Zwischen explodierenden NIL-Zahlungen, einem Transferportal ohne echte Leitplanken und wachsenden Machtgefällen zwischen großen und kleinen Programmen sieht vor allem Jakob Johnson grundlegende strukturelle Probleme.
Notre Dame wird dabei zum Symbol einer Sonderrolle, die für Johnson sinnbildlich zeigt, wie sehr sich das College-System von seinen ursprünglichen Prinzipien entfernt hat.
Vom Entwicklungssystem zum Marktplatz
Was als überfällige Reform für College-Athleten begann, droht nach Ansicht von Jakob Johnson zu einem unkontrollierten Markt zu werden. NIL-Deals, Transferportal und rechtliche Grauzonen hätten den College Football in kürzester Zeit grundlegend verändert. Geld sei zum dominierenden Faktor geworden - nicht nur im Recruiting, sondern auch im sportlichen Wettbewerb.
Johnson beschreibt ein System, in dem finanzstarke Programme ihren Vorteil konsequent ausspielen, während kleinere Schulen zunehmend ins Hintertreffen geraten. Entwicklung über mehrere Jahre, Identifikation mit einem Programm und Kontinuität würden immer seltener. Stattdessen dominiere kurzfristiges Denken: Wer sich sportlich entwickelt, wechselt - oft dorthin, wo das meiste Geld wartet.
"Stepping Stones" statt Programme
Ein Beispiel aus dem Podcast verdeutlicht die Schieflage besonders drastisch. Der Head Coach von Nevada Jeff Choate habe seinen Recruits offen gesagt: "Weißt du, was passiert, wenn du nach Nevada kommst? Wenn du dich richtig entwickelst, gehst du danach für 1,4 Millionen Dollar nach Oregon." Für Johnson ist das sinnbildlich für die neue Realität.
Kleinere Programme würden faktisch zu Durchgangsstationen degradiert, zu modernen Junior Colleges. Sie investieren in Ausbildung und Entwicklung, verlieren ihre besten Spieler jedoch sofort an reichere Schulen. Nachhaltiger Teambuilding-Ansatz? Kaum noch möglich.
Das Transferportal beschleunigt diesen Effekt zusätzlich. Loyalität werde zur Ausnahme, Stabilität zum Luxus. Johnson sieht darin einen klaren Bruch mit dem, was College Football lange ausgezeichnet hat.
Texas Tech und die Macht des Geldes
Dass Erfolg im neuen System auch "gekauft" werden kann, zeigt für Johnson Texas Tech. Das Programm habe früh erkannt, dass die NIL-Ära zunächst ohne klare Regeln starten würde und diese Phase strategisch genutzt.
Großspender schlossen sich zusammen, stellten erhebliche Summen bereit und arbeiteten eng mit Coaches und Scouts zusammen. Spielerbewertungen, Angebote, Timing - alles sei vorbereitet gewesen. Das Resultat: sportlicher Aufstieg durch gezielte Investitionen. Johnson formuliert es nüchtern: "Du kannst ja auch ein Team zusammen kaufen. Das kann auch funktionieren."
Das Problem: Nicht jede Schule hat Millionäre im Hintergrund. Die Kluft zwischen reichen und armen Programmen werde dadurch weiter vergrößert.
Klagen, Verträge und die Frage nach Regulierung
Besonders alarmierend ist für Johnson die rechtliche Entwicklung. Der Fall Georgia, das einen Spieler verklagt, um NIL-Gelder zurückzufordern, markiert für ihn eine neue Stufe der Eskalation. Verträge, Gegenleistungen, juristische Auseinandersetzungen - College Football bewege sich immer weiter in Richtung Profisport, ohne dessen Schutzmechanismen zu besitzen.
Für Johnson ist klar: Ohne verbindliche Regeln steuert das System auf einen Kollaps zu. Begriffe wie Salary Cap oder zentrale Regulierung seien keine radikalen Ideen mehr, sondern logische nächste Schritte. "College Football wird einfach eine neue Struktur brauchen", sagt er - nicht irgendwann, sondern zeitnah.
Notre Dame als Symbol des Sonderstatus
In diesem ohnehin fragilen System stößt Notre Dame bei Johnson auf besondere Kritik. Der Verzicht der Fighting Irish auf ein Bowl Game nach dem verpassten Playoff-Einzug sei für ihn sinnbildlich für eine Haltung, die dem College Football schade. "Ich finde Notre Dame den größten Quatsch seit langem", sagte Johnson deutlich und kritisierte damit eine Sonderrolle, die seiner Ansicht nach weder der Tradition des Sports noch der aktuellen Lage gerecht werde.
Sein Hauptvorwurf: Notre Dame gehört keiner Conference an und unterliege als Independent nicht denselben Regeln wie andere Programme, profitiere aber weiterhin von den gleichen Privilegien. Eigene TV-Verträge, freie Schedule-Gestaltung und dennoch der Anspruch, im Playoff-Rennen gleichgestellt zu sein. "Wenn die Regeln für alle gelten, aber nicht für dich, dann stimmt etwas nicht", lautet der Kern seiner Kritik.
Besonders hart urteilt Johnson über die Signalwirkung des Bowl-Verzichts. Bowl Games seien für viele Spieler das emotionale und materielle Highlight einer Saison - oft der einzige Moment echter Anerkennung. Als Institution darauf zu verzichten, wertet er als Entwertung des gesamten Systems.
Verständnis für Spieler - Kritik an Strukturen
Dabei differenziert Johnson klar. Er zeigt Verständnis für individuelle Entscheidungen von Spielern, etwa mit Blick auf den NFL Draft oder gesundheitliche Risiken. Die Kritik richtet sich nicht gegen Athleten, sondern gegen Institutionen und Strukturen.
Sein Fazit ist eindeutig: College Football befindet sich an einem Scheideweg. NIL hat neue Chancen eröffnet, gleichzeitig aber ein Ungleichgewicht geschaffen, das kleinere Programme systematisch abhängt. Sonderwege wie der von Notre Dame verschärfen diese Spannungen zusätzlich.
Was fehlt, ist ein gemeinsamer Rahmen - sportlich wie wirtschaftlich. Ohne Reformen, so Johnson, droht dem College Football der Verlust seiner Vielfalt, seiner Glaubwürdigkeit und letztlich seiner Identität.
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