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Die Jagd nach Paris 2.0 - mit einem Sternchen

kicker

Die Ansage des Bundestrainers lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Von der ersten Sekunde an bei der am Donnerstag beginnenden Handball-Europameisterschaft gibt Alfred Gislason den Vollgas-Befehl: "Wie bei den Olympischen Spielen müssen wir direkt in Top-Form sein." In Paris gab es bekanntlich Silber, der Weg zu einer anvisierten EM-Medaille ist für die DHB-Auswahl aber schwer - auch aufgrund des Modus.

Bei Olympia 2024 warf Deutschland in einem packenden Viertelfinale Gastgeber Frankreich aus dem Turnier, im Vorjahr war das DHB-Team im WM-Viertelfinale gegen Portugal der unglückliche Verlierer. Doch bei der EM 2026 in Dänemark, Schweden und Norwegen gibt es kein Viertelfinale, stattdessen kann bereits eine Niederlage in der Vorrunde die Hoffnungen auf das Halbfinale durchkreuzen. "Jeder Punktverlust kann schwere Folgen haben", erläutert Gislason. "Wir wissen, dass wir eine schwierige Gruppe haben mit Spanien, Österreich und Serbien. Aber danach, die Hauptrunde, wird es wirklich sehr, sehr in sich haben mit Dänemark, vermutlich Frankreich, Norwegen und Portugal."

Nur die besten zwei Teams jeder Gruppe ziehen in die Hauptrunde ein, die gegeneinander erzielten Ergebnisse werden mitgenommen. Eine Niederlage könnte das DHB-Team unter Druck setzen, zumal es dann in der Sechser-Gruppe erneut nur zwei Tickets für die nächste Etappe gibt: das Halbfinale. "Wir müssen eigentlich verlustpunktfrei in die Hauptrunde kommen, um überhaupt eine realistische Chance zu haben, ins Halbfinale einzuziehen", so Spielmacher Juri Knorr im kicker-Video-Interview.

Uscins meldet sich fit - Debatte um Freihöfer

"Deswegen müssen wir ganz sicher schon sehr schnell zur Bestleistung finden", betont Gislason, der sein Team erst am 4. Januar zum Lehrgang begrüßen konnte - auch weil in der Bundesliga noch bis zum 27. Dezember gespielt wurde. Eine "bewusste Entscheidung" und "auch ein Erfahrungswert aus dem vergangenen Jahr", erläutert Nationalmannschaftsmanager Benjamin Chatton und fügt an: "Wir wollten den Spielern eine maximale Pause ermöglichen." Der Plan scheint aufgegangen zu sein.

"Der Kader sieht sehr gut aus, was Fitnesszustand und Gesundheit anbelangt", sagte der Bundestrainer kürzlich inmitten der Vorbereitung. In den vergangenen Jahren war dies vor diversen Turnieren zu diesem Zeitpunkt nicht immer der Fall, da bestimmten oft etliche Krankheitsthemen die Szenerie. Zum Auftakt gegen Österreich fällt nur Nils Lichtlein aus, Rückraumspieler Renars Uscins ist nach einem kurzen Schockmoment im letzten Testspiel gegen Kroatien voraussichtlich einsatzfähig - und berichtet von einer "guten Stimmung" im DHB-Team.

Der Kader umfasst derzeit 18 Akteure. Diese Anzahl kann der DHB vor dem Start als Turnierkader melden, aus dem dann jeweils die 16 Spieler für die jeweilige Partie berufen werden. Für Diskussionen bei der Reduzierung von 35 auf 18 Akteure sorgte dabei vor allem eine Position: Auf Linksaußen entschied sich Gislason für Lukas Mertens und Rune Dahmke - und somit gegen den Berliner Tim Freihöfer. "Hier ist alles außer Kraft gesetzt worden, was Fairness und Inhalt angeht", hatte Füchse-Macher Bob Hanning die Entscheidung in seiner kicker-Kolumne heftig kritisiert.

"Freihöfer hat bei uns eine gute Rolle gespielt, als er da war. Aber er spielt aktuell keine so starke Saison wie im vergangenen Jahr", meinte der Bundestrainer, der die "schwierige Entscheidung" weiter begründete: "Ich habe diesmal sehr viel Wert auf die Abwehr gelegt. Und Dahmke ist von allen Linksaußen wahrscheinlich der beste Abwehrspieler und hat auch ziemlich viel Erfahrung." Gemeinsam mit Torhüter Andreas Wolff und Kreisläufer Jannik Kohlbacher gehört der 32 Jahre alte Kieler zu den verbliebenen Europameistern von 2016.

Sechs Junioren-Weltmeister von 2023 mit dabei

Andere Spieler saßen 2016 hingegen noch vor dem Bildschirm, als die DHB-Männer mit der Europameisterschaft den letzten Titel holten. "Ich habe damals sehr mitgefiebert", berichtete Matthes Langhoff von einer "tollen Erinnerung". Der Berliner passt ebenso wie der Gummersbacher Tom Kiesler in das auf eine starke Defensive ausgelegte Anforderungsprofil des Bundestrainers. Mit Miro Schluroff und Mathis Häseler, der den Vorzug vor Timo Kastening bekam, kommen auch die beiden weiteren Debütanten aus dem Kader des Altmeisters VfL Gummersbach.

„Die vielen jungen Spieler, die in den vergangenen zwei Jahren bei uns debütierten, sprechen für die Breite im deutschen Handball.“ (DHB-Kapitän Johannes Golla)

Neben Häseler und Langhoff sind mit den bereits zuvor ins A-Nationalteam aufgerückten Nils Lichtlein, Justus Fischer, Uscins und David Späth insgesamt sechs Junioren-Weltmeister von 2023 im Aufgebot - sie bilden somit bereits ein Drittel des Kaders. Der Bundestrainer ist überzeugt, dass er eine Mannschaft zusammenhat, "die jetzt schon sehr gut ist und in Zukunft deutlich besser werden kann". Johannes Golla kann dies nur unterstreichen: "Die vielen jungen Spieler, die in den vergangenen zwei Jahren bei uns debütierten, sprechen für die Breite im deutschen Handball." Jeder Spieler bringe neue Impulse ein, so der Kapitän des DHB-Teams, der hinzufügt: "Wir sind eine sehr, sehr offene Mannschaft, in die man gut reinfinden kann."

Und eine Mannschaft, die um die Medaillen mitspielen will. Turnierfavorit ist für Gislason einmal mehr Dänemark. Der Weltmeister und Olympiasieger sei "allen anderen schon voraus". Der Isländer meint: "Sie haben einfach eine unwahrscheinlich gute Arbeit gemacht und eine Wahnsinnsbreite in ihrem Kader. Dahinter befinden sich von Platz 2 bis 10 Mannschaften, bei denen jeder jeden schlagen kann. Und dazu gehören wir."

Olympia-Held Uscins im Tief

Sorgen bereitet dem Bundestrainer aber ein Bereich auf dem Feld: der Rückraum rechts. "Das ist schon unsere große Problemposition. Da haben wir nicht so viele Spieler zur Auswahl", gibt Gislason zu. Und die Rückraum-Linkshänder, für die er sich zunächst entschieden hat - Olympia-Held Uscins und der Leipziger Franz Semper - haben nicht gerade das beste Halbjahr hinter sich. Semper erlebt mit dem derzeitigen Tabellenletzten der Handball-Bundesliga Abstiegskampf pur. Seine Leistungen schwanken. Uscins läuft - auch aufgrund von Verletzungsproblemen - seiner phänomenalen Form von 2024 hinterher. "Er war ein bisschen angeschlagen im vergangenen Jahr. Jetzt freue ich mich darauf, diese EM mit einem gesunden Renars Uscins zu spielen", sagt Gislason - bevor sich dieser gegen Kroatien eine Blessur am Sprunggelenk zuzog. Es sei schwierig für das "Riesentalent", immer daran gemessen zu werden, was es bei Olympia leistete.

Für Pascal Hens kommt das Uscins-Tief nicht überraschend. Er habe das schon bei Olympia prognostiziert, so der frühere Rückraumspieler, der mit dem DHB-Team Welt-und Europameister wurde. "Er hatte einen Riesenlauf, ist ein junger Kerl, und es wird dann auch Turniere und Phasen geben, wo es nicht so läuft. In so einer Phase ist er gerade. Da müssen wir einfach hoffen, dass wir im rechten Rückraum stabil und gut auftreten", führt Hens aus. Im etatmäßigen Rückraum-Linken Miro Schluroff und dem zweiten Spielmacher, Lichtlein (Linkshänder), gibt es innerhalb des 18er-Kaders Alternativen.

Irgendwann muss Deutschland Dänemark schlagen

Trotz dieser Baustelle sagt Hens: "Das Ziel ist natürlich, weit zu kommen und den ganz großen Coup zu schaffen. Dafür musst du irgendwann auch Dänemark schlagen. Das haben wir zuletzt nicht geschafft, aber ich denke immer positiv und traue den Jungs definitiv zu, ins Halbfinale zu kommen." Hens wird das Turnier als TV-Experte begleiten. Der Streaming-Dienst Dyn wird für Abonnenten alle EM-Spiele übertragen, die deutschen Partien laufen bei ARD und ZDF.

Als "stark und ausgeglichen" hatte Gislason die Vorrunde nach der Auslosung bezeichnet und ergänzt: "Es ist halt eine Europameisterschaft - da gibt es eh nur gute Gegner." Auf den Unterschied zu einer Weltmeisterschaft mit teils Pflichtaufgaben gegen Exoten verwies auch Uscins, der die "anspruchsvolle Gruppe" mit einem "so ist es halt bei einer EM" kommentierte.

Die Gegner sprachen zwar wie Österreichs Sportdirektor Patrick Fölser von einer "Monstergruppe" oder wie Spaniens Nationaltrainer Jordi Ribera vom "schlimmstmöglichen Szenario", zeigten sich aber auch selbstbewusst im Kampf um eines der beiden Tickets für die Hauptrunde.

Nominell ist der Olympia-Dritte Spanien aus dem zweiten Topf der stärkste Gegner, das sich im Umbruch befindliche Team hat aber bei der Weltmeisterschaft mit Platz 18 enttäuscht - und steht entsprechend unter Druck. Spanien, so Gislason, verfüge über eine "verjüngte Mannschaft mit herausragenden Talenten", die bereits auf Jugendebene mehrfach Gold gewonnen haben.

Serbien, unter anderem mit Füchse-Torhüter Dejan Milosavljev, sei zwar ebenfalls im Umbruch, doch durch seine körperliche Präsenz jederzeit in der Lage, Top-Teams zu ärgern - wie beim deutschen 34:33 bei der WM 2023. Und Österreich? Ein alter Bekannter. "Wir treffen ständig auf sie", sagt Gislason. Unter dem neuen Coach Iker Romero, der bis zum Sommer zusätzlich den deutschen Zweitligisten SG BBM Bietigheim trainiert, habe sich das mit zahlreichen Bundesliga-Spielern gespickte ÖHB-Team zudem weiterentwickelt. Schon in der EM-Qualifikation trafen beide Mannschaften aufeinander: Im ersten Vergleich erkämpfte sich Österreich ein 26:26-Remis, den zweiten gewann Deutschland mit 31:26.

Für Gislason das "bisher schwierigste Turnier" seiner Amtszeit

Bei der EM sehen sich die Nachbarn zum Auftakt an diesem Donnerstag (20.30 Uhr, LIVE! bei kicker) in der Jyske Bank Boxen im dänischen Herning wieder. Für Deutschland ein nicht nur von der Vor- und Hauptrunde der WM im Vorjahr bekannter Spielort, sondern etwa auch vom "kleinen Finale" der WM 2019. "Das ist schon wie eine Routine. Im gleichen Hotel und der gleichen Halle wie im Vorjahr zu sein tut immer gut", sieht Torhüter Andreas Wolff darin einen Vorteil.

Bei der WM 2025 folgte dem Umzug von Herning nach Oslo das Viertelfinal-Aus gegen Portugal. Ein Gegner, der wie Dänemark und Frankreich mit der DHB-Auswahl in der Hauptrunde um eines der beiden Halbfinal-Tickets kämpfen wird - dieses Ziel der deutschen Auswahl bei dem aus Sicht von Gislason "bisher schwierigsten Turnier" seiner Amtszeit ist sieben schwere Spiele entfernt. Und eine Jobgarantie für den Bundestrainer gibt es trotz des bis zur Heim-WM 2027 laufenden Vertrags nicht. Verbandspräsident Andreas Michelmann erklärte zu einer eventuellen vorzeitigen Trennung: "Es ist doch klar, dass wir darüber nachdenken würden, wenn die Mannschaft - wovon ich nicht ausgehe - bei der EM absolut nicht performt." Druck von außen verspüre er nicht, nur den, den er sich selbst mache, kommentierte Gislason und wischte Fragen dazu mit einem "Ich bin so lange dabei" beiseite.

"Wir müssen gut genug spielen, um uns Siege zu verdienen. Wenn wir das nicht tun, haben wir es auch nicht verdient. Das weiß die Mannschaft, die mittlerweile sehr gefestigt ist", so der Isländer, der anfügte: "Wir brauchen keine Angst vor den Gegnern zu haben und dürfen uns keinen Stress machen. Aber wir müssen die Gier haben, ins Halbfinale kommen zu wollen." Als Vorbild sollen etwa die deutschen Frauen dienen, die bei ihrer Heim-WM im vergangenen Monat Silber holten. "Sie haben Selbstvertrauen aufgebaut. Sie waren eine Turniermannschaft mit starker Leistung und hervorragender Teamchemie. Mit jedem Spiel wurden sie selbstsicherer und besser", sagte Gislason und ergänzte: "Genau so wollen wir auch auftreten."

"Man braucht immer Vollgas - und dieses Mal umso mehr. Wir nehmen uns auch jetzt vor, mit einer guten Leistung ins Turnier zu starten und dann in den Flow zu kommen", gibt Golla aus. Und vielleicht heißt es dann nicht nur hinsichtlich der Schwere des Weges, sondern auch hinsichtlich eines möglichen Endspiels: "Wie bei Olympia." In diesem soll es dann aber vorbei sein mit dem Paris 2.0 - dort setzte es im Finale bekanntlich eine ernüchternd klare 26:39-Niederlage gegen Dänemark. Diese Parallele würden Gislason & Co. dann mit aller Macht vermeiden wollen.