Herr Beinhauer, in den letzten Wochen wurde heftig über die Übertragungssituation der WM diskutiert. Der DHB-Präsident sprach sogar von einer "Schande" im Hinblick auf ARD und ZDF. Haben Sie das als Übertragungspartner auch als persönlichen Angriff empfunden?Björn Beinhauer: Nein, persönlich angegriffen habe ich mich nicht gefühlt. Aber der Satz, wir würden "aus Cleverness Kapital schlagen", hat mich gestört. Dass eine WM im eigenen Land ins Free-TV gehört - darüber müssen wir gar nicht diskutieren, das sehen wir genauso. Aber man muss die Ausgangslage betrachten.Die ARD und das ZDF sind seit Jahren Bestandspartner des Handballs und werden es bleiben. Die EM-Rechte laufen dort bis 2030. Da finde ich die Wortwahl schwierig. Kritik ist legitim. Aber die Art, wie sie formuliert wurde, hat Partner getroffen, die den Frauenhandball seit Jahren sichtbar machen.
Stefan Kretzschmar sagte, er habe den Eindruck, Sie würden für Ihr Engagement eher "bestraft" als gelobt. Ist das tatsächlich Ihre Gefühlslage?
Björn Beinhauer: Er hat da einen wichtigen Punkt. Nicht weil jemand Kritik äußert, das ist völlig okay. Sondern weil man teilweise das Gefühl hatte, es ging nur noch um das, was nicht passiert. Wir produzieren jedes Spiel aus dem großen Studio, mit Moderation und Expertinnen. Das ist ein hoher Aufwand. Und ich habe mich oft gefragt: Warum sagt das eigentlich niemand?
Ich verstehe die Enttäuschung, dass die Vorrunde und Hauptrunde nicht im Free-TV liefen. Aber irgendwann muss man auch denjenigen unterstützen, der das seit Jahren macht. Das ist nicht passiert und das ärgert mich wirklich.
In vielen Kommentaren entsteht der Eindruck, die WM sei überhaupt erst ab dem Viertelfinale sichtbar gewesen. Wie erklären Sie sich dieses Narrativ?
Björn Beinhauer: Das ist ein deutsches Phänomen: "Ich zahle Rundfunkbeitrag, also muss das dort laufen." Alles andere wird sofort abgewertet. Die WM hätte auch frei empfangbar bei Eurosport laufen können und es wäre trotzdem - wenn auch ein kleinerer - Shitstorm aufgekommen.
Und ja, es wird viel über Paywalls geschimpft. Aber niemand spricht darüber, wie niedrig die Hürde eigentlich ist: Einmalig 15,99 Euro für alle Spiele, 6 Euro für ein Einzelspiel. Da frage ich mich schon: Wie ernst ist dann das Interesse wirklich, wenn dann gesagt wird, ich hätte das Spiel ja gerne gesehen, aber es lief nicht bei ARD/ZDF? Funktionieren auf deutschen Fernbedienungen nur die Tasten 1 und 2?
Was mich wirklich irritiert: Es wurde ständig über das gesprochen, was wir nicht bekommen - Free-TV in der Vorrunde. Aber kaum darüber, was da war: Alle 108 Spiele, live, mit großem Produktionsaufwand. Das wurde kommunikativ fast bewusst ausgelassen.
Hätten Sie sich vom DHB mehr Rückendeckung in der Kommunikation gewünscht?
Björn Beinhauer: Die Zusammenarbeit mit dem DHB ist insgesamt sehr gut, überhaupt keine Frage. Sie nehmen uns in allen Kommunikationskanälen mit. Das ist sehr kooperativ. Aber wenn öffentlich von einer "Schande" gesprochen wird, dann stelle ich mir schon die Frage: Welche Wirkung soll das auf die Bestandspartner haben?
Natürlich kann man enttäuscht sein. Ich fand es auch schade, dass die Vorrunde und Hauptrunde nicht im Free-TV liefen. Aber dann muss man fair bleiben. Wir machen das seit 2017, wir haben die Rechte für insgesamt neun Turniere gekauft. Lange bevor jemand wusste, dass die WM 2025 in Deutschland stattfinden würde.
In sozialen Medien war oft zu lesen, der Frauenhandball sei "hinter einer Paywall versteckt" worden. Was lösen solche Kommentare bei Ihnen aus?
Björn Beinhauer: Das stimmt einfach nicht. Die Europameisterschaften 2018, 2020, 2022 und 2024 liefen frei empfangbar. Wir hatten Kooperationen mit Eurosport, wir haben diese Turniere übertragen, ohne dass sie sich refinanziert haben. Da haben wir investiert und sind in Vorleistung gegangen.
Hat Sie deshalb die Formulierung, Sie wollten "aus Cleverness Kapital schlagen", besonders getroffen?
Björn Beinhauer: Ja, weil sie die Realität komplett verfehlt. Das 2018 war kein cleverer Move, das war ein Risiko. Wir haben langfristig auf die Entwicklung des Frauenhandballs gesetzt und daran geglaubt. Damals hat sich niemand dafür interessiert. Keine anderen Medien, keine Influencer, niemand. Wer das als "Cleverness" darstellt, hat nicht verstanden, was wir damals gemacht haben.
Glauben Sie, diese Debatte hat dem Frauenhandball am Ende geholfen oder geschadet?
Björn Beinhauer: Langfristig wird es keinen großen Effekt haben. Die Rechte für die nächsten Turniere sind vergeben, die Spiele finden im Free-TV statt, das ist gut und wichtig.
Kurzfristig war es aber schade, weil die Diskussion die sportlichen Leistungen teils überlagert hat. Wir hätten so viele positive Geschichten erzählen können, über das Team, über die Charaktere, über den Frauenhandball, die Stimmung. Stattdessen ging es um das Gejammer, dass nicht alles im Öffentlich-Rechtlichen läuft.
Wie fällt Ihr persönliches WM-Fazit aus, unabhängig von der Debatte?
Björn Beinhauer: Für uns ist diese WM ein riesiger Erfolg. Die Reichweiten sind bombastisch, sowohl auf der Plattform als auch außerhalb. Wir werden auch aus Rotterdam mit großem Studio berichten, obwohl parallel ARD und ZDF übertragen. Da legen wir eher nochmal ein Level drauf. Die Leute bleiben uns treu und schauen trotzdem bei uns.
Ändert die Diskussion denn etwas an Ihrer strategischen Ausrichtung im Handball?
Björn Beinhauer: Nein. Wir haben die Rechte an der Handball Bundesliga Frauen langfristig und werden das weiter ausbauen. Die großen Turniere sind langfristig vergeben. Das beeinflusst uns gerade nicht.
Zum Schluss: Sie schildern auch den Eindruck, die Debatte wiederhole sich. Wie meinen Sie das?
Björn Beinhauer: Wir hatten dieselbe Diskussion 2022 und 2024 bei den Europameisterschaften der Frauen und jetzt wieder. Selbst als die Turniere kostenlos liefen, hieß es aus dem DHB-Präsidium: "Das gehört ins Fernsehen." Ich frage mich: Wo sind denn die Stimmen aus diesen Kreisen, die anerkennen, was wir gemacht haben und machen? Ich habe sie nicht gehört.
Spannend finde ich übrigens, wie jetzt plötzlich alle auf den Erfolgszug aufspringen. Vor der WM einen Free-TV-Sender zu finden, der bereit gewesen wäre, die Spiele zu vernünftigen Anwurfzeiten zu zeigen und dafür eine im Vergleich zur Männer-WM fast lächerliche Lizenzsumme zu zahlen, war unmöglich.
Auf einer Erfolgswelle mitzuschwimmen ist eben immer leichter, als vorher an den Erfolg zu glauben.
Hinweis: Sporteurope.TV überträgt am heutigen Freitag sowohl das deutsche Halbfinale wie auch das zweite und die weiteren Partien am Sonntag im kostenpflichtigen Livestream. Weitere Informationen: Sporteurope.TV