"Wenn ich in die Heimat fahre, dann nach Seesen", sagt Nieke Kühne, denn die handballerischen Wurzeln der am 9. September 2004 in Wolfenbüttel geborenen Nationalspielerin liegen beim MTV Seesen. Doch schon früh ging es für die Rückraumspielerin zum Handballspielen ins 30 Kilometer entfernte Northeim. "Weil es in Seesen keine Mädchenmannschaft gab", sagt Kühne zu den Rahmenbedingungen im deutschen Handball, als sie vier, fünf Jahre alt war.
In ihrer Karriere ging es steil bergauf, beim Northeimer HC spielte sich die 1,84 Meter große Rückraumspielerin ins Blickfeld des Landesverbands, holte sich die ersten Nominierungen für die Auswahlmannschaften von Südniedersachsen und auch Niedersachsen. Mit einem Sonderstatus vom DHB konnte sie schon mit 15 Jahren in der Damenmannschaft des NHC beim heutigen Oberligisten spielen.
"Northeim habe ich sehr viel zu verdanken und bis heute habe ich noch guten Kontakt zu mehreren Mitspielerinnen dort. Ein paar von ihnen kommen regelmäßig zu Spielen von mir in der Saison und wenn es zeitlich passt, fahre ich dort immer gerne in die Halle”, sagt die 21-Jährige, die schon 2019 bei der DHB-Sichtung in Kienbaum den ersten “All-Star-Status" erhielt.
Umzug nach Hannover
Der Fokus wurde größer, Nieke schloss sich 2020 dem TV Hannover-Badenstedt an. Mitten in der Corona-Pandemie. "Geplant war eigentlich ein Doppelspielrecht, aber es gab keinen Spielbetrieb in Northeim", sagt sie und ergänzt trotz der geringer ausfallenden Spielpraxis: "Es hat mir athletisch gutgetan."
Auch dass der Schulunterricht online durchgeführt wurde, kam der jungen Rückraumspielerin, die damals kurzerhand zeitweise bei Mitspielerin Merja Wohlfeil einzog, zugute. "Wäre Schule damals in Präsenz gewesen, dann hätten meine Großeltern immer die Fahrten zwischen Hannover und Northeim organisieren müssen."
So aber war der Umzug nach Hannover schon der erste Schritt in die große Handballwelt. Nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft in der weiblichen B-Jugend und einer Silbermedaille bei der U17-Europameisterschaft ging es dann 2021 zur HSG Blomberg-Lippe. Nieke verrät: "Sie hatten schon zwei Jahre vorher angefragt."
Durchbruch in Blomberg
Im Lipperland sollte die Karriere richtig durchstarten. "Es ging alles schneller, als ich gedacht habe. Das erste Training mit dem Bundesligateam, der erste Einsatz in der European League", erinnert sie sich.
Mit zwei Toren absolvierte sie ihre Feuertaufe im Profiteam beim 24:24-Remis gegen den ungarischen Topklub Vaci NKSE im November 2021, unterschrieb 2022 den Bundesligavertrag und feierte 2023 die Deutsche Meisterschaft in der A-Jugend, nachdem es im Vorjahr nur zu Silber gereicht hatte. 23 Tore in den beiden Partien des Final4 und die Ehrung als "beste Spielerin des Turniers" standen am Ende zu Buche.
Mit Blomberg war sie schließlich "in einen Flow gekommen". Finale in Meisterschaft und Pokal, zudem die Teilnahme am Final4 der EHF European League. "In der European League haben wir wirklich nur von Runde zu Runde gedacht. Wir hatten nichts zu verlieren und konnten einfach spielen. Wir können uns das teilweise selbst gar nicht erklären", sagt sie und ergänzt zur Erfolgsformel der HSG: "Wenn man sich als Team gut versteht, dann kann man auch erfolgreich sein."
Heim-WM als Turnier-Premiere
Die Karriere verlief auch im DHB kometenhaft, von den Nachwuchsmannschaften ging es nahtlos in die A-Nationalmannschaft. Nach dem Länderspieldebüt gegen Norwegen im vergangenen Jahr sollte mit der Europameisterschaft auch gleich das erste Großturnier folgen. Doch kurz vor Turnierstart bremste sie eine Knieverletzung aus. So ist nun die Heim-WM in diesem Jahr das nächste große Ziel.
Im Nationalteam spielt Nieke dann nicht wie in den HBF-Finals gegen, sondern an der Seite von Xenia Smits, von der sie sich als Jugendliche Tricks abgeschaut hatte. "Xenia ist ein Vorbild. Es macht Spaß, jetzt mit ihr in der Nationalmannschaft zusammenzuspielen. Aber ich bin auch immer noch ein wenig aufgeregt", sagt Nieke, die einfach handballverrückt ist: "Ich gucke viel Handball, schaue gefühlt jedes Spiel, was läuft - ob nun 1. Liga Männer oder 2. Liga Frauen. Und wenn ich was sehe, dann probiere ich aus, ob ich das auch hinbekomme."
Eine große Veränderung stand in diesem Sommer an, denn seit Kurzem wohnt Nieke erstmals in einer eigenen Wohnung. "Die ersten Wochen ist es schon ein wenig komisch, wenn man vorher erst im Internat und dann mit zwei weiteren Mitbewohnerinnen gewohnt hat. Jetzt ist man komplett auf sich gestellt", sagt sie, nachdem ihre langjährige Mitbewohnerin Tessa Budelmann nun künftig für den SV Werder Bremen spielt. "Ich hoffe, dass Tessa und ich auch weiterhin den Kontakt halten, auch wenn wir uns jetzt nicht mehr täglich sehen."
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