlich nicht mehr gut genug, um 180 Minuten Bundesliga-Fußball zu coachen. Zwei Spieltage vor Saisonende folgte der Rausschmiss Hasenhüttls. Der einerseits nicht mehr überrascht und dennoch fast aus dem Nichts kommt. "Die Ergebnisse und die Entwicklung in den letzten Monaten haben den Entschluss in uns reifen lassen", begründet Christiansen, "jetzt zu reagieren."
U-19-Trainer Daniel Bauer, der Wochen zuvor noch von Hasenhüttl vom Geheimtraining der Profis ausgeschlossen worden war, übernimmt. Welch Ironie des Schicksals! Immerhin: Diese Rochade geht noch so einigermaßen auf. Mit vier Punkten aus den letzten beiden Spielen gelingt ein irgendwie noch versöhnliches Ende eines wieder einmal verschenkten Jahres. Nach Platz 12 im Vorjahr geht's auf Rang 11.
Es fehlt Positivität an allen Ecken und Enden
Es bleibt die Erkenntnis: Etwas besser ist immer noch viel zu schlecht für den VfL. Bei dem unter der Führung Christiansens noch kein Wir-Gefühl entstanden ist. An vielen Stellen im Klub rumort es, es fehlt Positivität an allen Ecken und Enden. Stattdessen: Zu viel Chaos statt Klarheit, zu viel Stress statt Spaß, zu viel Misstrauen statt Miteinander. Da hilft auch das viele Geld von Volkswagen nicht.