Stadien mit glänzenden Außenwänden, frisch geteerte Wege, Straßen, mit Palmen gesäumt: Marokko gibt derzeit ein beeindruckendes Bild ab. Und das soll es auch, schließlich beginnt an diesem Sonntagabend der 35. Afrika-Cup, um 20 Uhr trifft der sportlich und visuell getrimmte Gastgeber in seiner Hauptstadt Rabat auf die Komoren. Das Turnier gewinnt immer mehr an Bedeutung. Alleine aus Deutschland sind 22 Profis nominiert, die meisten als Stammspieler.
Über Weihnachten soll also der Fußball im Fokus stehen - auch, wenn das zuletzt nicht immer der Fall war und ihn die gesellschaftlichen Probleme in Nordafrikas flächenmäßig zweitkleinstem Land bisweilen überschatten. Ein wenig ironisch ist es ja, aber dass Marokko sich derzeit mit den eigenen politischen Unzulänglichkeiten auseinandersetzen muss, hängt vor allem mit der Jugend im Land zusammen.
Diese zu fördern, ist aus der Fußballperspektive das vorrangige Ziel, Talente selbst ausbilden, ihnen den Weg ebnen, Strukturen schaffen. All das gelingt. 2009 wurde die Mohammed VI Fußball Akademie gegründet, seitdem holten die Marokkaner unter anderem Platz 4 bei der WM 2022, die U-20-WM, sowie den U-17-Afrika-Cup. Und 2026 auch den Sieg beim kontinentalen Turnier der A-Nationalmannschaften? Gut möglich.
Nur im Fußball herrscht Hochglanz
Die anderen jungen Menschen jedoch, jene, die mit dem Fußball und dessen Auswüchsen eher wenig anfangen können und nicht zu Top-Talenten heranreifen sollen, lehnen sich auf, versammeln sich in Dörfern und Großstädten, demonstrieren. Gegen die horrenden Ausgaben, die staatlichen Millionen, die statt in Krankenhäuser in den Fußball gesteckt werden, die Ungleichheit, die mangelnde Perspektive.
Während an einigen Orten Hochglanzarenen entstanden, Marokko als wirtschaftlicher Vorreiter auftritt, fluten woanders Wassermassen Straßen und Wohnkomplexe, Krankenhäuser und Schulen sind zu voll oder zu schlecht ausgestattet, beides fordert Menschenleben. Ein weiterer Vorwurf: Die systematische Tötung tausender Straßenhunde, aus Angst vor Bissattacken. Die Politik bleibt bei den meisten Themen schwammig, das Turnier findet statt.
Aus sportlicher Sicht auch zurecht. Denn in Afrika tummeln sich immer mehr Stars, immer öfter selbst ausgebildete. Nicht nur in Marokko, wo Youssef En-Nesyri (28, Fenerbahce), Azzedine Ounahi (25, FC Girona) oder Nayef Aguerd (29, Olympique Marseille), ebenso das Rückgrat des Nationalteams bilden wie die Diaspora-Talente Sofyan Amrabat (29, Real Betis) oder Achraf Hakimi (29), der sich bei Paris Saint-Germain zwar verletzt hat, aber trotzdem im Kader steht.
Gepaart mit dem Heimvorteil machen alleine diese Profis Marokko zum Top-Favorit. Aber nicht den alleinigen. Denn schon alleine dass die Elfenbeinküste den vorigen Afrika-Cup gewann, macht sie auch zu einem Anwärter auf den nächsten Titel. Die Stützen des damaligen Teams haben sich weiterentwickelt, siehe die Innenverteidiger Odilon Kossounou (24, ging 2024 von Leverkusen zu Atalanta Bergamo) und Evan Ndicka (26, wechselte ein Jahr zuvor aus Frankfurt zur AS Rom).
Davor räumen die Routiniers Franck Kessié oder Ibrahim Sangaré (beide 28) ab. Sowohl das Energiepaket, einst bei der AC Mailand, mittlerweile bei Al-Ahli in Saudi-Arabien unter Vertrag, als auch der Ankerspieler von Nottingham Forest verkörpern jene Dynamik und Robustheit, die die Elfenbeinküste neben den Dribbelkünsten eines Yan Diomande (19, Leipzig) ausmachen und sie als deutscher Gruppengegner zur WM führte. Nur ein Stürmer à la Didier Drogba fehlt.
Solche Probleme haben die Ägypter nicht, dort dreht sich alles um die Top-Stars Mo Salah (33) vom FC Liverpool und Oumar Marmoush (26), der vor einem Jahr von Eintracht Frankfurt zu Manchester City wechselte. Beide waren auch vor zwei Jahren dabei, als Ägypten im Achtelfinale ausschied und daraufhin Rui Vitoria entließ. Mit dessen Nachfolger Hossam Hassan, mit 68 Länderspieltreffern übrigens führend vor Salah (61), qualifizierten sich die Pharaonen für die WM und zählen trotz der weniger werdenden Dominanz im afrikanischen Fußball zum Favoritenkreis.
Darin befinden sich ebenfalls die unfassbar wuchtigen Nigerianer um Ex-Wolfsburger Victor Osimhen (26, Galatasaray) und den Ex-Leipziger Ademola Lookman (28, Atalanta Bergamo), die vor etwas über einem Jahr fast von Bruno Labbaddia trainiert worden wären, die Senegalesen, die Talente wie PSG-Juwel Ibrahim Mbaye (17) ebenso nominierten wie den arrivierten Nicolas Jackson (24) vom FC Bayern und oder Routinier und Ex-Münchner Sadio Mané (33, Al Nassr) sowie Algerien, das zwar noch auf Altstar Riyad Mahrez (34) setzt, aber mit Rayan Ait-Nouri (24, Manchester City) und Zinedines Keeper-Sohn Luca Zidane (27, FC Granada) weitere Führungsspieler an Bord hat.
Chaos in Kamerun: Zwei Kader nominiert
Mit Tunesien ist immer zu rechnen, auch wenn die Nationalmannschaft wegen der Altersstruktur derzeit ein Tal durchläuft, ebenso das im Umbruch befindliche Kamerun, das mit Leverkusens Christian Kofane (19) zwar ein Riesentalent in den Reihen hat, aber derzeit im Chaos zu versinken droht: Der von Verbandspräsident geschasste Trainer Marc Brys akzeptierte seine Entlassung nicht und berief ebenso einen Kader wie sein (von Eto’o berufener) Nachfolger David Pagou.
Der strich Altstars wie Vincent Aboubakar (33, Neftchi PFK/Aserbaidschan), Keeper André Onana (29, Trabzonspor) und Ex-Münchner Eric Maxim Choupo-Moting (36, mittlerweile RB New York) aus dem Kader. Dazu dürfte wie zuletzt so oft eine Überraschungsmannschaft stoßen, ob das nun das von Gernot Rohr trainierte Benin oder das noch immer von Marseille-Torjäger und Ex-Dortmunder Pierre-Emerick Aubameyang (36) angeführte Gabun ist.