Dabei geht es weniger um Auszeichnungen - sondern um den Umgang mit Erwartungen und darum, wie er den nächsten Schritt gehen will. Auch wie diese aussehen sollen, erklärt der 24-Jährige, der mit Deutschland bereits Welt- und Europameister ist.
Herr Wagner, wenn man das in Deutschland von außen betrachtet, denkt man: Franz Wagner - gut in der Schule, gut im Umgang mit Medien, Musterprofi. Würden Sie sagen, Sie waren schon sehr früh sehr professionell?
Ich bin jemand, der Regeln befolgt. Das ist meine Persönlichkeit. Ich bin auch jemand, der alles perfekt machen möchte. Ich hatte gute Trainer um mich herum und habe denen zugehört und immer probiert, das zu machen, was sie mir gesagt haben. Irgendwann habe ich alles über Basketball konsumiert. Ich habe mir Dokus von irgendwelchen NBA-Spielen und -Spielern angeguckt. Solche Sachen sind prägend, wenn man hört, wie ernst die das nehmen - Ernährung, genug schlafen, Erholung, diese Kleinigkeiten. Ich habe das früh als extrem wichtig angesehen. Es ist nicht der einzige Grund, warum man so ein Level erreicht, aber mein Gedanke war: Ich will es optimieren, so gut wie es geht.
Gab es für Sie da einen Schlüsselmoment?
Ich denke oft an das Jahr in meiner Kindheit zurück, in dem ich verletzt war (Wagner verpasste mit 13 Jahren eine komplette Saison mit einer Knieverletzung, Anm. d. Red.). Ich bin trotzdem jeden Tag zum Training gegangen. Viele wissen nicht, was sie machen wollen. Aber ich hatte Spaß daran, im Sitzen zu werfen oder zu dribbeln und solche Sachen. Es ist wichtig, dass diese Leidenschaft aus einem rauskommt. Dann macht man auch Sachen, die von außen nicht spaßig aussehen, einfach weil es die Passion ist. Ich glaube, das ist etwas, was nicht jeder unbedingt schon spürt so früh im Leben. Zu wissen: Diese Sache will ich in meinem Leben machen.
Sie haben bereits mit 16 Jahren bei Alba Berlin Profiminuten bekommen. Gab es da einen Moment, an dem Sie gedacht haben: "Ja, das kann für die NBA reichen?"
Ich hatte immer riesigen Respekt vor den Profis - vor dem Speed im Spiel. Mir hat geholfen, dass ich in dem Jahr, bevor ich spielen durfte, ein paar Mal mittrainiert habe. In dem Moment braucht man Respekt, aber wenn man spielt, auch eine Leichtigkeit. Dann bekommt man Selbstvertrauen, wenn Sachen funktionieren, die sonst auch immer funktioniert haben. Die NBA war immer ein Traum. Als Ziel hatte ich das erst, als mein Bruder gedraftet wurde, weil ich genau beobachten konnte, wie hart er gearbeitet hat und wie er es dorthin geschafft hat. Da hatte ich dann eine andere Selbstsicherheit, dass ich das auch machen kann.
Das kam aber öffentlich nie so rüber.
Ich hatte immer ein bisschen Schiss, das laut zu sagen. Ich finde manchmal, dass in Deutschland Arroganz und Selbstsicherheit verwechselt werden. Ich hatte Angst, arrogant rüberzukommen und deswegen habe ich da als Jugendlicher eher zurückgesteckt und mich nicht getraut, laut darüber zu sprechen.
Gab es Phasen, in denen Sie gezweifelt haben - sagen wir mal bis zum Draft?
Auf jeden Fall bei der Verletzung. Ich wusste am Anfang nicht, dass ich so lange raus bin. Als ich dann wieder zum Arzt gegangen bin, hat er gesagt: 'Du musst nochmal drei Monate sitzen.' Ich habe nach der Verletzung ein bisschen gebraucht, um mich wieder so zu fühlen, wie ich mich gerne fühle. Am Ende der Saison hatte ich ein paar Spiele, in denen ich wieder gut gespielt habe, und das hat mir Selbstvertrauen für das nächste Jahr gegeben. Ich merke heute auch: Es hat viel damit zu tun, wen man um sich herumhat und was einem erzählt wird. Ich habe nie Druck verspürt - von meinen Eltern oder Trainern, aber gleichzeitig haben die mich gepusht. Das macht etwas mit dir. Du fühlst dich sicher und auf dem richtigen Weg, und du musst die Bestätigung nicht suchen.
"Killer-Mindset": Wagner erklärt Michigan-Schritt
Sie haben sich bewusst für das College entschieden, obwohl Sie eine klare Rolle bei Alba hatten. In einem Podcast meinten Sie mal, dass Sie das brauchten, um aus der Komfortzone zu kommen. Erklären Sie das.
Ich war damals sehr schüchtern. Ich wusste noch gar nicht so richtig, was ich will und wer ich bin. Das passiert, wenn man in seiner Komfortzone ist und nie raus muss, nie gegen Widerstände ankämpfen muss. Auf dem Feld war das gut für mich, aber auch als Person. Und in den USA wird dieses Killer-Mindset, das man auch manchmal haben muss im Profisport, anders angegangen. Ich wusste, dass ich das in mir habe, aber ich glaube, das wäre nicht so gefördert worden, wenn ich in Berlin geblieben wäre. Es war gut, da rauszukommen und mehr Verantwortung zu haben auf so einer Bühne. Es ist etwas anderes, wenn man weiß: Ganz Amerika schaut zu. Das war gut als Vorbereitung, damit ich nach dem Draft nicht bei null anfange, wie es in Amerika läuft. Dieses europäische Mindset mit dem amerikanischen zu vereinen - das war mein Ziel.
Also eher ein mentaler Schritt als sportlich?
Genau. Ich bin da nicht hingegangen und habe erwartet, dass die mir was Strategisches erzählen oder mein Skillset übertrieben verbessern. Es war eher Mindset, diese Killer-Mentalität und die Sicherheit: Ich kann mich gegen die Amis durchsetzen und kann den Schalter umlegen.
Bei Michigan waren Sie nicht unbedingt die erste Option. Sie haben wenig Eins-gegen-eins gespielt, mehr abseits des Balles. Wie sehr hat Ihnen die europäische Ausbildung geholfen?
Das habe ich in den ersten Wochen gemerkt. Die wussten Sachen nicht, die ich schon in der U 12 gelernt habe. Das hat mir extrem Selbstvertrauen gegeben, diesen Vorteil auszunutzen. Und es hat geholfen, in den ersten Trainings zu sehen, wie anders Basketball hier gelehrt wird: viel mehr individuelle Skills, Ballhandling, Wurf. Ich habe bei Alba eine sehr gute Ausbildung genossen - nicht nur Skills, sondern Spielverständnis. Dadurch, dass in der NBA heute eigentlich weniger Sets gespielt werden, sondern es viel um schnell spielen, immer attackieren und das Spiel lesen geht, hilft mir die Ausbildung, die ich in Berlin genossen habe, auch heute noch sehr.
Wenn Sie etwas vom US-Basketball gelernt haben: Was wäre es?
Es ist die Mentalität. Die Amis wachsen auf und denken, sie sind die Geilsten. Die gehen Sachen so an: 'Wir können das machen.' Nicht erst gucken, wie es läuft. Ehrlich gesagt war ich manchmal so. Ich erinnere mich an das Jordan Brand Classic: Ich habe das nicht richtig gemacht. Ich hätte aggressiver sein müssen - scheiß drauf, wie man Basketball spielt, einfach Attacke. Das haben alle anderen gemacht. Ich glaube, das fehlt deutschem Basketball manchmal: dieser Swag. Dass es okay ist, mal Trash Talk zu machen. Weniger nachdenken, einfach machen. Die anderen Sachen fehlen uns nicht - da sind wir teilweise weiter als die Amis.
"Kann eine Herausforderung sein": Wagner über seine Vielseitigkeit und unterschätzte Aspekte
Ihr Spiel ist schwer in eine Schublade zu stecken: Scorer, Playmaker, Cutter, Verteidiger. Sehen Sie das eher als eine Stärke oder auch als eine Herausforderung?
Ich sehe es als Herausforderung, weil ich manchmal damit zu kämpfen habe. Das sage ich meinen Coaches auch: Dass sie nicht so jemanden haben nach dem Motto: 'Guck dir den an. Versuch mal, was der macht.' Man kann sich einzelne Skills raussuchen und Spieler angucken, die das gut machen. Genau das kann eine Herausforderung sein. Gleichzeitig ist es richtig cool, dass ich immer noch Sachen ausprobieren kann im Training. Viele Jungs sind irgendwann einfach 'dieser Spieler' und müssen nur an drei Sachen arbeiten, damit sie in der Liga bleiben und besser werden. Das ist irgendwo simpler. Ich finde es cool, dass ich noch Sachen ausprobieren und gucken kann, was zu meinem Spiel passt. Aber es kann auch eine Herausforderung für Trainer sein.
Woran arbeiten Sie gerade?
Wenn kein Vorteil da ist, wie ich einen bekomme. Am Ende ist es das, was die besten Spieler am besten machen: konstant einen Vorteil kreieren. Entweder zieht man einen zweiten Verteidiger oder man hat den eigenen geschlagen. Woran ich viel arbeite, sind Tempowechsel - in verschiedenen Situationen. Und wenn ich den Verteidiger auf meiner Hüfte habe oder schon vorbei bin, reden wir oft über 'Beide Beine in die Zone' und von da spielen. So kann man gegen jedes Team, gegen jede Defense spielen. Wenn man sich Luka Doncic anguckt: Er macht nichts anderes.
Beide Beine in der Zone?
Klar, er macht auch seine Stepbacks überragend - daran muss man auch arbeiten. Aber die wichtigen Dinge für mich sind: Tempowechsel, beide Beine in die Zone und dann mein Wurf. Ich glaube, es ist wichtig, dass das besser wird.
Wenn es etwas an Ihrem Spiel gibt, von dem Sie sagen, es wird unterschätzt - was wäre es?
Ich würde Konsequenz sagen. Ich glaube, ich bin jemand, der diszipliniert und konsequent probiert, einen Einfluss auf das Team zu haben. Es passieren viele kleine Sachen in einer Possession, die nicht im Boxscore auftauchen. Gleichzeitig gibt es auch viele Dinge, die vor und nach dem Spiel passieren. Egal ob Regeneration, ob ich vor oder nach dem Training länger bleibe, um meine Würfe zu nehmen, oder ob wir in Shootarounds darüber sprechen, wie wir spielen wollen. Dieser Blick auf Details, diese Konsequenz - das wird unterschätzt. Als Fan sieht man das kaum. Damit aber ein Team gut funktioniert, müssen Spieler Verantwortung übernehmen und sich dazu berufen fühlen. Ich glaube, das mache ich.
"Will und kann dieser Typ sein": Wagner über seine Entwicklung als Leader
Im Sommer sprachen viele über den neuen Leadership-Aspekt bei Ihnen. Wie wichtig ist Ihnen das - bei den Magic, aber auch beim DBB? Die derzeitigen Führungsspieler wie Schröder oder Voigtmann werden sicher nicht mehr ewig spielen. Sie sind dagegen der Jüngste im Team. Wollen Sie diese Rolle?
Natürlich. Es gibt andere Typen, und man muss seinen eigenen Weg finden. Aber das ist auf jeden Fall etwas, was ich machen will. Ich glaube auch, dass ich der Typ dafür sein kann, eine große Präsenz in der Kabine zu haben. Ich werde immer jemand sein, der eher über seine Taten führt, als über viel reden. Niemand braucht zehn von mir oder zehn von Moritz, Dennis. Ich glaube, es ist immer wichtig, dass Charaktere und Leadership-Typen gut zusammenpassen in einem Team.
Was braucht es dafür?
Es geht nicht nur darum, sich zu trauen, etwas zu sagen. Du musst Mannschaftsabende organisieren, damit man die Jungs besser kennenlernt, solche Dinge. Dann kann man auch ehrlicher mit Teamkollegen sein, insbesondere wenn es vielleicht mal eine unangenehme Konversation geben muss. Ich arbeite daran, dass ich sowas in Zukunft mehr umsetze.
Ein kurzer Blick nach Orlando. Vor der Saison gab es einen kleinen Hype, besonders nach dem Bane-Trade. Auch das Management hat kommuniziert, dass es um die Meisterschaft spielen wolle. Spürt man innerhalb der Mannschaft diesen Druck? Und wie geht das Team damit um?
Grundsätzlich finde ich es richtig geil, diesen Druck zu haben, gewinnen zu müssen. Die ersten zwei Jahre in Orlando waren tough, da haben wir viel verloren. Du wusstest, du wirst angeguckt von den Gegnern. Das hat sich geändert und darauf sind wir stolz. Aber meiner Meinung nach hat man noch nichts wirklich "gerissen" mit dem Team. Und das wollen wir in dieser Saison angehen. Nachdem wir nicht gut in die Saison gestartet sind, glaube ich, haben wir uns langsam als Team gefunden. Gleichzeitig haben wir aber auf jeden Fall noch viele Schritte, die wir gehen müssen, um das Team zu sein, das wir sein können und wollen.
"Darum geht es nicht": Wagner über All-Star-Ambitionen
Viele reden auch über das All-Star Game - und dass Sie letztes Jahr womöglich übergangen wurden. Wie denken Sie darüber?
Ich kann nicht abstreiten, dass ich gerne dabei sein möchte. Es ist Quatsch zu sagen: "Juckt mich nicht." Gleichzeitig sind es aber auch genau diese Awards und Dinge, um die es eigentlich nicht geht. Wie viele Würfe, wie viele Punkte - das kann man nicht kontrollieren. Wenn man nicht für die richtigen Gründe spielt, sieht man das. Es ist wertvoll, wenn man jemand ist, bei dem man merkt: Dem geht es um die richtigen Dinge. Das ist auch wichtig für Teammates. Gleichzeitig will jeder All-Star sein, aber es braucht dafür Vertrauen. Wenn man die richtigen Absichten hat, dann kommt das auch.
Was reizt Sie noch? Mit 24 Jahren sind Sie bereits Welt- und Europameister.
Die WM und EM waren sehr wichtig, da habe ich einiges gelernt. Gewinnen macht süchtig. Es ist wie ein Dopamin-Hit, und du musst vorsichtig sein, dass es dich nicht komplett einnimmt. Was aber wirklich schön war, war dieses Gefühl, in einem Team zu sein, in dem alle eng miteinander sind, sich vertrauen. Alle wissen, wofür man steht und wofür der neben einem steht. Dass man zusammen etwas Großes schafft, was man allein nicht hinkriegen würde - das war erfüllend. Dieses Gefühl zu jagen, ist es mir wert. Und banal: Basketball an sich, dieser Flow-Moment - im Training oder im Spiel. Du hast keinen Gedanken, bist nur in dem Moment. Diese Momente sind geil. Man kann sie auch woanders finden, aber diese zwei Sachen reizen mich.
Wenn Sie sich entscheiden müssten: lieber NBA-Champion oder Olympiasieger?
Bruder Moritz Wagner: Schwierig. Ich glaube, weil wir schon Europa -und Weltmeister sind, sage ich NBA-Champion.
Franz Wagner: Ja, da gehe ich mit.
Was müsste passieren, dass Sie in einem Sommer nicht für die Nationalmannschaft spielen?
Wenn es um ein großes Turnier geht, vermutlich eine Verletzung oder Dinge mit der Familie. Oder ich bin nach einer Saison mental richtig müde und brauche einfach eine Pause. Auf die Spiele an sich habe ich eigentlich immer Lust, aber Reisen, Media Days - das zehrt teilweise. Irgendwann gibt es vielleicht auch andere Dinge, die wichtiger sind. Aber für ein großes Turnier muss schon sowas passieren. Gerade mit dem Team, das wir haben. Wir merken gerade, dass bei uns so viel zusammenpasst, und da fühlt sich jeder verpflichtet, auch das meiste daraus zu holen.
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