Die Basketball-Welt war noch eine andere, als sich Deutschland und Slowenien letztmalig bei einer EuroBasket gegenüberstanden. Das DBB-Team hatte damals, in der Vorrunde 2022, noch keine Medaille gewonnen, die Dominanz der nächsten Jahre höchstens angedeutet.
Slowenien wiederum, der EM-Sieger von 2017, war breiter aufgestellt als heute, hatte aber den gleichen Anführer. Der in dieser Partie lieferte: Luka Doncic erzielte beim 88:80-Sieg der Slowenen effiziente 36 Punkte (14/25 FG), garniert mit zehn Rebounds, machte kurzum genau das, was vom Superstar gerade auf dieser Bühne eigentlich immer erwartet wird.
Auf der Gegenseite fehlte damals allerdings der Spieler, der die Aufgabe, dessen Kreise einzuschränken, am Mittwoch im Viertelfinale von Riga höchstwahrscheinlich primär übernehmen wird.
Bonga: Der perfekte Glue Guy
Es ist aus heutiger Sicht fast schon schwer vorstellbar, dass die deutsche Erfolgsära bei einem Turnier startete, in dem Isaac Bonga nicht dabei war. So unverzichtbar ist er mittlerweile geworden, so essenziell war er bereits 2023, als er phasenweise Franz Wagner vertrat, oder auch bei den Olympischen Spielen.
Oder natürlich im aktuellen Turnier. Bonga ist so etwas wie die Definition des Schweizer Armeemessers; er kann jede Rolle ausfüllen, welche die Coaches ihm auferlegen, jeden Spieler verteidigen, egal welche Größe. Von der Bank kommen oder starten, es scheint unerheblich - wobei am Ende enger Spiele doch seit Jahren fast immer ein Platz für ihn gefunden wird.
Die EM 2025 eröffnete er als Bankspieler - der Ausfall von Johannes Voigtmann spülte ihn dann in die Starting Five. Das Kuriose bei Bonga: Wahrscheinlich wäre der 2,03 m große Wing auch bei jedem anderen Ausfall derjenige gewesen, der "aufrückt", eben weil er so vielseitig eingesetzt werden kann. Das ist ein Luxus, den in der Form kaum ein anderer Spieler bieten kann.
"Er tut so viel - Defense, Offense, unglaublich nützlich für unser Team", schwärmte Andreas Obst vor kurzem bei Meridian Sports. "Er ist wirklich, wirklich essenziell für uns."
Bonga: Offensives Upgrade
Offensiv ist Bonga nicht derjenige, der das Spiel an sich reißt, aber ein Connector - in Transition etwa kommt seine Schnelligkeit, seine Athletik und sein gutes Passspiel zum Tragen, auch im Halbfeld können diese Stärken eingesetzt werden. Zudem ist er ein verlässlicher Schütze, wenn er den Ball von einem Mitspieler serviert bekommt (vergangene Saison: 39% Dreier), ganz anders als noch zu NBA-Zeiten, als er auch aus den Ecken nur sehr zögerlich warf und dann meistens nicht traf.
In seinen vier NBA-Jahren war die Offense seiner Teams vor allem deshalb stets schwächer, wenn er spielte - diese Zeiten sind vorbei. Auch für die neue, deutlich schnellere Spielweise unter Alex Mumbru scheint Bonga wie gemacht und leistet seinen Beitrag dazu, dass das DBB-Team gerade in der Vorrunde bisweilen so überragend aussah.
Den größten Unterschied allerdings macht Bonga nach wie vor am defensiven Ende aus. Was auch schon in der NBA der Fall war (die Wizards-Defense war in zwei Jahren um satte 9 Punkte besser, wenn Bonga spielte). Dennoch ist er auch an diesem Ende über die vergangenen Jahre noch einige Schritte weitergekommen.
Bonga: Den Court schrumpfen
Bonga kann Ballhandlern über das ganze Feld das Leben zur Hölle machen, diszipliniert vor ihnen bleiben, bei günstiger Gelegenheit zuschlagen - oder ihnen auch mal, wie gegen Portugal gesehen, kurz hinter der Mittellinie einfach den Ball aus der Hand reißen. Gleichzeitig ist er kräftig und lang genug, um auch gegen größere, bulligere Spieler im Post dagegenzuhalten.
Gibt es derweil keinen Star-Spieler, den er abmelden soll, ist Bonga auch Off-Ball überaus wertvoll, liefert etwas Ringschutz, kann in den Passwegen wildern. Die Kombination aus ihm, Franz Wagner und Tristan da Silva gibt dem DBB-Team gleich drei extrem lange, schnelle Forwards, die es einem vermeintlich "klein" spielenden Team ermöglicht, den Court für die gegnerische Mannschaft zu schrumpfen.
Nicht aus Zufall verzeichnen die Deutschen die meisten Steals im Turnier (10,3), was wiederum ihre Fastbreak-Maschine anwirft. Bonga ist in dieser Hinsicht ihr primärer Playmaker, mit 15 "Stocks" (Steals und Blocks) führt er die deutsche Mannschaft in diesem Turnier erneut an.
Bonga: Der Stoff von Albträumen
"Das Spezielle ist, dass wir so viele Leute haben, die flexibel sind und nicht nur die 1, sondern auch die 2, 3, 4 und 5 verteidigen können", erklärte Bonga nach der Vorrunde selbst. "Es wird echt schwer, gegen uns zu spielen - ob offensiv oder defensiv." Er selbst ist dabei jedoch immer wieder tonangebend, selbst wenn seine Zahlen nie die lautesten seines Teams sein werden.
Um seinen Status weiß der Defensivspieler des Jahres in der serbischen ABA dennoch, wie nicht zuletzt seine Aussagen nach dem Privatduell mit Lauri Markkanen („Wenn der nach Hause geht, hoffe ich, dass er Albträume von mir hat“) zeigten. Es ist davon auszugehen, dass er auch die Aufgabe gegen Doncic mit dieser Mentalität angehen wird.
Den slowenischen Superstar wird man zwar nicht bei elf Punkten halten können wie Markkanen; es ist jedoch seit Jahren bekannt, dass das beste Mittel gegen Luka darin besteht, ihn für alles arbeiten zu lassen, das Tempo hochzuhalten und ihm auch hinten keine Verschnaufpausen zu bieten. All das kommt der deutschen Mannschaft - eigentlich - ziemlich gut entgegen.
Bonga: Die Scouts sehen hin
Den schwierigsten, wohl undankbarsten Part als Kopf der Schlange wird jedoch wohl Bonga übernehmen. Das Gute daran: Genau das liegt ihm. "Ich nehme sowas persönlich", sagt der 25-Jährige. Der natürlich auch weiß, dass die NBA-Scouts - die Bonga ohnehin wieder auf dem Radar haben - spätestens jetzt genau hinsehen werden.
Zwar hat Bonga bei Partizan kürzlich bis 2027 verlängert, per Ausstiegsklausel könnte er jedoch bei einem konkreten Angebot BasketNews zufolge auch in diesem Sommer noch wechseln. In der Vergangenheit hatte Bonga betont, dass der Traum von der NBA für ihn trotz des schwierigen ersten Stints nicht ausgeträumt ist.
Wie gesagt: In den drei Jahren seit dem letzten EM-Spiel gegen Slowenien hat sich viel verändert. Und das schließt auch Bonga mit ein. Heutzutage ist es kaum noch vorstellbar, dass irgendein Team auf der Welt keine vernünftige Rolle für einen Spieler mit seinem Skillset finden könnte.