Paris Saint-Germains Kreisläufer Kamil Syprzak zieht auf dem Spielfeld alle Blicke auf sich - nicht nur wegen seiner beeindruckenden Erscheinung. Mit 2,07 Metern ist der Pole der größte Spieler der gesamten EHF Champions League 2025/26, doch es sind seine Präzision, sein Timing und seine mentale Stärke, die ihn zu einem der erfolgreichsten Torjäger Europas gemacht haben. Seit drei Spielzeiten erzielt Syprzak über 100 Treffer pro Saison - eine Marke, die in seiner Position außergewöhnlich ist.
"Ich stelle mir viele Fragen, wenn ich spiele. Wahrscheinlich zu viele", sagt der 34-Jährige lachend gegenüber eurohandball.com. Er weiß: "Wenn ich nur groß wäre, hätte ich es nie bis hierher geschafft", sagt Syprzak. "Am Anfang sahen mich alle an, als wäre ich ein Monster von einem anderen Planeten. Mittlerweile habe ich das hinter mir gelassen. Heute sehe ich die Vorteile - oder ich rede sie mir zumindest ein", fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.
In Paris hat sich das Spiel an ihn angepasst - nicht umgekehrt. Mit seiner Erfahrung und Spielintelligenz versteht Syprzak es, Räume zu öffnen, statt sie zu schließen. "Es bringt nichts, als Kreisläufer einfach herumzurennen und Chaos zu stiften. Wichtiger ist, zu verstehen, was im Spiel passiert", erklärt er.
Kongeniales Duo
Mit Luc Steins, dem niederländischen Regisseur im Pariser Rückraum, verbindet ihn eine besondere Chemie. "Wir finden uns fast blind", sagt Syprzak. "Das Beste am Handball ist, dass Erfolg nie einem allein gehört. Ich mag vielleicht das Tor werfen, aber jemand musste mir zuerst vertrauen."
Ein Blick auf Syprzaks Wurfquoten zeigt, wie effizient er arbeitet. Trotz der körperlich harten und engen Position am Kreis zählt er zu den treffsichersten Spielern der Liga. Seine Präzision hat er sich schon früh angeeignet: "Als ich in Plock angefangen habe, gab es einen Spieler namens Dmitrij Kuzielew - eine echte Maschine. Er hat mit mir mentale Spiele gespielt. Er sagte: 'Nimm fünf Würfe von derselben Stelle. Was machst du, wenn du die ersten zwei verfehlst?' Ich antwortete: 'Ich ändere den Wurf.' Er meinte nur: 'Nein. Bleib dabei.' Das hat mich geprägt."
Auch heute arbeitet Syprzak mit dieser mentalen Stärke - besonders bei Siebenmetern. Dass ein Kreisläufer regelmäßig Strafwürfe übernimmt, ist selten, doch Syprzak hat eine beeindruckende Quote: 90 Prozent Treffer in der vergangenen Saison. "Wenn ich die Siebenmeter werfe, kämpfe ich mit meinen eigenen Dämonen. Es ist schwer zu erklären. Manchmal denke ich: Wenn ich eine Superkraft haben könnte, würde ich gerne für einen Tag in die Köpfe aller Siebenmeterschützen schauen, um zu wissen, was sie denken", sagt er.
Innerer Dialog vor jedem Spiel
Syprzak ist ein Spieler, der sich ständig selbst hinterfragt. "Ich habe gelernt, dass man manchmal einen Schritt zurückgehen muss, um zwei nach vorne zu kommen", sagt er. "Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe - aber ich höre nie auf, besser werden zu wollen." Vor jedem Spiel führe er einen inneren Dialog, erklärt der Pole: "Ich versuche, mich bis ans Limit zu pushen. Im Kopf passiert dann unglaublich viel - schon vor dem Anpfiff. Manchmal fühlt es sich an, als würde ich auf dem Feld gegen meine eigenen Dämonen kämpfen."
Diese mentale Stärke ist zu einem entscheidenden Teil seines Spiels geworden. "Fans sehen oft nicht, was im Hintergrund passiert. Wenn du zu den Schlüsselspielern gehörst, bereiten sich die Gegner speziell auf dich vor. Du musst ruhig bleiben - das ist der Schlüssel. Es gewinnt nicht immer der Stärkste, sondern der, der am längsten ruhig bleibt."
Heute beschreibt sich Syprzak vor allem als konstant - eine Eigenschaft, die ihn an der Spitze hält. "Früher wollte ich einfach der Beste sein. Jetzt will ich klüger sein - für das Team, für mich selbst und für die Menschen, die mir zuschauen." Erfahrung habe ihn gelehrt, mit Druck umzugehen und aus Fehlern zu lernen. "Jedes Tor, jeder Fehlwurf - das alles gehört zu mir. Ich gehe aufs Feld, um etwas zu beweisen, aber vor allem, um etwas zu lernen."
Lernen musste er mit PSG in der aktuellen Champions-League-Saison eine Sache bisher viermal: Mit Niederlagen umzugehen. Heute Abend um 18:45 Uhr haben die Franzosen gegen GOG Handbold die Möglichkeit, den dritten Sieg einzufahren. Vor gut drei Wochen unterlag das Star-Ensemble der dänischen Talentschmiede mit 34:36. "Diesmal wollen wir ein besseres Gesicht zeigen", kündigte PSG-Coach Stefan Madsen an.