"Auch heute noch blicken wir fassungslos auf die Geschehnisse vom Samstag. Die negative Entwicklung der vergangenen Monate seit dem Heimspiel gegen Dynamo Dresden (am 1. November, d. Red.) gipfelte in den gewalttätigsten Übergriffen der Berliner Polizei gegen Herthafans seit mehreren Jahrzehnten", schreibt die Fanhilfe Hertha BSC in einer am Montagmorgen veröffentlichten Stellungnahme. "Immer wieder haben wir vor einer solchen Eskalation gewarnt und auf die Zunahme polizeilicher Provokationen hingewiesen. Zahlreiche Vermittlungs- und Gesprächsangebote durch Vereinsvertreter wurden jedoch von Seiten der Polizei und der Innensenatorin ausgeschlagen. Die von der Einsatzleitung langfristig vorbereitete Eskalation folgte dann vor der Ostkurve."
Die erschütternde Bilanz: mehr als 50 Verletzte
Bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Hertha-Fans und der Berliner Polizei vor Beginn des Zweitliga-Spiels Hertha BSC gegen Schalke 04 (0:0) am Zugang zur Ostkurve des Olympiastadions waren nach Polizei-Angaben 31 Fans und 21 Beamte verletzt worden. Laut Darstellung der Polizei hätten sich gegen 19 Uhr etwa 100 Hertha-Fans vermummt und mit überzogenen Handschuhen im Blockzugang zur Ostkurve versammelt. Gleichzeitig sei vom Sicherheitsdienst gemeldet worden, dass ein Schalke-Fan, der sich mutmaßlich in der Hertha-Kurve verirrt habe, attackiert wurde.
Beim Eingreifen der Einsatzkräfte seien dann "Glas- und Plastikflaschen" auf die Polizisten geworfen worden. Die hätten daraufhin Pfefferspray und Schlagstock eingesetzt. Laut Polizei wurden die Beamten zudem "mit Fahnen- und Holzstangen sowie mit Stuhlverankerungen angegriffen und geschlagen". Fünf Strafanzeigen wegen besonders schweren Landfriedensbruchs und eine Anzeige wegen Körperverletzung seien letztlich aufgenommen worden.
Der Klub fordert mehr Dialogbereitschaft von der Polizei
Hertha hatte am Sonntagnachmittag in einer gemeinsamen Stellungnahme von Präsidium und Geschäftsführung Generalkritik an der Polizei geäußert, mehr Dialogbereitschaft gefordert und erklärt: "Hertha BSC hat seit mehreren Monaten den Wunsch nach einem weiterführenden Gesprächsformat mit der Polizei Berlin geäußert, das bislang noch nicht realisiert wurde, und erneuert diesen Wunsch hiermit nachdrücklich. Die aktuellen Entwicklungen unterstreichen die Notwendigkeit, den Dialog nun auf eine neue, verbindlichere Ebene zu heben."
"Beispielloser Gewaltexzess der Beamten"
Die Fanhilfe Hertha BSC, die sich selbst als "Solidargemeinschaft für Herthafans, die in Konflikt mit dem Gesetz bzw. der Polizei geraten sind", versteht, erneuerte am Montag ihre massive Kritik am Vorgehen der Einsatzkräfte. "Auch im Nachgang unterstreicht die Berliner Polizei mit ihrer veröffentlichten Mitteilung zu ihrem Einsatz die fehlende Grundlage und Unverhältnismäßigkeit ihres Handelns", heißt es in der Stellungnahme. "Gespickt mit eklatanten Widersprüchen zur eigenen Darstellung am Samstagabend, fehlerhaften Informationen, im Konjunktiv formulierte Spekulationen, die als Fakten herhalten sollen, und krampfhaften Versuchen, eine Rechtfertigung für den beispiellosen Gewaltexzess der Beamten zu finden, fehlt jeglicher Ansatz der Reflexion. Vielmehr wird das durch das Verhalten der Beamten provozierte Verweilen der Fans an einem Ort im Stadion als Störaktion deklariert und später ein Szenario fliegender Glasflaschen beschrieben, das faktisch gar nicht stattgefunden haben kann." Und weiter: "Wir sind und bleiben fassungslos ob dieser Szenen. Das Feindbild Fan der Polizei scheint keine Grenzen mehr zu kennen."
Fanhilfe: Auch Hertha-Angestellte verletzt
Nach Angaben der Fanhilfe seien auch Gäste-Fans und Hertha-Angestellte von den Auseinandersetzungen betroffen gewesen. "Ins negative Bild des Tages reihen sich Übergriffe der Polizei gegen die Gästefans aus Gelsenkirchen nahtlos ein", heißt es in dem am Montagmorgen veröffentlichten Statement. "Laut Königsblauer Hilfe wurden Fans im Gästebereich durchgehend provoziert, und bei der Abreise kam es am S-Bahnhof Olympiastadion zu massiver Polizeigewalt." Zudem habe "das brutale Vorgehen der Polizei" dazu geführt, "dass auch Personen, die nicht der aktiven Fanszene zugerechnet werden können, verletzt worden sind. Darunter auch Angestellte von Hertha BSC, die das Geschehene, genauso wie gewählte Gremienvertreter des Vereins, aus der Nähe beobachten konnten."