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Von der Schulbank zur Torjägerkanone: Weber sorgt für Novum

kicker

Unter der Woche sitzt Raphaela Weber im Klassenzimmer eines Hamburger Gymnasiums, meldet sich in Religion, paukt für die nächste Deutsch-Klausur. Eine ganz normale Schülerin könnte man meinen - bis das Wochenende kommt. Dann schnürt sie die Stollenschuhe, wirft sich das Trikot des SC Alstertal-Langenhorn III über, und verwandelt sich von einer zierlichen jungen Frau in eine gefürchtete Stürmerin. Mit 18 Jahren und 38 Tagen ist sie die jüngste Gewinnerin der "Torjägerkanone® für alle" seit deren Einführung in der Saison 2021/22. Bei den Frauen hielt bisher Alina Marie Scheben (6. Liga, 47 Tore, 2021/22) mit 20 Jahren den Altersrekord, bei den Herren Ole Böttcher vom Bremer Landesligisten TV Eiche Horn (44 Tore, 2023/24) ebenfalls mit 20.

Weber dringt in neue Sphären vor und ist damit die erste Teenagerin, die auf dem Torjäger-Olymp Platz nehmen darf und im Herbst im Rahmen eines DFB-Länderspiels die schneeweiße Trophäe erhalten wird.

Den Großteil ihrer 78 Tore in 21 Spielen erzielte Weber, die erst Mitte Mai volljährig wurde, noch als Minderjährige. In den 7. Ligen des Frauenfußballs lieferte sich die dribbelstarke Stürmerin, die in der Kreisliga Hamburg auf Torejagd geht, ein bundesweites Kopf-an-Kopf-Rennen mit Viktoria Wolters vom niederrheinischen Amateurklub DJK Rhenania VFS Kleve.

Die 32-Jährige hatte Weber mit einem Zwölferpack in ihrem letzten Spiel Ende Mai erheblich unter Druck gesetzt. Doch die Schülerin ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und legte wenige Tage später in ihrem letzten Saisonspiel am 3. Juni beim 11:1 gegen den USC Paloma selbst einen Zehnerpack nach. Damit überquerte sie als Erste die Ziellinie.

„Ich kannte die kicker-Torjägerkanone nur aus der Bundesliga.“ (Raphaela Weber)

"Das ist alles sehr überwältigend", ringt Weber zunächst um die passenden Worte. Bis Mitte April, als sie erstmals eine Interviewanfrage erhielt, hatte sie noch nie von der "Torjägerkanone® für alle" gehört. Und nun darf sie sich über eine bundesweite Auszeichnung freuen.

"Ich kannte die kicker-Torjägerkanone nur aus der Bundesliga und wusste nicht, dass es so etwas auch für Amateurfußballer gibt. Ich spiele Fußball nur zum Spaß. Dass ich dafür jetzt trotzdem eine Auszeichnung erhalte, finde ich toll - einfach unvergesslich", bringt die 18-Jährige ihre Gefühlslage schließlich doch noch auf den Punkt.

Dass ihre Qualitäten auch in deutlich höheren Ligen gefragt sind, hat Weber bereits in der 1. Frauenmannschaft des SC Alstertal-Langenhorn unter Beweis gestellt. In der Oberliga (4. Liga) erzielte die junge Stürmerin acht Tore in nur vier Spielen. Ihre größten Stärken sieht Weber im Dribbling und in ihrer Schnelligkeit - Fähigkeiten, die von der 5. bis zur 10. Klasse an einer Hamburger Sportschule gezielt gefördert wurden.

Freundschaft über alles

Dennoch spielt sie lieber weiter für die dritte Garde. Warum? "Ich kicke seit vier Jahren mit meinen Freundinnen zusammen. Wir unternehmen privat sehr viel und verstehen uns super. Die Harmonie sollte nicht verloren gehen. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, eine dritte Frauenmannschaft zu gründen. Bei einem weiteren Oberliga-Einsatz würde ich mich festspielen und dürfte nicht mehr für 'meine' Mannschaft auflaufen. Das möchte ich auf gar keinen Fall."

Ohne ihr Team, so betont Weber, wäre der Erfolg ohnehin nicht möglich gewesen. "Die Kanone ist ein Mannschaftsverdienst. Allein im letzten, entscheidenden Spiel haben sie alles, was möglich war, zu mir rübergelegt - nur so konnte ich die zehn Tore schießen", sagt die 1,67 Meter große Stürmerin, die freimütig einräumt, sich während des Spiels auch mal vor der Abwehrarbeit zu drücken. Die Lorbeeren teilt sie deshalb demütig mit ihren Teamkolleginnen, die ihr stets den Rücken freihalten.

„Ich will die Kanone dort hinstellen, wo sie meine Mutter gut sehen kann. Sie ist mein größter Fan.“ (Raphaela Weber)

Als Weber im April bereits bei 50 Toren stand, nahm sie sich vor, im Idealfall in den verbleibenden sieben Spielen noch 25 weitere Treffer zu erzielen. Am Ende wurden es 28 - und die waren auch nötig, um die nur zwei Tore zurückliegende Wolters endgültig abzuschütteln. "Die Saison ist besser gelaufen als ich es mir hätte wünschen können", zieht Weber ein durchweg positives Fazit.

Und was kommt als Nächstes? Natürlich die Preisverleihung im Herbst. Einen geeigneten Platz für die Trophäe muss Weber zu Hause noch finden. Eines steht für sie aber fest: "Ich wohne mit meinen Eltern zusammen. Ich will sie dort hinstellen, wo meine Mutter sie gut sehen kann - sie ist mein größter Fan."

Im Jahr 2026 steht dann das Abitur an. Und danach? Da lässt sich Weber noch alle Möglichkeiten offen: "Vermutlich mache ich erst einmal ein halbes Jahr Pause, gehe jobben und reisen. Danach fange ich dann hoffentlich mit dem Studium an." Projektmanagement, Architektur oder Psychologie - das sind Bereiche, die sich die vielseitig interessierte Schülerin gut vorstellen kann. Egal, welchen Weg Weber einschlagen wird, auf dieses "unvergessliche" Jahr wird sie wohl auch in Zukunft besonders gerne zurückblicken.