Aus Rotterdam berichtet Felix Buß
"Ja, also zwangsmäßig natürlich", stellte Österreichs Handball-Sportchef Patrick Fölser zum WM-Abschluss noch einmal heraus, dass man sich dieses Turnier anders ausgemalt hatte. Durch die Verletzungen der Schlüsselspielerinnen Johanna Reichert und Katarina Pandza sowie der etatmäßigen Nachwuchskräfte Martina Maticevic, Lorena Baljak und Aurelie Egbaimo sah der Kader anders aus, als ursprünglich geplant.
"Ich finde, sie haben es gut gemacht. Sie sind als Mannschaft zusammengerückt", sprach Fölser denen, die an der WM teilnahmen und Österreich auf Rang 16 führten, allerdings ein Lob aus. "Es gab keine Jammereien wegen der Ausfälle, sondern jede hat versucht sich einzubringen - und alles auf dem Spielfeld zu lassen."
"Es hat uns ein bisschen die Kraft und Qualität am Ende gefehlt, wo wir einfach in vielen wichtigen Situationen ein paar Fehler einfach zu viel machen", kommentierte Fölser die 30:35-Niederlage im anschließenden Spiel gegen Polen - nach starkem Start und Halbzeit-Führung. "Aber es gibt eigentlich Hoffnung, dass wir gut weiterarbeiten."
"Erfahrung ist Gold wert"
"Das Tunesien-Spiel hat uns vielleicht noch so einen Knacks gegeben, weil da natürlich jeder gehofft hat, da können wir noch einmal punkten", meinte der 49-jährige ehemalige Bundesligaspieler. Danach stand das Team gegen Polen aber noch einmal auf und zeigte vor allem in der ersten Halbzeit nochmals eine starke Leistung.
Das gelang, obwohl mit Ana Pandza die mit 23/3 Treffern beste Torschützin, nach einer Blessur aus dem Spiel gegen Tunesien, nur in der Abwehr eingesetzt wurde. "Wir haben stabil in der Abwehr gestanden und vorne den Ball gut weitergespielt", freute sich Metzingens Klara Schlegel. "Wir haben die Lücken mit 100 Prozent angegriffen."
"Sie haben von Beginn an wieder alles reingehauen", freute sich Fölser. "Am Ende geht uns ein bisschen die Luft aus, aber die Erfahrung mitzunehmen, ist Gold wert. Und wenn wir die nutzen und umsetzen, dass wir es das nächste Mal besser machen, dann haben wir sehr viel gewonnen bei dieser WM." Es ist die Hoffnung auf Lerneffekte bei den Nachnominierten.
"Mehr erreicht, als wir dachten"
"Es war nicht nur Kraft, es waren auch einfach dumme Fehler", bilanzierte Schlegel, warum das letzte WM-Spiel mit einem Sieg für Polen endete. "Ich glaube, wir haben mehr erreicht, als wir dachten", endet die WM - eine Sicht, die Schlegel mit ihren Teamkolleginnen teilt - dennoch positiv. "Klar hätten wir dieses Spiel und das Spiel davor lieber gewonnen. Aber so ist Sport, man kriegt nichts geschenkt."
"Ich finde, dass wir alle mit Mut einfach an die Sache rangegangen sind. Und dadurch ergibt sich das", beschreibt die 24-Jährige, warum trotz der Ausfälle am Ende Rang 16 steht. "Jedes Feedback, egal von einer Spielerin oder vom Trainerstab" will Santina Sabatnig aus dem Turnier mitnehmen, die in der ersten Spielhälfte gegen Polen starke Assists machte.
Sabatnig spielt wie Schlegel bei der TuS Metzingen in der Bundesliga. "Zeigen, was ich mir jetzt mitnehmen konnte", steht für die 21-Jährige das von Sportchef Fölser geforderte Lernen ganz oben. "Ich glaube, wir nehmen viel mit: Wir brauchen Spielerinnen, die auf höchstem Niveau spielen und die auf dem Spielfeld sofort da sind", meinte Bundestrainerin Monique Tijsterman.
"Daran müssen wir weiter arbeiten"
"Zweitens denke ich, dass wir wirklich gute Abwehrmomente gehabt haben. Daran müssen wir weiter arbeiten", zählte Tijsterman auf. "Wir müssen weiter arbeiten, dass wir Gegenstoß laufen, aber auch zurückverteidigen. Das sind die 'easy goals'", sagte die 55-jährige Niederländerin in ihrer Mischung aus Deutsch und Englisch.
Einige erfahrenere Spielerinnen schulterten bei Österreich indes das Gros der Spielzeit. "Die werden jetzt erst einmal die Eiswanne übernachten", schmunzelte Fölser am Montag. "Bei uns hat leider diese Rotation fehlt, dass wir nicht so viel durchwechseln konnten", meinte Kapitänin Ines Ivancok-Soltic. Gegen Polen sei dieser Unterschied deutlich geworden. "Sie sind dann noch einmal in der zweiten Halbzeit Vollgas gekommen."
"Ich denke, dass wir trotzdem ein super Turnier gespielt haben, auch mit den ganzen Ausfällen", hob die Kapitänin, trotz dieser negativen Erfahrungen, hervor. "Wir haben das super gelöst, wir sind noch einmal als Mannschaft zusammengewachsen, haben uns dann wirklich noch gefunden und wirklich in jedem Spiel alles gegeben, was wir hatten."
Ziel für EM-Qualifikation
Vor der restlichen EM-Qualifikation im März und April ist Team Austria daher nicht bange - nicht nur wegen der Leichtgewichte Israel und Griechenland in der Gruppe. "Dann wollen wir in der Sport Arena Wien angreifen und schauen, ob wir gegen Spanien zwei Punkte holen können", schickt ÖHB-Sportchef Fölser eine Zielstellung voraus.
"Wir wissen, woran wir noch arbeiten müssen. Wir sind eine junge Mannschaft. Ich denke, dass wir das immer besser und besser hinkriegen werden", hofft Kapitänin Ivancok-Soltic. "Ich glaube, wenn die Verletzten zurückkommen, sind wir nochmal stärker", denkt Sabatnig. "Und dann sieht man hoffentlich, dass Österreich irgendwann ganz vorne mitspielen kann."
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