Senor Mumbru. Knapp ein Jahr ist seit Ihrer Installierung als Bundestrainer vergangen? Was haben Sie in Deutschland entdeckt?
Alex Mumbru: Ich kenne alle Straßen (lacht). Ich bin während des Jahres vor allem viel hin- und hergefahren, um alle Standorte und Trainingszentren zu besuchen. Ich habe viele Spiele gesehen, mich mit den meisten Spielern unterhalten.
Und was macht der Privatmensch, wenn er nicht in der Halle oder auf den Autobahnen Deutschlands ist?
Mumbru: Dann bin ich meist bei meiner Familie. Ich möchte bei meinen Kindern sein und mit ihnen spielen. Die Wahrheit ist aber, dass dafür nicht viel Zeit bleibt, weil ich viel über Basketball nachdenke und viel reise. In Spanien lebe ich in Barcelona, in Deutschland habe ich ein Büro in Hagen. Oft bin ich aber mal 15 Tage in München, dann zehn in Berlin oder Hamburg.
Wie war für Sie die Umstellung zum Nationaltrainer? Zuvor haben sie ausschließlich Vereine gecoacht.
Mumbru: Wir haben kaum Zeit zu trainieren, wir werden vielleicht zwischen zehn und zwölf Einheiten vor der EM haben. Eigentlich willst du als Trainer, dass du dein Team verbesserst - und das Schritt für Schritt. Als Nationaltrainer gibt es diese Zeit nicht. Du musst einen Fokus setzen und die wichtigsten Dinge adressieren. Dazu müssen wir die Mannschaft in kurzer Zeit wieder auf einen Nenner bringen.
Mumbru: "Ein eingespielter Kern ist wichtig"
Zumindest sind zehn der zwölf Spieler von 2023 noch mit dabei. Das sollte die Dinger leichter machen.
Mumbru: Es ist wichtig, dass wir einen eingespielten Kern haben. Es wäre dumm gewesen, ein solches Team auseinanderzureißen. Diese Mannschaft ist voller Champions, die mit allen Wassern gewaschen sind und alle Tricks kennen. Ich habe aber auch einige Spieler mehr nominiert, die im Training die Arrivierten pushen. Wir sind aufgrund von Verletzungen, zum Beispiel Isaiah Hartenstein, nicht ganz vollzählig, aber wir haben ein starkes Team und am Ende werde ich die zwölf besten Spieler auswählen, um die bestmögliche Mannschaft zu haben.
Wie steht es um den Spielstil? Werden Sie den beibehalten? Beim Blick auf den Kader bekommt man den Eindruck, dass der Frontcourt etwas dünner ist ohne Moritz Wagner oder Hartenstein.
Mumbru: Das stimmt. Unter Gordie [Herbert] wurden viele Dinge gut gemacht. Sie waren dreimal im Halbfinale, wurden Weltmeister. Einige Sachen werden wir beibehalten, aber ich möchte auch meinen Stil einbringen. Wir könnten ein bisschen schneller spielen, in der Verteidigung häufiger switchen. Ich will dennoch noch einmal betonen, dass diese Mannschaft über viele Jahre gewachsen ist.
In der Qualifikation sah man dies teilweise schon. Mit dem Kader sollte es möglich sein, auch kleiner zu spielen, zum Beispiel mit Franz Wagner oder Isaac Bonga als Vierer.
Mumbru: Ja, natürlich. Wir haben viele Spieler, die das Spiel schnell machen können. Nicht nur die beiden genannten, sondern auch Dennis, Maodo Lo, Andi Obst oder Johannes Thiemann. Wir werden sehen, wie wir das handhaben werden.
Unter Gordon Herbert gab es klare Rollen, meist spielten maximal zehn Spieler. Die spanische Philosophie ist etwas anders.
Mumbru: In den letzten beiden Qualifikationsspielen haben wir alle zwölf Spieler eingesetzt. Jeder Coach handhabt das anders. Gordies Philosophie ist großartig, er hat damit großen Erfolg gehabt. Ich habe dagegen noch nichts gewonnen. Ich versuche, dass alle Spieler im Team wichtig sind. Manchmal werden alle spielen, manchmal vielleicht nur zehn. Was ich aber sehen will, ist voller Einsatz. Wer auf dem Feld steht, muss 100 Prozent geben. Dafür kann man auch längere Zeit auf dem Feld stehen, daran glaube ich.
Mit Dennis Schröder und Franz Wagner sind die zwei womöglich besten Spieler auch stets offensiv wie defensiv engagiert.
Mumbru: Die beiden geben immer alles auf beiden Seiten des Feldes. Das ist wichtig, weil es von der Mannschaft gesehen wird. Dazu kämpfen sie nicht um Status, sie kämpfen für ihr Team. Egos können eine Mannschaft zerstören, doch sie und Spieler wie Thiemann, Daniel Theis, Obst oder Bonga wollen alle das Gleiche - und zwar zusammen gewinnen.
In den vergangenen Jahren gab es nach Absprache mit der Mannschaft kein Trainingslager vor den Turnieren. Sie haben sich für ein Camp in Malaga entschieden. Warum?
Mumbru: Dort herrschen exzellente Bedingungen. Zahlreiche NBA-Spieler kommen im Sommer, um dort zu trainieren. Es gibt dort alles, was man braucht und auch sehr gute Hotels. Franz war zum Beispiel im Juli schon da, um zu trainieren. Ich glaube, es ist der perfekte Ort, um sich vorzubereiten. Wir sind dort ein paar Tage zusammen, um uns in aller Ruhe auf die bevorstehenden Aufgaben vorzubereiten.
Mumbru: "Sie wollen eine Legacy für ihr Land aufbauen"
Wie halten Sie die Motivation hoch? Viele Spieler hatten in den vergangenen Jahren kaum Urlaub? Zum Beispiel ein Andi Obst, der in den BBL-Play-offs komplett platt wirkte.
Mumbru: Ich kann sie motivieren, aber es kommt von ihnen selbst. Sie wollen für ihr Land spielen und die Spiele nicht nur gewinnen. Sie wollen eine Legacy für ihr Land aufbauen. Es ist nicht selbstverständlich, Weltmeister zu werden. Sie waren jetzt drei Turniere in der Weltspitze und sie wollen das wieder als Team erreichen und die Zeit zusammen genießen. Sie brauchen keine Motivation, weil sie stolz darauf sind, für ihr Land zu spielen. Sie haben viele Sommer darauf hingearbeitet und das ist großartig.
Sie kennen das aus Ihrer Zeit als Spieler als Teil der goldenen spanischen Generation. War es da ähnlich?
Mumbru: In Spanien war der Name unserer Mannschaft 'La Familia'. Wir haben diese Wochen immer genossen, weil es unsere zweite Familie war. Ich erinnere mich gerne an diese Zeit. Wir waren glücklich zusammen, haben zusammen gekämpft und hatten einen tollen Zusammenhalt. Es war einer der Schlüssel, warum wir so viele Jahre immer so weit gekommen sind.
Slowenien, Türkei, womöglich Serbien, dazu zwei Duelle mit Spanien. Das ist ein strammes Programm in der Vorbereitung. War das so beabsichtigt?
Mumbru: Wir wollen wissen, wo wir stehen, bevor die EM startet. Wir hätten es sicher leichter haben können, aber es sind Testspiele und für uns ist es wertvoll, dass wir uns umgehend mit den Besten messen können.
Wann werden Sie Ihren Kader auf die finalen Zwölf zusammenkürzen?
Mumbru: Nach dem Trainingslager in Malaga werde ich womöglich ein, zwei Spieler streichen und dann ist der Plan, dass wir gut eine Woche vor dem Start den finalen Kader bekanntgeben. Es hängt von mehreren Dingen ab. Verletzungen können eine Rolle spielen oder aber einer der Streichkandidaten, der so hart trainiert, dass er uns vor eine schwere Entscheidung stellt. Gleichzeitig hat eigentlich jeder der 16 nominierten Spieler einen Platz im EM-Kader verdient.
Wen hätten Sie ansonsten noch gerne nominiert?
Mumbru: Isaiah Hartenstein hatte in den Finals Probleme mit der Achillessehne und muss sich derzeit um seinen Körper kümmern. Er konnte zuletzt nichts machen. Ein anderer Kandidat war Ariel Hukporti, der in den vergangenen Jahren auch einige Verletzungen hatte. Es hat deswegen nicht gepasst und das Gleiche gilt auch für einige College-Spieler. Wir haben da Spieler, die interessant für die Nationalmannschaft sind, aber es ist nicht einfach, vor dem ersten Jahr Einheiten zu verpassen. Wir haben viele Optionen, aber durch Verletzungen und das College waren sie etwas eingeschränkt.
"Mumbru": College-Spieler? Vielleicht klappt es nächstes Jahr"
Wen speziell meinen Sie da?
Mumbru: Spieler wie Sananda Fru, Johann Grünloh oder Hannes Steinbach. Wir haben über sie nachgedacht, aber es hat letztlich für sie nicht gepasst. Vielleicht klappt es dann im kommenden Jahr, wir werden sehen. Bei Christian Anderson war es leichter, weil er schon ein Jahr College gespielt hat. Deswegen kann er mit dabei sein.
Wie sehen Sie die Entwicklung mit den NIL-Deals und dem Trend, dass fast alle deutschen Talente aufs College wechseln?
Mumbru: Zunächst einmal ist es das erste Jahr, dass wir als Verband in so einer Situation sind. Die Spieler können nun in den USA ausgebildet werden und bekommen dafür viel Geld. Natürlich müssen die Spieler sich dann für die Vorbereitung auf dem College entscheiden, weil es für ihre Karriere wichtig ist. Meine Hoffnung ist es, dass es im zweiten oder dritten Jahr einfacher wird und diese Jungs für die Nationalmannschaft spielen werden.
Das ist eine tolle neue Generation und sie hat eine große Zukunft. Aber: Sie sind sehr jung und spielen jetzt nicht nur Basketball. Sie müssen dort auch studieren und das ist nicht immer leicht. Es sind neue Voraussetzungen, auf die wir uns alle erst einmal einstellen müssen.
Mit Christian Anderson ist zumindest einer der neuen Generation, die mit der U-19 WM-Silber holte, mit dabei. Hat er schon das Zeug, obwohl er noch nie ein Spiel als Profi absolviert hat?
Mumbru: Ich gehe davon aus. Das gilt aber auch für Steinbach, Eric Reibe oder Jack Kayil. Die Jungs haben schon ein sehr hohes Level. Das ist unsere Zukunft und das meine ich ernst. Deswegen müssen wir diese Jungs so schnell wie möglich in unser Team bekommen, hoffentlich dann die anderen auch im kommenden Jahr.
Lassen Sie uns ein wenig über die deutsche Gruppe reden. Finnland, Litauen, Montenegro, Schweden und Großbritannien.
Mumbru: Schweden und Montenegro kennen wir schon aus der Qualifikation, Finnland zuhause wird auch kein leichtes Spiel. Das Gleiche gilt für Litauen, die in Tampere vermutlich auch einen Heimvorteil haben werden und immer ein gutes Team stellen. Letztlich ist es so, dass man jeden Trainer fragen kann und der wird immer sagen, dass es schwierige Spiele werden. Das ist auch die Wahrheit. Dazu müssen wir auch weiterschauen. In unserer Kreuzgruppe warten Serbien, Gastgeber Lettland oder die Türkei, das sind alles keine leichten Gegner.
Was muss passieren, dass es eine gute EM war?
Mumbru: Wenn wir eine Medaille gewonnen haben, war es gut, ansonsten nicht. So denken die meisten und das ist die Wahrheit. Wir wollen eine Medaille, aber es können so viele Dinge passieren und man kann nicht davon ausgehen, dass man jedes Jahr eine gewinnt. Es geht auch nicht nur ums Gewinnen, sondern darum, wie man gewinnt. Deswegen haben wir vor dem Turnier noch viel Arbeit vor uns und müssen hart trainieren. Wir müssen ein Kollektiv sein und dann kann es wieder klappen.