Mit 23 Toren avancierte Nina Engel bei ihrem EM-Debüt in Österreich auf Anhieb zur zweitbesten Werferin im deutschen Team und sammelte mehr Spielzeit als ihre Positionskolleginnen und Olympia-Fahrerinnen Julia Maidhof und Viola Leuchter.
"Es war vorher ungewiss, was meine Rolle sein wird; dass ich so viel spiele, hätte ich vorher nicht erwartet", sagt sie offen. "Super spannend" seien die Erfahrungen gewesen, „und die Mädels haben es mir einfach gemacht; ich habe mich in der Mannschaft schnell wohlgefühlt."
Es war die Krönung für ein nahezu perfektes Jahr: Mit der Sport-Union Neckarsulm gelang der Klassenerhalt, bevor Nina im Sommer 2024 zur HSG Bensheim/Auerbach wechselte Im Oktober desselben Jahres gab die Linkshänderin dann ihr Debüt in der Nationalmannschaft und sprang auf den EM-Zug auf.
Handball liegt in der Familie
Ihr Talent deutete sich bereits früh an. Ihre ersten handballerischen Schritte machte Nina beim Hagener SV, keine fünf Kilometer von ihrem Heimatort Driftsethe („einem kleinen süßen Dorf zwischen Bremen und Bremerhaven“) entfernt.
Eine Schulfreundin nahm sie mit zum Handball, auch ihre beiden älteren Schwestern griffen kurz darauf zum Ball. Die Eltern, früher selbst Handballer, unterstützten ihre Kinder und fuhren sie auch zum Training, als die Fahrtwege länger und die Einheiten häufiger wurden.
Als große Fans des THW Kiel nahmen sie Nina und ihre Schwestern auch immer wieder in die Bundesligahallen mit. "Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir vor Patrick Wiencek standen und unbedingt ein Autogramm haben wollten", erzählt sie lachend.
Heute stehen die Kinder um sie herum. "Das ist super schön und eine Wertschätzung für das, was man jeden Tag macht", sagt sie. Und sie weiß um die Verantwortung: "Wenn ein Spiel schlecht ist, gehört es trotzdem dazu, Autogramme und Fotos zu geben, um greifbar zu sein, die Kinder zu begeistern und deren Träume wachsen zu lassen."
Rasanter Aufstieg
Genauso nahmen auch ihre Träume von einem Leben als Profi-Handballerin langsam Gestalt an: Der erste Karriereschritt führte Nina nach Bremerhaven; als D-Jugendliche spielte sie dort in der C-Jugend. "Ich habe immer noch Freunde aus dieser Zeit", erzählt sie. Zwei Jahre später folgte - zusammen mit ihrer Schwester - der Wechsel in den Bundesliga-Nachwuchs des SV Werder Bremen.
Mit 14 Jahren durfte sie erstmals bei der Zweitliga-Mannschaft trainieren, als B-Jugendliche gab sie in der Saison 2019/20 ihr Debüt in der 2. Bundesliga und unterschrieb ein halbes Jahr später ihren ersten Profivertrag. Parallel erfolgte die erste Einladung in die Jugend-Nationalmannschaft, mit der sie 2021 an der U19-Europameisterschaft teilnahm. Ein Jahr später war Nina bei der U20-Weltmeisterschaft die beste deutsche Torschützin.
Über den rasanten Aufstieg ist inzwischen so manche Erinnerung verschwommen. "Ich kann nicht mal mehr sagen, gegen welchen Gegner ich mein erstes Zweitliga-Spiel gemacht habe und ich weiß auch nicht mehr viel von meinem ersten Länderspiel", gesteht Nina mit einem Schulterzucken ein. "In den Momenten selbst war es super aufregend, aber es wird irgendwie Normalität. Man hat im Handball so viele Spiele, so viele Highlights."
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Wechsel in die Bundesliga
Statt an die einzelnen Partien erinnere sie sich eher an "Dinge, die drumherum passiert sind oder Menschen, mit denen ich diese Sachen erlebt habe." Dazu gehören beispielsweise die Trainer, die sie geprägt haben - von Alexander Wöhrn in Bremerhaven über Dominik Buttig und Robert Nijdam („sein individuelles Training hat mich sehr nach vorne gebracht“) bei Bremen, Maik Nowak und Andre Fuhr in der Jugend-Nationalmannschaft bis hin zu Thomas Zeitz bei der Sport-Union Neckarsulm, Ninas erster Erstliga-Station.
2022 verließ sie ihre Heimatregion, um sich weiterzuentwickeln - der nächste Schritt in einem durchdachten Karriereplan. "Ich mag meine Heimat, meine Familie ist da, aber ich wollte auf eigenen Beinen stehen", erklärt sie die Entscheidung. In Neckarsulm lebte sich die Linkshänderin schnell ein und spielte nicht nur im rechten Rückraum, sondern auch auf der Mittelposition.
Nach ihrer ersten Saison kam es zu einem Trainerwechsel und Thomas Zeitz übernahm: Ein wichtiger Impuls für die talentierte Linkshänderin, die trotz ihres jungen Alters bereits viel Verantwortung trug. "Bei ihm habe ich eine andere Nina kennengelernt", beschreibt sie. "Ich bin sehr ehrgeizig, ich will sehr viel. Thomas hat mich manchmal gebremst und mich heruntergeholt, wenn nicht alles geklappt hat und ich zu verbissen war. Er hat mit mir mental viel gearbeitet, das hat mich extrem weitergebracht."
"Dann wachsen auch die Ansprüche"
Ebenso wie in Neckarsulm lebte sich Nina auch nach ihrem Wechsel nach Bensheim schnell in dem neuen Verein ein. "Ich bin umgänglich und versuche, mich schnell anzupassen; daher hatte ich nie große Probleme in einem anderen Umfeld", sagt die 21-Jährige, der direkt die Verantwortung für die Mannschaftskasse zugeteilt wurde („Zahlen liegen mir, ich bin zufrieden mit dem Amt“).
Den sportlichen Eingliederungsprozess kennt sie bereits von ihren früheren Stationen: "Wenn du neu bist, musst du lernen, wie jeder Mitspieler tickt und die Laufwege verinnerlichen. Das dauert mehrere Monate, aber dann wird es auch Routine."
Bremen, Neckarsulm, Bensheim: Jede Station in ihrer Karriere war ein logischer Entwicklungsschritt. "Sportlich und mental wächst man immer weiter und dann wachsen auch die Ansprüche", beschreibt Nina. "Man wächst rein, dass man immer mehr will." Dass sie bislang so eine erfolgreiche Laufbahn hingelegt hat, ist für sie - neben dem Pluspunkt der linken Wurfhand - eine Mischung aus Talent und Arbeit: "Nur mit Talent kommt man nicht nach oben, ich bin schon sehr fleißig."
"Handball ist mein Alltag, mein Job"
Parallel zum Sport absolviert die 21-Jährige ein Fernstudium in Wirtschaftswissenschaften. "Es gibt ja ein Leben nach dem Handball", sagt sie. "Medizin und Jura hätte ich auch spannend gefunden, aber der Lernaufwand war mir neben dem Handball zu stressig." Bleibt neben Bundesligahandball, Nationalmannschaft und Studium noch Zeit, verbringt Nina Zeit mit ihrem Freund, trifft sich mit Freunden zu Spieleabenden oder fährt zum Abschalten in die Heimat.
Ihre Eltern begleiten die Karriere der Tochter weiterhin und sind gerade bei Auswärtsspielen oft in der Halle („die sind häufig dichter dran“). "Ich bin sehr dankbar, dass sie mich so unterstützen", betont Nina. "Das war von Anfang an so und das wird sich nie ändern."
Es ist der Linkshänderin zudem wichtig, am Boden zu bleiben. "Das Debüt in der Nationalmannschaft ist etwas, wovon ich lange geträumt habe, aber im Endeffekt fühlt es sich ganz normal an", lacht sie. "Man zockt einfach Handball mit anderen Mädels." Überfahren von ihrem steilen Aufstieg gerade im vergangenen Jahr fühlt sie sich nicht: "Handball ist mein Alltag, mein Job und es macht mir tierisch Spaß. Ich könnte jeden Tag ein Spiel haben."
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