Vertragslaufzeiten haben im Profifußball nicht viel mehr Aussagekraft als Testspielergebnisse. Eine gewisse Tendenz ist erkennbar, aber wenn es ernst wird, spielen sie doch keine Rolle mehr. Nur was der FC Chelsea bei seinen Verträgen veranstaltet, das sorgt regelmäßig für Aufsehen.
Das neueste Kapitel: Als die Blues am Dienstag Liam Rosenior als ihren neuen Cheftrainer präsentierten, kommunizierten sie eine Vertragslaufzeit bis Sommer 2032. Der 41-Jährige, der noch nie einen Topklub coachte und in England bislang nur in der zweiten Liga am Werk war, wurde also mal eben für sechseinhalb Jahre gebunden.
Auslaufende Verträge bei Chelsea: null
Daran hat man sich zwar längst gewöhnt, seit Todd Boehly und seine Investmentgruppe BlueCo an der Stamford Bridge das Sagen hat. Ein Großteil der Mannschaft steht mindestens bis 2030 unter Vertrag, Cole Palmer, Joao Pedro, Estevao und Dario Essugo sind sogar bis 2033 gebunden, im Sommer läuft kein einziger Kontrakt aus. Und es ist auch längst bekannt, warum die neuen Eigner von Anfang an so vorgingen: Während sich Transfereinnahmen sofort verbuchen lassen, konnten Premier-League-Klubs Transferausgaben in ihren Büchern über die Dauer der Verträge strecken - perfekt, wenn mal wieder Ärger mit den Financial-Fairplay-Regeln drohte.
Aber: Dieses Schlupfloch hat die UEFA bereits vor über zwei Jahren geschlossen, seitdem sind Ablöse-Abschreibungen nur noch maximal über fünf Jahre erlaubt, unabhängig von der Vertragslaufzeit. Und außerdem dürfte Rosenior, der von Partnerklub Racing Straßburg kam, gar keine oder zumindest keine nennenswerte Ablösesumme gekostet haben.
Warum also dieser XXL-Vertrag für einen Trainer, der sich auf großer Bühne erst noch beweisen muss? Erklärt haben die Chelsea-Bosse ihr Vorgehen bislang nicht, es liegt aber nahe, dass auch hier finanzielle Überlegungen eine Rolle spielen. Wer Spieler oder Trainer am Anfang ihrer Karriere lange bindet, strahlt nicht nur Kontinuität aus, sondern muss sich nicht mit ständigen Nachverhandlungen herumschlagen, sollten diese durchstarten - ein lässiger Verweis auf die Laufzeit genügt. Und wer unbedingt gehen will, wird halt entsprechend teuer.
Die größte Sorge, die bei langen Trainerverträgen oft mitschwingt, ist ohnehin in der Regel unbegründet: Auch in Roseniors Vertrag wird Chelsea Klauseln verankert haben, die eine vorzeitige Trennung zu finanziell erträglichen Bedingungen ermöglicht. Genauso wie Vorgänger Enzo Maresca nicht sein volles Restgehalt zusteht, seit er an Neujahr entlassen wurde. Dessen Vertragslaufzeit hatte übrigens eine ähnliche Wucht: fünf Jahre plus Option auf ein weiteres. Eineinhalb davon blieb er tatsächlich im Amt.