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McEnroe über Zverev: "Als würde man einem alten Hund neue Tricks beibringen"

kicker

Sieben Grand-Slam-Titel gewann er in seiner aktiven Karriere, bis heute gilt er als einer der populärsten Spieler der Tennis-Geschichte. Bei den anstehenden Australian Open ist John McEnroe (66) wieder als TV-Experte tätig. In einer von Warner Bros. organisierten internationalen Medienrunde, an der auch der kicker teilnahm, nahm McEnroe Stellung zum Duell Jannik Sinner gegen Carlos Alcaraz, benannte das große Problem von Alexander Zverev - und erklärte, warum er wenig vom Battle of Sexes hält.

Herr McEnroe, welche Fragen hassen Sie auf solchen Pressekonferenzen eigentlich am meisten?

Am meisten hasse ich diese Frage: Was würden Sie gerne gefragt werden, was noch niemals jemand Sie gefragt hat? Das ist doch Ihre Aufgabe. Ich muss mir doch keine Fragen selbst ausdenken. Im Allgemeinen bin ich im Alter aber geduldiger geworden. Nach sechs Kindern kann ich Pressekonferenzen wahrscheinlich etwas besser bewältigen als früher.

Zu ihrer aktiven Zeit prägten sie einige der legendärsten Rivalitäten im Sport. Aktuell beginnt eine neue - Jannik Sinner gegen Carlos Alcaraz. Beide kommen abseits des Platzes bestens miteinander aus. Ist es möglich, so gut miteinander befreundet zu sein und sich auf dem Platz zu bekämpfen?

Na ja, wenn ich meine drei größten Konkurrenten durchgehe: Ivan Lendl und ich haben uns immer respektiert, aber ich kann nicht sagen, dass wir gute Freunde waren. Dann Jimmy Connors? Nein. (lacht) Aber Björn Borg war vielleicht mein größter Rivale und wir haben uns immer gut verstanden. Also lautet die Antwort: Ja, das kann passieren. Normalerweise mögen Fans ein wenig Reibung, aber das muss nicht sein.

Am Sonntag beginnen die Australian Open. Bei den Männern geht es vermutlich wieder darum, Sinner und Alcaraz zu schlagen. Wem könnte das gelingen?

Die beiden Spieler haben das Spiel in den vergangenen Jahren dominiert. Wenn sich jemand zu ihnen und Novak Djokovic aufschwingen könnte, dann wäre es Lorenzo Musetti. Er hatte ein bisschen Pech mit Verletzungen, aber abgesehen davon ist er mental und physisch immer näher an die Top-Spieler herangekommen. Trotzdem ist es immer noch ein großer Schritt bis ganz nach oben. Es ist wie mit Andy Murray, der immer an Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic vorbeimusste. Das ist eine große Herausforderung. Ich denke, es gibt drei oder vier Spieler, die gewinnen können, wenn es nicht Alcaraz, Sinner oder Djokovic sind. Musetti ist da in der besten Position.

Wer sind die anderen?

Ich dachte auch an Jack Draper, der jetzt aber verletzt ist, er ist irgendwie aus dem Rennen. Bei Alexander Zverev wissen wir nicht, ob er noch das Niveau hat. Taylor Fritz hat ein paar Probleme. Ich denke, neben Musetti dürfte es am ehesten Ben Shelton sein. Ich glaube nicht, dass es viele Spieler gibt, die gegen ihn antreten wollen.

Hat Djokovic die Chance, bei seinem Lieblings-Grand-Slam einen der beiden Emporkömmlinge zu entthronen?

Er hat Carlos vergangenes Jahr geschlagen. Da hat er den Hasen aus dem Hut gezaubert. Er hat eine unglaubliche Bilanz bei den Australian Open, fast so gut wie die von Nadal bei den French Open. Bis er den Schläger an den Nagel hängt, ist es schwer zu glauben, dass er nicht auch gewinnen kann. Wenn Sinner und Alcaraz in Form sind, werden sie noch lange Zeit die Finals untereinander austragen. Aber jeder hat mal einen schlechten Tag.

Viele Gelegenheiten bieten sich Djokovic nicht mehr für den 25. Grand-Slam-Titel.

Ich glaube nicht, dass er an den Australian Open teilnehmen würde, wenn er nicht glauben würde, dass er sie gewinnen kann. Er hat noch immer die Möglichkeit, bei allen vier Grand Slams im Halbfinale oder im Finale zu stehen. Es ist aber schwierig für ihn, weil er weiß, dass seine Chancen gegen Sinner und Alcaraz in einem Best-of-three-Match besser sind als in einem Best-of-five-Match. Er ist jetzt 38, wird im Mai 39. Ich vermute, dass er langsam an dem Punkt ist, an dem er aufhört. Er ist so ans Gewinnen gewöhnt, dass es schwierig ist, wenn man nicht mehr gewinnt, - und er hat seit längerem kein Major mehr gewonnen. Das ist aber nur eine Vermutung.

Djokovic trat zuletzt aus der von ihm selbst gegründeten Spielergewerkschaft PTPA aus. Wie sehen Sie diesen Schritt?

Eines der Probleme im Tennis ist, dass es zu fragmentiert ist. Die PTPA war von Anfang an fragmentiert, weil es eben diese Organisation namens ATP gibt. Das ist seit 45 Jahren ein Dauerproblem. Als ich 20 Jahre alt war, wollten wir auch schon bessere Verträge mit den Majors bekommen. Ich weiß gar nicht mehr genau, welche anderen Spieler überhaupt noch in der PTPA sind, wenn Novak nicht mehr da ist. Es unterstreicht für mich, dass die Spieler nicht so in der Position sind, wie sie es gerne haben würden. Sie sind zu zersplittert.

Zurück zu Zverev: Was braucht er, um die Chance auf seinen ersten Grand-Slam-Sieg aufrechtzuerhalten?

Es sieht zumindest so aus, als hätte er erkannt, was er tun muss. Er muss aggressiver sein, Risiken eingehen, nicht so defensiv spielen. Er hat es auf Platz zwei der Welt geschafft, in dem er nicht proaktiv, sondern reaktiv gespielt hat. Indem er auf Konter gespielt hat, anstatt selbst anzugreifen. Das ist seine Mentalität, die zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere schwer zu ändern ist. Ob er dazu in der Lage ist, muss sich zeigen, wenn es hart auf hart kommt.

In Australien muss Zverev vermutlich viele Punkte holen, um in der Weltrangliste dort zu bleiben, wo er ist.

Das ist ein Test für ihn. Er muss bereit sein zu kämpfen. Er war immer extrem fit und hat die Probleme mit seinem Aufschlag in den Griff bekommen. Bei seinem Talent kann er es schaffen. Es ist nicht unmöglich. Aber es ist auch nicht einfach, sich mental umzustellen. Das ist, als würde man einem alten Hund neue Tricks beibringen.

Wenn Sie einen jungen Spieler auswählen könnten, um gemeinsam die nächste Tennisrevolution zu gestalten, wen würden Sie wählen und wie würde diese Revolution aussehen?

Wenn ich einen derzeit aktiven Spieler wählen müsste, dann wäre das Carlos Alcaraz. Er repräsentiert das, was wir meiner Meinung nach auch als Kinder und Erwachsene haben sollten: die Freude, die er in das Spiel bringt, seine Einstellung - und sein Lächeln, seine größte Stärke. Er ist ein tolles Vorbild für junge Spieler. Du brauchst aber auch Rivalen wie Sinner. Wir hatten großes Glück, dass diese beiden Spieler zu der Zeit aufgetaucht sind, zu der wir Federer und Nadal verloren haben und zu der sich die Karriere von Djokovic dem Ende entgegen neigt.

Alcaraz trennte sich zuletzt von seinem Trainer Juan Carlos Ferrero. Waren Sie auch so überrascht davon?

Ich denke, er ist reif genug, damit umzugehen. Er hat eine großartige mentale Verfassung. Aber ich bin ein bisschen abergläubisch und ich glaube nicht daran, eine Erfolgsformel zu ändern. Und Alcaraz mit Ferrero - das war eine Erfolgsformel. Ich war also definitiv überrascht, kenne die Details aber nicht. Juan Carlos hat mehrere Kinder und viel Zeit weg von seiner Familie verbracht. Vielleicht wollte er das nicht mehr.

Wie ist die Stimmung in den USA vor den Australian Open?

Aktuell reden in den USA alle über American Football und Basketball, man hört nichts über die Australian Open. Wir brauchen hier jemanden wie Ben Shelton, damit Tennis hier wieder eine Chance hat. Natürlich muss es nicht unbedingt Shelton sein, aber er hat diese Ausstrahlung - und die brauchen wir, um die Fans wieder mehr zu begeistern.

Zuletzt schrieb das Battle of Sexes zwischen Nick Kyrgios und Aryna Sabalenka Schlagzeilen. Auch um eine Teilnahme von Ihnen gab es mal Gerüchte.

Mein Name wurde immer mal wieder genannt für so ein Spiel, ich hätte gegen Serena oder Venus Williams spielen sollen. Das Battle of Sexes, das sind für mich ein oder zwei Spiele, die vor über 50 Jahren gespielt wurden und als Billie Jean King dann gewann, hat das mehr für das Damentennis getan als alles davor. Dadurch konnten Frauen ein faires Preisgeld bekommen. In den vergangenen 30 oder 40 Jahren ist dieses Battle of Sexes aber zu einer Art Gimmick geworden.

Sie sind also kein Freund dieser Veranstaltung?

Wenn das Tennis an dem Punkt ist, dass wir solche Spiele veranstalten müssen, dann sollten wir mehr Marketing für unseren Sport betreiben - und zwar auf andere Weise. Ich bin nicht gegen Dinge, die gut für den Tennissport sind. Aber ich weiß nicht, ob das der Weg ist, den wir einschlagen sollten. Ich verstehe auch nicht, warum Kyrgios und Sabalenka nur einen Aufschlag hatten. Wenn man es wirklich ausgeglichen haben will, warum hatte Sabalenka dann nicht zwei Aufschläge? Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll, und habe entschieden, mich davon fernzuhalten.

„Ja, und ich würde gerne zurückkommen und die French Open gewinnen.“ (John McEnroe witzelt über eine Rückkehr)

Ihre Auseinandersetzungen mit Schiedsrichtern sind legendär. Heutzutage würde sie es mit dem Hawk Eye wahrscheinlich gar nicht geben. Steckt zu viel Technologie im Tennis - oder zu wenig?

Nichts ist perfekt, auch nicht die elektronischen Systeme. Wenn du ein System hättest, in dem jede Entscheidung absolut richtig wäre, wäre das gut, dann hätte ich auch noch mehr Haare auf dem Kopf (lacht). Ich denke, dass die Leute die menschliche Komponente im Sport mögen, wenn man mit dem Schiedsrichter interagiert. Im Einzelsport braucht man Persönlichkeit. Man muss aber natürlich nicht unbedingt den Schiedsrichter anschreien.

Der Präsident des italienischen Tennisverbands hat zuletzt ins Spiel gebracht, das ATP-Turnier in Rom zum fünften Grand Slam zu machen.

Das erinnert mich daran, als ich meine Mutter als Kind mal gefragt habe, ob ich bis 3 Uhr nachts ausgehen darf, und sie sagte: 'Nur über meine Leiche.' Ich denke, die Chancen dafür stehen nicht besonders gut. Erst gab es Gerüchte, dass China die Australian Open übernehmen will, dann sollte Indian Wells das nächste Grand Slam werden und jetzt will es Rom werden. Ja, und ich würde gerne zurückkommen und die French Open gewinnen (lacht). Das wird nicht passieren. Ich bin mir auch sicher, dass sie in Saudi-Arabien ein Grand-Slam-Turnier wollen, sie werden dafür Gott weiß wie viel Geld bezahlen. Aber es ist höchst unwahrscheinlich.