Die NFL will längst nicht mehr nur Spiele nach Europa bringen, sie baut vor Ort einen echten Talentpfad auf. Die NFL Academy in Großbritannien entwickelt seit einigen Jahren europäische Nachwuchsspieler auf einem Niveau, das früher unvorstellbar war. Über 40 Absolventen der Academy spielen bereits College Football in den USA, mehr als die Hälfte davon an Division-I-Programmen - Tendenz deutlich steigend. Jetzt kommen mit Moritz Strempel, Bruno Werner und Luca Wolf drei weitere deutschsprachige Gesichter hinzu, die aus Köln, Chemnitz und Wien in die große Football-Welt aufbrechen. Jeder von ihnen bringt eine ganz besondere Art mit, die im Interview mit den Nachwuchstalenten mehr als deutlich wurde.
Ein Programm als Sprungbrett
Die Zahlen sind beeindruckend. Mit Blick auf das akademische Jahr 2026/27 wird die NFL Academy mehr als 50 Spieler an US-Colleges gebracht haben, über 30 davon an Division-I-Programme.
Darunter werden dieses Jahr auch deutschsprachige Talente sein. Den Anfang macht Bruno Werner, Offensive Lineman auf der Position des Right Tackles. Der Chemnitzer geht an das Boston College in der traditionsreichen Atlantic Coast Conference. Ihm folgt Moritz Strempel, Outside Linebacker aus Köln, der sich für die University of Massachusetts, kurz UMass, entschieden hat. Und auch Luca Wolf, Tight End aus Österreich, verstärkt künftig ein College in den USA. Ihn zieht es zur University of Tennessee, die einen der größten und besten College-Football-Standorte des gesamten Landes stellt.
Bruno Werner - Der Tackle, bei dem es "scheppert"
Bruno Werner wirkt am Bildschirm genauso ruhig wie fokussiert. Der 2,05-Meter-Mann aus Chemnitz ist die Sorte Offensive Lineman, die Coaches lieben: beweglich, groß, intelligent und mit einer Liebe zum Spiel.
"Ich bin immer noch committed und plane, das am National Signing Day zu zeigen", sagte er Ende November im Interview. Am 3. Dezember unterschrieb Werner offiziell beim Boston College. Danach folgen die letzten Schulprüfungen in England, ein Sommer blockweise in Deutschland zur weiteren Vorbereitung - und schließlich das große Ziel. "Ich schreibe meine letzten Prüfungen im Juni hier bei der Academy, gehe danach nach Deutschland, wo ich weiter trainieren kann und mich auf das College vorbereite. Dann gehe ich zum Fall Camp nach Boston."
Sportlich bringt Werner genau das Profil mit, das moderne Colleges suchen. Bisher spielte er hauptsächlich als Right Tackle, kann jedoch beide Seiten abdecken und versteht seine Position als Allrounder. "Es ist natürlich immer besser, wenn man mehrere Positionen spielen kann, weil man dadurch flexibler ist. Und als Tackle im College musst du beide Seiten spielen können", erklärt er.
Warum am Ende Boston College? Werner muss nicht lange überlegen. "Ich habe mich einfach zu Hause gefühlt. Es ist ein wunderschönes College, akademisch sehr gut und mit den Coaches hatte ich ein sehr gutes Verhältnis und gute Gespräche." Damit tritt der O-Liner in die Fußstapfen eines ehemaligen deutschen NFL-Spielers, der ebenfalls eine Ausbildung am Boston College genoss: Kasim Edebali.
Sportlich lieferte Werner in seiner letzten Saison ein Bewerbungsschreiben in Echtzeit. Die NFL Academy trat gegen mehrere Top-Teams an, darunter einige der besten High-School-Programme der USA. "Für mich persönlich lief die Saison ziemlich gut", sagt er. "Ich habe immer gute Noten von unserem Coach bekommen. Und als Team fand ich, dass wir trotz drei Niederlagen ein sehr gutes Team waren."
Gleich im ersten Spiel gelang ein Sieg gegen die Hun School of Princeton, eine der besten Prep Schools des Landes. Werner stand dabei direkt einem Five-Star-Recruit gegenüber, der künftig für die University of Southern California (USC) spielen wird. "Er war verdammt stark. Das war der beste Defensive End, gegen den ich je spielen musste", erzählt Werner. Es folgten Spiele gegen St. Thomas Aquinas, das nur knapp mit drei Punkten verloren ging, sowie gegen die IMG Academy, ein Team voll mit Vier- und Fünf-Sterne-Recruits. "Es hat mir viel Spaß gemacht. Ich konnte mich messen."
Die Saison war gespickt mit Gegnern aus amerikanischen Top-Schulen, was den Talenten der Academy nicht nur wertvolle Erfahrung, sondern auch wichtiges Videomaterial für den Recruiting-Prozess brachte. "Und ich denke, es hat auch den Boston-Coaches gezeigt, dass es eine gute Entscheidung mit mir war", sagt Werner.
Physisch arbeitet er weiter an der Idealform für einen College-Tackle. "Jetzt wiege ich etwa 285 Pfund (129kg), das Ziel am College sind 315 bis 320 Pfund (145kg)", sagt er. Entscheidend ist für ihn, dass die Athletik erhalten bleibt. "Ich muss schauen, dass ich, wenn ich zunehme, meine Schnelligkeit behalte und nicht langsamer werde."
Das Thema Name, Image and Likeness (NIL) hat den College-Sport in den USA in den vergangenen Jahren revolutioniert. Die neuen Verdienstmöglichkeiten sieht Werner jedoch pragmatisch. "Ich war einfach dankbar, dass ich das Scholarship bekommen habe", sagt er. "Für mich ist NIL die Kirsche auf der Torte. Ich habe nicht geschaut, wo ich am meisten Geld rausbekomme. Klar ist es ein Thema, aber für mich kein großes."
Und dann ist da noch die Liebe zum Spiel selbst, die sich zeigt, wenn er über seinen Lieblingsspielzug spricht. "Bei der Academy nennen wir das Wrap, wenn der Tackle pullt", erklärt er. "Ich liebe pullen. Für Linebacker zu pullen macht mir richtig viel Spaß." Werner bevorzugt den physischen Teil des Spiels. "Ich mag Run mehr als Pass. Inside Zone, Outside Zone, das sind meine Lieblingsspielzüge."
Luca Wolf - Vom Basketball-Nationalspieler zum SEC-Tight-End
Wenn man Luca Wolfs Geschichte auf einen Satz herunterbrechen müsste, dann vielleicht so: Einer, der in einem Sport groß wurde, um in einem anderen aufzublühen. Der 1,95-Meter-Mann aus Österreich war zunächst Basketballer, spielte sogar für das Nationalteam, bevor sein Weg eine völlig neue Richtung nahm.
"Als ich ganz jung war, habe ich Fußball gespielt", erzählt Wolf. "Dann, weil ich groß war, haben alle gesagt, ich sollte mal Basketball probieren." Mit 16 zog er in die USA und setzte seine Basketballkarriere an einer sehr guten High School in Maryland fort. Sportlich war das Niveau hoch, organisatorisch lief jedoch vieles schief. Versprechen des Head Coaches wurden nicht eingehalten, zugesagte finanzielle Unterstützung blieb aus.
"Er hat sich auf andere Spieler fokussiert, weil sie mehr Talent hatten als ich", sagt Wolf. "Aber ich würde von mir behaupten, dass ich immer hart gearbeitet habe." Als die finanzielle Unterstützung ausblieb, kehrte er im Januar nach Österreich zurück - und stellte fest, dass seine Leidenschaft für Basketball stark gelitten hatte.
Football hingegen blieb präsent. Der Football-Coach derselben Schule hatte seine Physis, Aggressivität und Rebound-Stärke gesehen und ihm Potenzial im American Football attestiert. In Europa wurde schließlich ein Freund zum Türöffner.
"Ich habe auf Instagram gesehen, dass er ein Offer bekommen hat, und ihm geschrieben, ob es sich noch lohnen würde, jetzt noch zu Football zu wechseln", erzählt Wolf. Eigentlich wollte er nur wissen, ob er bei seinem Heimatverein Vienna Vikings anfangen sollte. Stattdessen landete sein Basketball-Film direkt bei Academy-Headcoach Steve Hagen. "Die wollten einfach sehen, ob ich wirklich das athletische Profil mitbringe", sagt Wolf. "Beim Combine in Düsseldorf haben sie gesehen, dass ich groß bin und nicht über Größe oder Gewicht gelogen habe. Dann hieß es: Du bist drin."
Im Sommer 2024 kam Wolf zur NFL Academy, wurde auf Tight End gesetzt und begann, ein völlig neues Spiel zu lernen. Route Running und Fangen fielen ihm leicht. "Das war wahrscheinlich einfach Talent", sagt er. "Körperkoordination durch Basketball und Fußball, das war kein Problem." Die größte Baustelle war das Blocken. "Der Wille war da, aber die Technik nicht. Dazu kam, dass ich einen Basketballkörper und keinen Footballkörper hatte."
Also legte er schnell an Gewicht zu. "Ich habe 15 bis 20 Kilo in vier Monaten zugenommen", sagt er lachend. Inzwischen sieht er das Blocken als Stärke. "Es gibt immer Raum, sich zu verbessern, aber ich würde sagen, das ist mittlerweile ein guter Teil meines Spiels."
Der Lohn waren gleich mehrere Angebote von Colleges und schließlich eine Entscheidung, die in Europa für Aufsehen sorgt. "Ich habe mich für die University of Tennessee entschieden", sagt Wolf. "Die spielen in der SEC. Die Ressourcen, die Kultur, die Spieler, gegen die sie spielen, das ist etwas ganz anderes. Die Besten der Besten."
Tennessee spielt seit Jahren eine stilistisch besondere und spektakuläre Offense. Für Wolf fühlte sich das aber vertraut an. "Das ist sehr ähnlich zu der Offense, die wir hier spielen", erklärt er. "Viele Plays, die sie mir gezeigt haben, hatten wir auch im Playbook. Sie waren nicht überrascht, dass ich wusste, was sie spielen und warum."
Sein Selbstverständnis als Tight End ist klar. "Coach Hagen sagt uns immer, wir sollen blocken wie ein Beast und laufen wie ein Receiver", sagt Wolf. "Wir sind keine großen Receiver oder Extra-O-Liner, wir sind echte Hybrids, 50/50. Das macht einen Tight End aus."
Seine Ziele formuliert er bewusst klar. "Es ist klischeehaft, aber ich muss mich in allem verbessern, denn ich werde in der SEC gegen Spieler spielen, die NFL-ready sind." Deshalb verfolgt er einen kompromisslosen Ansatz: "Ich will die beste Version von mir sein. Ich will nicht nur den Ruhm, bei Tennessee zu sein. Ich will entwickelt werden. Ich will Leute herumschieben, Touchdowns machen, ein Swiss Army Knife sein, das man überall einsetzen kann."
Dass Österreich mit Sandro Platzgummer und Bernhard Raimann bereits zwei NFL-Spieler hervorgebracht hat, motiviert ihn, ohne ihn zu definieren. "Ich bewundere die beiden sehr", sagt Wolf. "Aber ich will meinen eigenen Weg gehen." Entscheidend ist für ihn, was er repräsentiert. "Mein großes Ziel ist, Österreich auf der größten Bühne zu repräsentieren. Nicht nur auf dem Feld, sondern auch daneben. Ich will meinen Namen groß machen, Luca Wolf."
Moritz Strempel - Aus Köln zur University of Massachusetts
Wenn Moritz Strempel über seinen Weg spricht, klingt vieles fast beiläufig. Dabei ist sein Sprung von Köln nach England und nun weiter an ein Division-I-College alles andere als selbstverständlich. "Ich spiele seit vier Jahren Football. Angefangen habe ich damals bei den Cologne Falcons, weil ich eigentlich ein Austauschjahr in Amerika machen wollte und dort schon eine Vorerfahrung haben wollte."
Aus dem Austauschjahr wurde nichts, aus der Football-Leidenschaft dafür umso mehr. Strempel wechselte zu den Cologne Crocodiles, wurde älter, ehrgeiziger und merkte, wie sich etwas verschoben hatte. "Ich habe dann zwei Jahre bei den Crocodiles gespielt und irgendwann gemerkt, ich bin ein bisschen besser als das Niveau hier in Deutschland", erzählt er.
Der entscheidende Tipp kam von einem Freund. Max Bartholomew, selbst Produkt der deutschen Football-Szene und Absolvent der NFL Academy, spielte dabei eine zentrale Rolle. "Max ist zu Besuch gekommen und meinte, ich soll es auf jeden Fall probieren", sagt Strempel. "Er hat dann für mich den Kontakt zum Coach hergestellt. Ich wurde zu einem Tryout in Düsseldorf eingeladen, habe performt und dann ging alles sehr schnell. Zwei Monate später bin ich hier gelandet."
In England absolviert Strempel seine A-Levels, das britische Pendant zum Abitur. Die schulische Struktur begrenzte ihn auf zwei Jahre im Programm, dafür verlief der sportliche Aufstieg rasant - vom Tryout bis zur festen Rolle in der Defense.
Auf seiner ersten College-Tour im Sommer kamen die ersten Angebote. "Das war mein erstes Mal mit richtigem Kontakt zu Colleges", erzählt er. "Ich habe dann meine ersten zwei Offers von FCS-Schulen bekommen." Früh formulierte Strempel jedoch das Ziel, noch höher angreifen zu wollen. Nun folgt mit seinem Schritt zur University of Massachusetts der Sprung in den FBS-Bereich.
Mehr als nur Einzelfälle
Die Geschichten von Strempel, Werner und Wolf stehen für eine Entwicklung, die gerade erst beginnt. Die NFL Academy aus Loughborough hat in diesem Jahr nicht nur gegen zahlreiche Top-Programme aus den USA gespielt, sondern verfolgt konsequent ihre Mission, die beste Ausbildungsstätte für internationale Nachwuchstalente im American Football außerhalb der USA zu sein. Parallel wächst das Programm auch in Australien, wo mit Nikau Hepi bereits der erste Spieler ein Stipendium von Florida State erhalten hat.
Für Talente aus Deutschland und Österreich bedeutet das: Der Weg von der heimischen Vereinsliga oder vom Basketballparkett auf die große College-Bühne führt nicht mehr nur über Zufälle und Einzelkontakte, sondern über ein strukturiertes Programm, das gezielt auf die Anforderungen des US-College-Footballs vorbereitet. Der Rest ist harte Arbeit - und der Mut, eine Chance zu ergreifen, wenn sie sich bietet.
Moritz Strempel, Bruno Werner und Luca Wolf haben genau das getan. Der nächste Snap, der nächste Hit, der nächste Touchdown wird nicht mehr in Köln, Chemnitz oder Wien passieren, sondern in Massachusetts, Boston und Knoxville. Doch der Ursprung ihrer Geschichten bleibt unverkennbar europäisch - und für viele Nachwuchsspieler hierzulande ein Zeichen dafür, dass der Traum vom College Football greifbarer ist als je zuvor.
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