Fragt man in Tampere litauische Journalisten zum Spiel gegen den Weltmeister, dann kommt recht schnell das EM-Gruppenspiel vor drei Jahren in Köln zur Sprache, welches Deutschland höchst umstritten nach zweifacher Verlängerung gewann. Allerdings: Nicht etwa aufgrund der damaligen Kontroversen, sondern weil das litauische Selbstverständnis Siege gegen Deutschland einfach vorsieht.
18-mal trafen beide Nationen aufeinander, 15 davon entschied Litauen für sich. Das kleine basketball-verrückte Land lag dem DBB-Team einfach nicht, wobei Deutschland in der Ära Dennis Schröder erst zweimal gegen die Balten antrat (1-1). Am Samstag werden die Deutschen als leichter Favorit in das Spiel gehen, beide Teams erledigten ihre Aufgaben bisher souverän.
Litauen schlug erst Großbritannien und dann Montenegro, das DBB-Team ebenfalls Montenegro und gestern die Schweden. Es könnte das vorgezogene Endspiel um den Gruppensieg sein, auch wenn da Gastgeber Finnland sicherlich noch ein Wörtchen mitreden möchte.
Litauen: Center-Frage löst sich von selbst
NBA-All-Star Domantas Sabonis fehlt, sodass die ewige Center-Frage mit oder ohne Jonas Valanciunas nicht gestellt werden muss. Der 32-Jährige kam in der Vorbereitung nur sporadisch zum Einsatz, wühlte aber gegen die Briten wie gewohnt unter dem Korb. Zusammen mit Bayern-Guard Rokas Jokubaitis (zuletzt 21 Punkte und 12 Assists gegen Großbritannien) bildet er das Rückgrat der Offense.
Drumherum wird sich viel bewegt, viel gecuttet. Dennoch muss vor allem Jokubaitis Vorteile schaffen, weil es mal wieder nur wenig Creation gibt. Dazu sind die Schützen recht wacklig, keiner der Flügelspieler traf für seinen Klub in der Vorsaison mehr als 40 Prozent von draußen. Am ehesten könnte das Deividas Seivydas sein, doch der ehemalige NBA-Pick sucht in diesem Turnier noch seine Form.
Ex-Alba-Spieler Rokas Giedraitis ist ein wenig in die Jahre gekommen, sodass die traditionell wurfstarken Litauer diesmal auf dem Flügel nicht so potent besetzt sind wie noch in früheren Jahren. Das zeigt sich auch in der Big-Men-Rotation. Es gibt klassische Center wie Valanciunas und selbst der zuletzt stark aufspielende Azuolas Tubelis hat als Vierer eher seine Stärken unter dem Korb.
Litauen hat Respekt vor dem Weltmeister
Das dürfte auch gegen Deutschland der Gameplan sein. Der Ball wird oft unter den Korb gehen, dort werden die Vorteile und einfache Abschlüsse gesucht. Es fehlt jedoch das gewisse Extra, die individuelle Klasse, um trotz einer guten Vorbereitung (und teils schwachen Gegnern) wirklich zum Favoritenkreis gezählt zu werden.
Auch die Litauer selbst gehen mit jeder Menge Respekt in die Partie. "Wir werden dann unser wahres Leistungsvermögen sehen", befand Bayern-Guard Rokas Jokubaitis. "Das ist nicht nur ein gutes Team, sondern sie haben viel mehr Talent als wir. Für mich ist Deutschland ein klarer Titelanwärter."